Anika, 37, Lehrerin

Die weiße Wolkenwand ist geblieben.

Anika war fünfmal schwanger und hat zwei gesunde Kinder: einen Sohn und eine Tochter. Hier berichtet sie über die stille Geburt von ihrem Theodor in der 26. Schwangerschaftswoche.

Bis heute war ich fünfmal schwanger. Meinen ersten Sohn habe ich 2014 per Kaiserschnitt in Schwangerschaftswoche 35+3 geboren. Anfang Juli 2015 hatte ich eine frühe Fehlgeburt. Im Februar 2016 hatte ich eine Abtreibung mit einem Fötus, der eine Überlebenschance von 1 Prozent außerhalb meines Körpers hatte, da er ein sogenannter "hydrops fetalis" aufgrund seines Down Syndroms war. Im November 2016 habe ich meinen zweiten Sohn per Kaiserschnitt still geboren. Darüber möchte ich hier berichten. Und nun zwei Jahre später habe ich meine Tochter gesund per Kaiserschnitt im August 2018 geboren.

Wir sind einen langen und zuweilen sehr traurigen Weg gegangen, bis wir unser zweites Kind lebend in den Armen halten durften.

Mitten in der Nacht gab es lediglich einen einzigen Ort, auf dem ich halbwegs schmerzfrei sitzen konnte: die Toilette. Bereits seit einiger Zeit war meine Kurzatmigkeit schlimmer geworden und auch der Bauch schmerzte mehr. An diesem Morgen nahm der Schmerz zu. Allerdings schob ich dieses unangenehme Gefühl auf die Lage von Theodor in meinem Bauch. Heute weiß ich nicht mehr, was genau ich an diesem Tag gemacht habe. Da ist eine große, weiße Wolkenwand, die mich nicht zu diesem Tag zurücklässt.

In diesem Moment wußte ich, dass Theodor nicht mehr da war. Dennoch hatte ich die absurde Hoffnung, dass man ihn vielleicht noch retten kann.

Nachts auf dem Rückweg von der Toilette ins Bett ergoß sich aus mir ein Blutschwall auf den Fußboden. In diesem Moment wußte ich, dass Theodor nicht mehr da war. Dennoch hatte ich die absurde Hoffnung, dass man ihn vielleicht noch retten kann. In weniger als zehn Minuten saßen wir im Auto, nachdem mein Schwiegervater als Babysitter für unseren Sohn eingetroffen war, und rasten Richtung Krankenhaus. Ich rief das Krankenhaus an und schilderte unter Tränen meine Situation. Die Krankenschwester betrachtete meine Situation nüchterner als ich und fragte, ob wir gerade Geschlechtsverkehr gehabt hätten. Diese Frage brachte mich schon ein wenig aus dem Konzept, da mir klar war, dass in meinem Bauch etwas überhaupt nicht stimmte und sie mich etwas so absurdes fragte, anstatt mich und meine Ängste ernst zu nehmen.

Gleich nach der Ankunft im Krankenhaus wurde ein CTG gemacht, das keine verwertbaren Resultate brachte und genauso war es mit dem beweglichen Ultraschallgerät. Erst mit einem präziseren Gerät wurde deutlich, dass das Herz wahrscheinlich nur noch ganz gering oder gar nicht schlug. Dieses Ergebnis gab mit den Ausschlag dafür, dass mein Leben nun im Vordergrund stand, da der Ultraschall auch ergeben hatte, dass sich die Plazenta abgelöst und sich zusätzlich zu Theodor ein Hämatom in meiner Gebärmutter befunden hat.

Es bestand nun also die Gefahr, dass ich verblute, weil ich in mich blutete.

Gleichzeitig bedeutete es aber auch, dass Theodor dadurch zu wenig oder nicht mehr versorgt wurde. Meine Gedanken kreisten immer und immer wieder um dieselben Punkte, wenn er lebendig geboren wird, dann ist er kaum lebensfähig, denn es ist erst die 26. SSW: Er ist doch noch so klein. ER IST DOCH NOCH ZU KLEIN!!! Er hat noch keine funktionsfähige Lunge und was ist mit den anderen Organen?

Rasant ging es mir körperlich schlechter, sodass ich - nach einer kleinen Atempause für alle Beteiligten - für den Kaiserschnitt vorbereitet wurde. Mein Mann machte sich auch bereit, um mir bei der OP zur Seite zu stehen. Ich kann mich nicht mehr an viel erinnern, nur dass der Arzt, nachdem er Theodor rausgeholt hatte, den Kopf geschüttelt hat. Unser mini-winziger Zwergensohn war tot.

Einfach tot. Innerhalb von drei Stunden war uns die Möglichkeit genommen worden, bald zu viert zu sein.

Zurück im Entbindungszimmer wurde uns Theodor gebracht. Wir waren komplett hilflos, denn wie sollten wir mit einem toten Kind umgehen? Einem lebendigen Kind schaut man beim Schlafen zu, kuschelt, versucht, es zu stillen, oder wickelt es. Aber was macht man mit einem toten Kind? Wir haben versucht uns sein Gesicht einzuprägen, seine Finger und Zehen betrachtet und seine Ähnlichkeit zu seinem Bruder bewundert. Wir brauchten etwas, dass ihn zu uns gehörig machte und Theodors Ähnlichkeit zu seinem Bruder, als der ein Baby war, hat auch ihm etwas lebendiges verliehen. Später haben wir im Krankenhaus Fotos von ihm gemacht, da war er allerdings schon kühlschrankkalt und hatte alles Lebendige verloren.

Zurück aus dem Krankenhaus mußten wir Entscheidungen treffen, die für Eltern eines Säuglings doch eher untypisch sind: Wie soll die Bestattung aussehen? Welchen Grabstein? Verbrennen oder nicht? Diese Entscheidungen haben wir in einem von uns losgelösten Schwebezustand getroffen. Theodor wurde verbrannt und liegt nun bei seinen Urgroßeltern mit auf dem Grab, denn wir konnten uns nicht vorstellen, dass er ganz alleine irgendwo sein muss.

Für unsere engsten Verwandte und Freunde haben wir eine Traueranzeige gestaltet und für die Trauerfeier haben wir dann gebacken und gebacken einen ganzen Tag lang im Schlafanzug… Es war das einzige und letzte, was wir für unseren Sohn tun konnten, denn wir werden keine weitere Chance erhalten, um eine Feier für Theodor ausrichten zu können.

Die Wolkenwand ist zugunsten eines einzigen Gedankens geblieben: Würde Theodor leben, hätte ich den Schmerz früher ernst genommen?

Anika, 37, Lehrerin