6 Antworten von der Gynäkologin

Dr. Claudia Schumann ist Gynäkologin mit psychotherapeutischer Zusatzausbildung. Sie liefert Antworten auf den Umgang von FrauenärztinInnen mit Fehlgeburten und wie man die betroffenen Frauen entsprechend psychosomatisch abholen kann.

Eine Fehlgeburt - was macht das überhaupt mit einer Frau?

Eine Fehlgeburt bedeutet meist eine große Enttäuschung für die Frau: Gerade weiß sie, dass sie schwanger ist, und beginnt sich ein Leben mit Kind vorzustellen – und plötzlich ist alles vorbei. Sie fragt, sich, ob sie etwas falsch gemacht hat, ob sie schuld ist, ob sie fähig ist ein Kind zu bekommen.

Wie gehen Gynäkologen/innen in der Praxis mit dem Thema um?

Für die Frauenärztinnen in der Praxis ist das etwas alltägliches, eben weil Fehlgeburten so häufig vorkommen. Sie haben „Routine“ damit. Das heißt, sie untersuchen, ob wirklich eine gestörte Schwangerschaft vorliegt, und (er)klären, was die nächsten Schritte sind: entweder abwarten oder in die Klinik gehen zur weiteren Klärung bzw. zur Ausschabung. Dennoch sollten sie sich in jedem Einzelfall darüber im Klaren sein, dass es für die Betroffene ein Schock ist, und sich Zeit nehmen für die einfühlsame Beratung und Betreuung, direkt bei der Diagnose und in den Wochen und Monaten danach.

Leider kommt die psychosomatische Betreuung in den Praxen und den Kliniken oft zu kurz. Warum ist das so?

Das höre ich auch manchmal, und es tut mir sehr leid! 
Die sogenannte psychosomatische Grundversorgung gehört zur Ausbildung jedes Frauenarztes bzw. jeder Frauenärztin, und das beinhaltet auch die entsprechende Betreuung bei einer Fehlgeburt. Das muss ja gar nicht viel sein: Die Trauer der Frau ernst nehmen, ihren Verlust benennen, ihr das Recht geben zu trauern, dafür zu sorgen, dass sie direkt nach der Mitteilung der Diagnose gut betreut wird (Partner/ Partnerin/ Familie etc.), für eine gute Betreuung in der Klinik – falls nötig – sorgen. Das alles kann man im Rahmen der Diagnose-Feststellung in relativ kurzer Zeit machen, und dann bei den nächsten Terminen je nach Bedarf intensivieren. Deshalb zählt der Hinweis auf „keine Zeit“ meiner Meinung nach nicht als Erklärung. Eher ist es so, dass die psychosomatische Betreuung von vielen Fachleuten auch heute noch nicht ernst genug genommen wird.

Es war ja noch gar kein Mensch…“ Sowas hören Frauen bei einer frühen Fehlgeburt oft. Lässt sich das überhaupt so pauschalisieren, dass Frauen eine Schwangerschaft härter trifft, je weiter sie in der Schwangerschaft fortgeschritten sind?

Nein! Schon vom Moment an, in dem eine Frau erfährt, dass sie schwanger ist, beginnt sie sich auszumalen, wie es sein wird mit Kind, sie entwickelt Phantasien, innere Bilder. Das wird konkreter, wenn das Kind wächst, sie die Bewegungen fühlt, der Bauch runder wird. Aber auch wenn die Schwangerschaft noch kaum fühlbar ist: Für die Schwangere ist es ihr Kind, dass sie verliert – egal wie klein es noch ist!

Viele Frauen haben gerade in der Folgeschwangerschaft Angst. Wie können sie mit dieser besser umgehen?

Schwierig! Die Angst ist ja da, das Vertrauen in sich selbst ist vermindert. 
Zunächst durch Informationen, dass eine Fehlgeburt etwas sehr häufiges ist, dass sie danach kein erhöhtes Risiko hat für eine weitere Fehlgeburt. (Das erhöht sich erst nach >2 Fehlgeburten). In der Betreuung ist es wichtig, die Angst ernst zu nehmen, sie nicht „wegzuwischen“ – und z.B. der Frau anzubieten, häufiger zu kommen, damit sie mehr Sicherheit bekommt.

Der Tender-Loving-Care Ansatz gilt gerade bei Fehlgeburt als erfolgsversprechend. Warum findet er nicht mehr Anwendung?

Ich kenne und schätze diesen Ansatz sehr, auch wenn er nicht „evidenzbasiert“ ist, d.h. es gibt keine harten Beweise, dass das hilft. Aber auch ich habe die Erfahrung gemacht, dass Frauen, die schon Fehlgeburten hinter sich haben, sehr gerne annehmen, wenn sie häufigere Termine, z.B. einmal jede Woche, angeboten bekommen mit der Möglichkeit über ihre Ängste und Sorgen zu sprechen, zusätzlich zur Untersuchung. Ein Problem ist, dass das in unserm Vergütungssystem nicht honoriert wird: In der Praxis bekommt man eine Pauschale pro Schwangere pro Quartal, egal wie oft sie kommt; und am Anfang ist eben nur ein Besuch einmal pro Monat eingeplant. Psychosomatik wird nicht gut bezahlt, leider. Trotzdem versuchen viele FrauenärztInnen, Frauen entsprechend zu stärken; wieviele, ist nicht bekannt. D.h. ich kann nicht beurteilen, ob es zutrifft, dass er nicht genug Anwendung findet.

Dr. Claudia Schumann arbeitet fast 30 Jahre lang tätig als niedergelassene Frauenärztin. Sie ist Autorin des Buchs „Frauenheilkunde mit Leib und Seele“ und engagiert sich in der DGPFG (Deutsche Gesellschaft für psychosomatische Frauenheilkunde und Geburtshilfe) und im AKF e.V. (Arbeitskreis für Frauengesundheit in Medizin, Psychotherapie und Gesellschaft)