Britta, 39, Medienbetriebswirtin

Zurück ins Leben.

Nach zwei gesunden Kindern wünscht Britta sich ein drittes. Was folgen sind drei Fehlgeburten und eine Küretage. Sie empfiehlt professionellen psychologischen Beistand.

Vor etwas mehr als einem Jahr haben wir beschlossen, dass wir gerne noch einen Nachzügler möchten. Jahrelang hatten mein Mann und ich das Für und Wider diskutiert. Warum sollten wir das Schicksal herausfordern, wo es uns so gut geht, mit unseren zwei gesunden, tollen Kindern. Aber der Wunsch ließ sich einfach nicht verdrängen. Er war so präsent und da haben wir beschlossen: Jetzt oder gar nicht. Direkt im ersten Zyklus danach hatten wir einen positiven Test in der Hand. Wir waren völlig überrumpelt, hatten wir doch für die beiden Großen fast immer ein Jahr gebraucht. Ich googelte und las, dass das Risiko bei Spätgebärenden (Ich war ja schon 38) nicht höher sei, wenn sie bereits gesunde Kinder hätten und war unwahrscheinlich beruhigt. Eine Woche hielt die Freude.

Aber dann hatte ich Blutungen. Ich rief beim Arzt an und durfte sofort kommen. Die Blutung war mittlerweile recht stark und im Ultraschall nichts zu erkennen. Es wurde Blut für den HCG-Wert abgenommen und ein paar Tage später sollte ich einen Kontrollwert abnehmen lassen. Bis dahin war die Blutung allerdings schon so stark, dass ich sicher war, dass es vorbei ist, und erst gar nicht mehr in die Praxis bin.

Ich habe viel geweint und dann beschlossen wir, wir probieren es noch einmal. Frühe Fehlgeburten sind häufig und nun hat es eben uns getroffen und dass wir so traurig sind, ist das Zeichen, dass wir das Kind wirklich wollten.

Zwei Zyklen später hatte ich wieder einen positiven Test in der Hand. Ich konnte es kaum glauben, doch bei den folgenden Arztbesuchen war alles so wie es sein sollte. Die Größe entsprach immer dem errechneten Termin und nachdem das Herzchen schlug, wurde ich langsam sicherer. Ich nahm vorsorglich Progesteron, um auf der sicheren Seite zu sein. Wir weihten die Kinder ein, die sich so freuten und an den Händen fassten und durchs Wohnzimmer tanzten. Ich besuchte einen Yogakurs für Schwangere und weihte schon in der 10. Woche meinen Chef ein. Schließlich wollte ich ersetzt werden, nicht so wie das letzte Mal. Ich war überglücklich und las in Newslettern, wie weit mein Baby schon war und war ein bißchen beängstigt, weil mein Bauch schon so groß war. Aber auch bei den beiden Großen war ich schon früh sehr rund.

Eines Sonntags im März, teilte ich meinem Mann freudig mit, dass wir ja schon in der 12. Woche sind und nun ja eigentlich nichts mehr passieren könne. Und dann hatte ich beim Einführen der Progesteron-Kapsel einen blutigen Schleimklumpen am Finger. Mein Mann fand mich überbesorgt, aber ich bin sofort ins Krankenhaus. Er blieb bei den Kindern.

Stundenlang saß ich im sonntäglichen Notdienst vorm Kreißsaal und war wie gelähmt.

Bis schließlich die Ärztin kam und den Ultraschall machte. Sie brauchte nichts zu sagen. Seit dem letzten Ultraschall war unser Baby nur wenig gewachsen und es war definitiv kein Herzschlag zu erkennen. Sie holte die Oberärztin dazu, die die Diagnose dann laut aussprach. Ab da liefen die Tränen und ich war völlig außer mir. Am liebsten wollten sie mich zur Ausschabung direkt dabehalten, eine völlig absurde Vorstellung. Im Arztbrief stand dann, die Patientin sei zur OP-Aufklärung nicht in der Lage und sie rieten mir am nächsten Morgen zu meinem Frauenarzt zu gehen um mir dort eine Zweitmeinung einzuholen.

Den restlichen Tag verbrachte ich abwechselnd versteinert oder in Tränen aufgelöst, ich kam mir vor wie im falschen Film, das konnte doch mir nicht passieren. Nachts im Bett hatte ich mir doch schon die ersten Bewegungen eingebildet und jetzt sollte alles vorbei sein? Das konnte ja nicht stimmen.

Am nächsten Morgen rief ich meinen Frauenarzt an und durfte wieder sofort kommen. Auch das Wartezimmer durfte ich überspringen um mir dann mit meinem Mann die gleiche Diagnose wie am Tag zuvor anzuhören. Missed Abortion, verhaltene Fehlgeburt. Unser Baby war einfach so in meinem Bauch gestorben. Mein Mann war auch fassungslos und starrte ungläubig das Ultraschallbild an, auf dem doch ein perfekter kleiner Mensch mit Armen und Beinen zu sehen war, nur ohne Herzschlag. Ich wurde über die unglaublich vielen Risiken aufgeklärt, die ich einginge, wenn ich den natürlichen Verlauf abwarten würde und habe so trotz eines ganz schlechten Gefühls die Überweisung zur Ausschabung entgegen genommen.

Also ab ins Krankenhaus, wieder warten und die OP-Aufklärung über mich ergehen lassen. Die Risiken klangen gar nicht besser als die des natürlichen Anfangs, aber alle meinten es sei sicherer. Ich konnte nicht denken und nicht aufhören, zu weinen. Die Ärzte und mein Mann waren klar und haben die Entscheidung getroffen.

Dann kam das absurdeste, das Narkosevorgespräch. Weinend betrat ich das Zimmer der Anästhesistin, sie fragte nach der OP und als ich sagte "Ausschabung", meinte sie: "Ah, ein Abbruch." Nein, eine Fehlgeburt stellte ich klar und da kam als Antwort, dass ich mich doch freuen solle, dass es so ausgeht, das Kind wäre dann ja nicht gesund gewesen. Acht Monate ist dieser Satz her und ich bin bis heute fassungslos, wie man der Meinung sein kann tot sei besser als krank!

Am nächsten Tag ging es zur OP. Das war definitiv der schlimmste Tag in meinem Leben. Hysterisch weinend und am ganzen Körper zitternd bin ich auf diesen Stuhl geklettert, um mich dort festschnallen zu lassen und mich betäuben zu lassen, damit die Ärzte mein totes Baby aus mir heraus kratzen können. Als ich wieder aufgewacht bin, war ich leer und mein Baby weg. Sehen durfte ich es nicht. Ein Abschied war nicht möglich.

Ich möchte jede Frau, die auch nur die geringsten Zweifel an der Ausschabung hat, darin bestärken, sich zu wehren.

Es geht auch anders. Die Ärzte müssen das nicht bestimmen. Ich verstehe gut, wenn es Frauen gibt, die es so schnell wie möglich hinter sich bringen wollen, und nicht die ganze Zeit mit einem toten Baby im Bauch herum laufen wollen, und für die eine Ausschabung die bessere Möglichkeit ist. Aber genauso, gibt es Frauen, für die ein Abschied wichtig wäre. Ich hätte gerne Abschied genommen, aber das war mir nicht möglich.

Nach der OP musste ich schnell mein Bett für den nächsten Patienten freimachen und im Wartezimmer auf meinen Mann warten. Unser Kind durfte ich nicht sehen, es geht ja bei der Ausschabung auch kaputt. Hätte ich den natürlichen Verlauf abgewartet, hätte ich es betrachten und halten können. Ich glaube, das hätte es mir leichter gemacht. Mein Mann kümmerte sich rührend um mich, während ich die nächsten Tage weinend im Bett verbrachte.

Nach drei Tagen sagte meine sechsjährige Tochter zur mir: "Wein doch nicht mehr, du hast doch schon so viel geweint." Also habe ich aufgehört zu weinen, wenn die Kinder dabei waren. Sobald die Kinder in Schule und Kita waren, war es aber vorbei, die Tränen liefen. Ich habe von so vielen Fehlgeburten gehört, das hätte ich im Leben nicht gedacht, viele Menschen waren toll, haben mich in den Arm genommen und weinen lassen. Arbeiten ging gar nicht. Als ich den Yogakurs abgesagt habe, bat die Hebamme, die ihn geleitet hat, mich doch bei Donum Vitae zu melden, dort würden sie auch Trauerbegleitung für Frauen nach Fehlgeburten anbieten.

Zuerst wollte ich nicht. Was sollte ich dort, wo Frauen sich beraten lassen, wie sie mit ihren ungeplanten, nicht erwünschten Kindern umgehen. Aber nachdem eine mir völlig fremde Frau mich über die Straße führte, weil sie mich dazu nicht mehr in der Lage sah, rief ich doch an und geriet an eine so freundliche Frau, die mich beruhigte und mir einen Termin anbot. Ich ging hin und fühlte mich danach viel besser, ich weinte immer noch, aber ich schämte mich nicht mehr dafür. Ich bin so dankbar, dass ich diese Frauen kennen lernen durfte.

Ich habe viele Stunden bei Donum Vitae verbracht und unglaublich viel Verständnis und Halt erfahren dürfen.

Immer positiv reagierte meine tolle Beraterin auf meine teilweise wirren Gefühle und Gedanken. Ich bin ganz sicher, ohne sie wäre ich nicht mehr aus dem Tal der Trauer heraus gekommen. Sogar im Urlaub hatten wir Mail-Kontakt. Ohne sie wäre ich durchgedreht.

Auch das möchte ich gerne allen betroffenen Frauen mitgeben. Es gibt Hilfe. Sucht sie und nehmt sie an! Keine Frau sollte da alleine durchmüssen und manchmal sind Familie und Freunde nicht die richtigen Ansprechpartner. Mit Familie und Freunden konnte ich nicht sprechen. Es lief immer nur auf "Sei dankbar, du hast zwei tolle, gesunde Kinder"-Aussage hinaus. Danach hatte ich nur noch zusätzlich ein schlechtes Gewissen, dass ich trauerte. Ich konnte mich doch nicht über meine lebenden Kindern freuen und gleichzeitig um meine toten Kinder weinen. Lediglich eine Freundin hat verständnisvoll reagiert, mich auch in der Trauer angenommen und mich nicht "ablenken" wollen.

Mein Frauenarzt überwies mich in die Gerinnungsambulanz und ermunterte uns es nach, es nach zwei Zyklen Pause noch einmal zu probieren. Ganz sicher waren wir nicht und etwas überrascht, als ich dann tatsächlich wieder einen positiven Test in der Hand hielt. Die Ergebnisse der Gerinnungsambulanz waren nicht eindeutig, ein Blutwert war etwas außer der Reihe, der Rest in Ordnung. Sofort war ich beim Frauenarzt, der mich beruhigte und mir Rezepte für Progesteron und Heparin-Spritzen ausstellte. Ich war ängstlich und unsicher und panisch und dann wieder zuversichtlich, dass nun aber alles gut geht. Eine eingeweihte Freundin sagte "Da will wohl jemand unbedingt zu euch" und diese Vorstellung fand ich sehr tröstlich, sie gab mir Ruhe und Zuversicht.

Ich meditierte viel und sprach mit meinem Baby im Bauch, dass es wachsen solle und bei uns bleiben. Auf dem Friedhof sprach ich mit unserem toten Baby und hoffte, dass es zurück gekommen sei und nicht ersetzt worden war.

Als wir dann in der 7. Woche beim Ultraschall waren, schallte der Arzt lange. In der Fruchthöhle gab es einen Dottersack und einen Embryo mit Herzschlag, er schallte weiter und dort war noch ein Dottersack, noch ein Embryo, aber kein Herzschlag. Er meinte, wir sollten uns auf den mit dem Herzschlag konzentrieren und den anderen wieder vergessen.

Ab ich war völlig konfus. Ich googelte viel. Eineiige Zwillinge in einer Fruchthöhle sind eine ziemliche Risikoschwangerschaft. Viele potentielle Probleme, viele Gefahren für die Kinder. Ich betete, dass beide es schaffen. Ich sagte mir, die beiden toten Kinder davor waren nötig, damit ich aus ganzem Herzen Zwillinge wollte, was früher eigentlich mein persönlicher Alptraum war. Ich fand so viele Gründe, mich über Zwillinge zu freuen und war völlig verrückt vor Sorge, was alles passieren könnte.

Beim nächsten Frauenarzt-Termin brach meine Welt erneut zusammen, es war gar kein Herzschlag mehr zu sehen. Sie haben es alle beide nicht geschafft.

Alles beten, alle Zuversicht, alle Hoffnung: alles umsonst. Ich war wütend auf Gott, dass er mir das antat. Im Alltag musste ich mich zusammen reißen, die Kinder wussten nichts von der Schwangerschaft, nur sehr wenige waren eingeweiht. Ich ließ mich krank schreiben und verweigerte eine erneute Ausschabung. Ich konnte die Fruchthöhle aufgefangen und die beiden winzigen Embryos betrachten. Ich konnte mich verabschieden und sie begraben. Wir fuhren in Urlaub und dort bekam ich Fieber, es war nicht alles abgegangen, ich hatte eine Gebärmutterentzündung.

Als die Antibiotika anschlugen, war ich froh, noch zu leben, und nahm mir vor, dieses Gefühl bei zu behalten. Aber es ist so schwer.

Viele neue traurige Jahrestage begleiten mich nun durchs Jahr. Eigentliche Entbindungstermine, Todestage...

Ich weiß nicht, wo ich ohne die unglaublich tolle Begleitung meiner Donum Vitae-Beraterin stehen würde. Sie war ganz viel für mich da und hat die Trauer mit mir durchgestanden und mir Halt und Zuversicht gegeben. Sie hat mich mit allen meinen Gefühlen ausgehalten und mir dabei noch das Gefühl vermittelt, ich sei in Ordnung, so wie ich bin. Das mit der Zuversicht fällt mir noch schwer, aber das Leben geht weiter und ich habe zwei tolle Kinder, die es verdient haben, dass ihre Mutter das Leben mit ihnen genießt und nicht nur aushält.

Also kämpfe ich mich zurück ins Leben. Und das meine ich genau so, denn gefühlt ist mit jedem Baby ein Teil von mir mit gestorben.

Mein Name ist Britta und ich bin 39 Jahre alt, Medienbetriebswirtin und ich habe 2 wundervolle Töchter.