10 Antworten von der Kinderwunsch-Expertin

Dr. Gülden Halis ist geschäftsführende Ärztin im Kinderwunsch- und Endometriose-Zentrum Berlin. In diesem Interview berichtet sie über Therapiemöglichkeiten von möglichen Faktoren für Fehlgeburten sowie allgemeine Einschränkungen der Fruchtbarkeit im Alter.

Wie häufig sind Fehlgeburten statistisch gesehen?

Viele Frauen reden nicht gerne über diesen schmerzhaften Verlust und es entsteht der Eindruck, es sei ein seltenes Geschehen. Dem ist aber nicht so. Im Gegenteil: Von allen befruchteten Eizellen kommt es nur in etwa 30% zu einer Lebendgeburt. In etwa 30% der „frühen Verluste“ kommt es zu Einnistungsstörungen des Embryos. Von den verbleibenden Embryonen nisten sich zunächst ca. 70% in die Gebärmutterschleimhaut ein, was zur Produktion des Schwangerschaftshormons hCG führt und somit zu einem positiven Schwangerschaftstest. Leider verlieren wir weitere 30%, bevor wir überhaupt Herzaktionen sehen könnten. Von den verbliebenden Schwangerschaften, bei denen wir im Ultraschall Herzaktionen nachweisen können, verlieren wir dann noch weitere 15 bis 20%  bis zur 12. Schwangerschaftswoche.

Weitergehende Checks in einem Kinderwunschzentrum werden erst nach drei Fehlgeburten empfohlen. Warum nicht früher?

Weil Fehlgeburten eben ein häufiges Phänomen sind und viele Frauen im Laufe ihres Lebens eine oder mehrere Fehlgeburten erleiden, wird eine weitergehende Diagnostik nicht nach der ersten frühen Fehlgeburt empfohlen. In einzelnen Fällen kann diese aber schon nach zwei Fehlgeburten oder einzelnen späten Fehlgeburten (jenseits der 12. Schwangerschaftswoche), nach Totgeburten, erhöhtem weiblichen Alter (nach dem 38. Lebensjahr) und starker psychischer Belastung erfolgen. Jede einzelne Fehlgeburt ist für die Frau und das Paar belastend. Aber nur bei 1-2 % der Frauen kommt es zu wiederholten Fehlgeburten, sog. habituellen Aborten. Hierunter werden mindestens drei Fehlgeburten in Folge verstanden.

Welche möglichen organischen bzw. hormonellen Ursachen für Fehlgeburten klären Sie ab: bei der Frau? Beim Mann?

Es gibt vier Haupt-Ursachen, die vorrangig untersucht werden:

Genetische Ursache:
Insbesonders frühe Fehlgeburten stellen einen „Schutzmechanismus“ der Natur dar und geschehen oft aufgrund genetischer Ursachen. Häufig sind das jedoch zufällige Fehler in der Chromosomenzahl, Chromosomenstruktur oder in einzelnen Genen des Embryos, die bei den Eltern gar nicht vorliegen (sog. spontane Mutationen). Hier ist das Wiederholungsrisiko sehr gering (ca. 1-3%). Wird jedoch eine spezielle Erkrankung von einem der Eltern über die Gene weitergegeben, sprechen wir von einer ererbten Störung. Hier kann das Risiko abhängig von der Lokalisation des Genes von 25 – 50% liegen. Diese Paare haben dann ein deutlich erhöhtes Fehlgeburtsrisiko.

Störungen der Blutgerinnung (sog. Thrombophilie):
Hier kommt es schlicht formuliert zu einer Übergerinnbarkeit des Blutes, die die Einnistung und Entwicklung des Feten stören können. Gerinnungsstörungen werden durch eine einfache Blutuntersuchung abgeklärt. Zusätzlich wird häufig die Analyse des Lupus Antikoagulanz und der Antiphospholipid Autoantikörper, durchgeführt (Antiphospholipidsyndrom).

Veränderung der Gebärmutter-Höhle (anatomische Störungen):
Beeinträchtigungen im Bereich der Gebärmutter wie Myome, Polypen oder Fehlbildungen (tiefe Septen der Gebärmutterhöhle) können meist durch eine Ultraschall-Untersuchung erkannt werden. Kleinere Verwachsungen oder Anlagestörungen, die nicht sicher mit dem Ultraschall erkannt werden können, erfasst man durch eine Gebärmutterspiegelung. Der Vorteil der Gebärmutterspiegelung ist zudem, dass man diese Veränderungen dann sogleich therapieren kann.

Hormonelle Ursachen:
für Fehlgeburten entstehen vor allem aus Störungen der Eizellreifung und der nicht ausreichenden Gelbkörperphase sowie der Schilddrüsenfunktion oder komplexeren hormonellen Abläufen wie z.B. beim PCO-Syndrom (wichtig auch hier einen versteckten Diabetes früh zu entdecken, z.B. durch einen oralen Glukose-Toleranztest).

Aber auch Genussmittelmissbrauch (z. B. Alkohol, Rauchen, Drogen) sind relevante Faktoren. Oft höre ich in der Sprechstunde „viele meiner Freundinnen rauchen anfangs noch“, aber vielfach sind Fehlgeburten nicht einer einzelnen Ursache zuzuordnen, sondern das Resultat einer Vielzahl einzelner Ursachen. Daher stört jede Droge.

Beim Partner:
Bei Männern kann ein erhöhter DFI (DNA-Fragmentationsindex) der Spermien zu häufigen Fehlgeburten bei der Partnerin führen (durch einen Halo-Test nachzuweisen). Wir empfehlen die Durchführung des Halo-Tests nun durch die aktuellen Ergebnisse gerne frühzeitig. Auch Männer sollten ihren Genussmittelgebrauch einschränken.

Was sind die jeweiligen Therapiemethoden?

Es gibt evidenzbasierte Therapien, die durch die Krankenkassen getragen werden, z.B. bei Störungen der Blutgerinnung (sog. Thrombophilie) durch eine Kombination von Thrombosespritzen (unfraktioniertes Heparin - ggf. plus Aspirin). Bei Veränderung der Gebärmutter-Höhle (anatomische Störungen): die Gebärmutter-Spiegelung oder Laparoskopie zur operative Behebung einer Gebärmutterfehlbildung. Bei hormonellen Ursachen: die Behandlung hormoneller Defizite (z.B. Schilddrüse, Hyperprolaktinämie etc).

Trotz intensiven Bemühens kann aber bei vielen Patientinnen mit wiederholten Fehlgeburten keine eindeutige Ursache festgestellt werden. Aus kleinen Fallzahlen oder Fallbeobachtungen werden daher Therapien ohne sicheren Benefit angeboten, z.B. : Kortison, die Immunisierung der Frau mit weißen Blutkörperchen des Ehemannes (paternale Immunisierung), die intravenöse Behandlung mit Immunglobulinen. Alle diese Therapieoptionen zeigen in Studien bei Patientinnen mit unklarer Ursache für die wiederholten Fehlgeburten aber eine nur unzureichende Wirkung. Fairerweise muss man sagen, dass eine abschließende Beurteilung aufgrund der geringen Fallzahlen aber bisher kaum möglich ist.

Können alternative Heilmethoden Erfolg versprechen?

Unbedingt. Wir ermutigen alle Patientinnen für sich alternative Ansätze zu suchen. Bei uns in der Praxis bieten wir Akupunktur und TCM an. Daneben können Methoden wie progressive Muskelentspannung und Yoga sinnvoll sein.

Inwiefern schaden häufige Flüge, Kaffee, Alkohol, Zigaretten oder Sport einer Schwangerschaft?

Für Flüge konnte kein Risiko nachgewiesen werden. Man sollte nur in der Schwangerschaft wegen des erhöhten Thrombose-Risikos Langstrecken-Flüge vermeiden, bzw. ggf. mit dem Arzt eine Heparinisierung besprechen, wenn die Flüge nicht zu vermeiden sind. Kaffee in Maßen ist völlig okay. Sport ist wichtig, nur nicht jede Sportart ist geeignet (z.B. Reiten und Tauchen und Risiko-Sportarten sollten vermieden werden). Alkohol oder Zigaretten sind für jede Schwangerschaft absolut zu vermeiden.

Ab welchem Alter wird es bei Frau schwieriger, schwanger zu werden?

Ab dem 35. Lebensjahr. Sogar durch eine In Vitro-Befruchtung. Und mit zunehmendem Alter steigt die Fehlgeburtsrate! Ich animieren bei all meinen Vorträgen, den Kinderwunsch früher anzugehen und sich nicht durch so verquere Reportagen wie über einige Prominente irritieren zu lassen: Natürliche Schwangerschaften nach dem 43. Lebensjahr sind absolute Raritäten.

Grafiken: Christine Luedke

Was hat es dabei mit dem AMH-Wert auf sich?

Der AMH-Wert gibt uns einen Anhaltspunkt wie hoch die ovarielle Reserve einer Frau ist. Er sagt nichts über die Eizell-Qualität. Er liegt bei Frauen, die jünger als 40 sind zumeist noch über 1. Eine Frau mit einem AMH von 0,5 kann aber noch schwanger werden. Der AMH-Wert ist ein Indikator – keine absolutes Kriterium.

Inwieweit werden Kinderwunschbehandlungen seitens der (gesetzlichen bzw. privaten) Krankenkassen unterstützt?

Gesetzlich Versicherte werden von den Krankenkassen finanziell unter bestimmten Bedingungen unterstützt: Die Partner müssen miteinander verheiratet sein, beide Partner müssen über 25 sein. Die Frau muss unter 40 sein, der Mann unter 50. Manchen Versicherer zahlen sogar 100% der Kosten, wenn beide bei der gleichen Versicherung versichert sind.

Privat-Versicherte müssen nicht verheiratet sein. Hier entscheidet die Versicherung auch nicht strikt nach dem Alter, sondern sie wägt die Wahrscheinlichkeit ab, ob die Chance über 15% beträgt, dass eine Schwangerschaft eintritt.

Ab wann „übergeben“ Sie die Frauen ihrem Frauenarzt?

Wir „übergeben“ unsere schwangeren Patientinnen wieder an die betreuenden Frauenärzte, wenn wir Herzaktionen sehen.

Nach dem Studium der Humanmedizin an der FU Berlin absolvierte Dr. Gülden Halis die Facharztausbildung in der Gynäkologie an der Universitäts-Frauenklinik der Freien Universität Berlin. Seit Abschluß Ihrer Ausbildung in der gynäkologischen Endokrinologie und Reproduktionsmedizin (2008), arbeitet Dr. Halis im Kinderwunsch- und Endometriose-Zentrum Berlin (zertifiziertes Endometriose-Zentrum), seit 2010 als geschäftsführende Ärztin. Gülden Halis ist verheiratet und hat drei Kinder.