Daniela, 34, Heilpädagogin

Meine Geschichte

Daniela war mit 31 das erste Mal schwanger und erlitt einen Missed Abort. Drei Jahre später, mit einem neuen Partner, kommt es zur Eileiterschwangerschaft. Nun fordert sie einen offeneren Umgang mit Fehlgeburten.

Ich war 31, als ich das erste Mal schwanger wurde. Kinder wünsche ich mir schon, seitdem ich denken kann und oft habe ich mir ausgemalt, woran ich es wohl merken würde, schwanger zu sein und wie das Gefühl sein würde, einen positiven Test in der Hand zu halten. Als es dann soweit war, hatte ich überhaupt nicht damit gerechnet und ich war total überrascht. Mit meinem Freund war ich zu dem Zeitpunkt noch nicht lang zusammen und dass wir jetzt schon ein Kind bekommen, war nicht geplant. Er war sich bis vor kurzem nicht mal sicher, ob er überhaupt welche will. Dennoch war die Freude auf beiden Seiten riesig und es war sofort klar: „Natürlich wollen wir dieses Kind und wir lieben es jetzt schon!“ Er nannte sich sofort Papa und mich Mama und wir malten uns schon aus, wie alles werden würde. Dann kam der erste Besuch beim Arzt und es war eine Fruchthöhle sichtbar, die normal entwickelt schien. Alles in Ordnung! Einen Mutterpass bekam ich noch nicht, denn das Herz konnte man noch nicht schlagen sehen. Das wollte meine Ärztin erst noch abwarten. Aber erstmal kein Grund zur Sorge, alles normal.

Wir freuten uns noch mehr und planten noch mehr. Wir überlegten, wie und wann wir es unseren Familien erzählen wollen und entschieden uns, es meinen Eltern zuerst zu sagen. In ein paar Wochen war ein Urlaub in unserem Ferienhaus am Meer geplant und meine Eltern befanden sich bereits dort. Es sollte also eine schöne Überraschung vor Ort werden. Wir kauften zwei kleine Bücher: eins für den Opa und eins für die Oma. Seine Eltern sollten es danach erfahren.

Wir sind direkt ins Krankenhaus. Dort mussten sich die Schwestern erstmal davon überzeugen, dass ich schwanger bin.

Dann kam der Tag, an dem ich eine Blutung bekam. Ein ziemlicher Schreck. Wir sind direkt ins Krankenhaus. Dort mussten sich die Schwestern erstmal davon überzeugen, dass ich schwanger bin. Ich hatte ja noch keinen Mutterpass. Also urinierte ich in einen Becher und ließ einen Test machen. Dann wurde auch eine Ärztin informiert. Die Untersuchung ergab, dass es altes Blut war. Also erstmal nichts schlimmes und durchaus häufig vorkommend in dieser Phase der Schwangerschaft. Der Ultraschall ergab weiterhin eine Fruchthöhle. Die Ärztin fragte nach der Schwangerschaftswoche. Es müsste ungefähr die 7. gewesen sein. Sie runzelte die Stirn und sagte dann: „Hmm..vielleicht ist die Schwangerschaft doch jünger als sie denken. Ich sehe nicht genug für die 7. Woche. Aber sorgen Sie sich nicht. Gehen sie aber so bald wie möglich wieder zu ihrer Ärztin!“
Sorgen Sie sich nicht? Wie sollte das jetzt noch gehen? Auf einmal, ganz langsam, bekam ich meine Zweifel, ob wir die Zukunft mit unserem Baby wirklich erleben durften.

Ein paar Tage später war ich wieder beim Frauenarzt. Diese bestätigte, dass sich die Fruchthöhle nicht viel weiter entwickelt hatte. Aber erstmal hieß das noch nichts, so sagte man mir. Es kann sein, dass die Schwangerschaft jünger ist als gedacht. Also abwarten, ausruhen, ruhig bleiben. Ich wurde krank geschrieben und sollte in zehn Tagen wiederkommen. Einen Mutterpass bekam ich natürlich nicht.

Die Zeit bis zum nächsten Termin kam mir endlos vor. Zu Hause zu sein in so einer Situation, war nicht wirklich hilfreich. Ich fragte ständig "Dr. Google", was das alles bedeuten könnte und immer wieder kam mir der Begriff „Missed Abortion“ vor die Augen. Ich hatte Angst. Ein paar Freundinnen wussten bereits über meine Schwangerschaft Bescheid und versuchten, mich zu beruhigen. Ebenso mein Freund, der fest an unser Baby glaubte. Zum nächsten Termin kam er dann mit. Im Ultraschall zeigte sich diesmal sogar weniger als vorher. Meine Frauenärztin teilte uns mit, dass unser Baby es nicht geschafft habe. Es sei eine Fehlgeburt, die man in diesem Fall „Missed Abortion“ nennt und zwar deswegen, weil es nicht zu einem selbstständigen Abgang kommt. Ich befand mich mittlerweile in der 10. Woche und sie empfahl uns, direkt in ein Krankenhaus zu fahren und einen Termin zur Ausschabung zu machen. Es war Montag. Donnerstag ging unser Flieger in den Urlaub ans Meer.

Die nächsten Stunden und Tage empfand ich wie durch einen Schleier hindurch.

Eine Mutterpass mit allen wichtigen Daten (Blutgruppe und -werte) stellte sie mir dann auch noch aus. Tja, jetzt hatte ich ihn also, den Mutterpass. Den ich mir so lange gewünscht hatte. Als sei er ein Zeichen dafür, dass ich bald Mutter sein würde. Weit gefehlt, denn ich würde keine Mutter sein, hielt ihn aber trotzdem in der Hand. Die nächsten Stunden und Tage empfand ich wie durch einen Schleier hindurch. Die Untersuchungen im Krankenhaus bestätigten die Diagnose und für Mittwoch wurde ich auf die Liste für die Ausschabung gesetzt. An erste Stelle. Damit ich nicht den Frauen begegne, die nach mir zu ihrer Abtreibung antraten. Wir fuhren gemeinsam zu diesem Termin und ich konnte danach den ganzen Tag nur weinen. Bevor wir am nächsten Tag in den Urlaub flogen, riefen wir noch meine Eltern an, um ihnen mitzuteilen, was geschehen war. Ich wollte nicht in die Situation kommen, am Flughafen abgeholt zu werden, und als erstes in Tränen auszubrechen. Sie waren sehr betroffen und auch bei unserer Ankunft erstmal sehr bemüht. Danach sprachen wir nicht mehr darüber.

Auch mit meinem Freund sprach ich nicht über das was passiert war. Zu keinem Zeitpunkt.

Auch mit meinem Freund sprach ich nicht über das was passiert war. Zu keinem Zeitpunkt. Wir trauerten beide alleine. Ein paar Monate später endete unsere Beziehung. Wir hatten es nie geschafft, über unser verlorenes Baby zu sprechen und das überstand unsere Beziehung nicht. Allerdings wollten wir Freunde bleiben, denn egal wie, diese kurze Schwangerschaft würde uns immer verbinden.Als wir uns nach kurzer Zeit wieder trafen, redeten wir das erste Mal über das, was passiert war. Wir beschlossen, das weiter zu tun. Als Freunde. Solange, bis wir den Verlust unseres Kindes akzeptieren konnten. Wir packten auch eine kleine Kiste, in die wir jeweils einen Brief und ein paar Gegenstände hineingaben, die uns symbolisch mit unserem Baby verbanden. Diese Kiste vergruben wir im Wald. Eine Art Beerdigung für unser Kind. Das half sehr!

Ich hatte mich in der Zwischenzeit auch in Therapie begeben. Die Selbstzweifel, die mich seit dieser Situation immer wieder plagten, waren so laut geworden, dass ich regelrecht in einen Burnout geschlittert war. Ich hatte versucht, sie mit Arbeit zu beruhigen. Ich arbeitete zu diesem Zeitpunkt in einer Mutter-Kind-Einrichtung, in der ich jungen Müttern dabei half, mit ihren Babys und Kleinkindern zurecht zu kommen. Rückblickend ist mir natürlich klar, dass das gerade in dieser Situation meine Psyche noch mehr belastet hat. In diesem Moment jedoch konnte ich das nicht sehen. Es hat lange gedauert, bis es mir besser ging und ich wieder hoffnungsvoll in die Zukunft blicken konnte.

Endgültig abschließen mit meiner Fehlgeburt konnte ich erst drei Jahre später.

Endgültig abschließen mit meiner Fehlgeburt konnte ich erst drei Jahre später. Mein ehemaliger Partner und heute bester Freund und ich hatten herausgefunden, dass es die Möglichkeit gibt, für jede Fehlgeburt, egal zu welchem Zeitpunkt sie stattgefunden hat und egal wie lange sie her ist, einen Eintrag im Melderegister laut Personenstandsgesetz zu machen und einen Namen zu vergeben und – falls es zum Zeitpunkt der Fehlgeburt noch nicht bekannt war – sich für ein Geschlecht zu entscheiden. Das taten wir. Da ich seit Beginn der Schwangerschaft davon ausgegangen war, dass es ein Mädchen wird und wir sehr schnell einen Mädchennamen ausgewählt hatten, entschieden wir uns dazu, unser Baby Matilda zu nennen. Damit wurde sie nicht nur für uns, sondern auch für jeden anderen existent. Sie hat einen Namen und sie ist dadurch real und nicht nur eine Ansammlung von Gewebe, die es nicht geschafft hat, weiterzuleben.

Ich bin nun fast 35, habe seit einiger Zeit einen neuen Partner und wir wünschen uns ein Baby. Wir versuchen aktiv, schwanger zu werden und vor kurzem hat es geklappt. Leider hatte ich sofort ein ungutes Gefühl. Ich kann nicht erklären, woher es kam. Ich hatte keine Schmerzen und fühlte mich ziemlich schwanger. Mein Freund benannte auch, Veränderungen an mir wahrnehmen zu können. Dennoch hatte ich sofort das Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Einen Tag nach dem positiven Test hatte ich eine Blutung. Sofort fühlte ich mich alarmiert und ich bestand darauf, ins Krankenhaus zu fahren. Dort machte man einen Ultraschall, auf dem bis auf eine hoch aufgebaute Schleimhaut nichts zu sehen war. Der Bluttest ergab einen noch sehr niedrigen HCG-Wert, sodass wir nach Hause geschickt wurden mit der Empfehlung, diesen Wert in den nächsten Tagen bei meiner Frauenärztin überprüfen und in einer Woche nochmal einen Ultraschall machen zu lassen.

Dies taten wir. Mir wurde in der Woche darauf zweimal Blut abgenommen. Beide Male war das HCG nur langsam gestiegen. Das führte dazu, dass sich mein ungutes Gefühl festigte. Meine größte Angst war mittlerweile eine Eileiterschwangerschaft. Ich hatte natürlich wieder einige Male Dr. Google konsultiert und diesmal fiel mir besonders diese Diagnose häufig ins Auge. Je näher der Ultraschalltermin kam, umso klarer wurde das Gefühl, dass es kein gutes Ende nehmen würde. Da ich bei dieser Schwangerschaft von Anfang an einigen mir nahestehenden Personen davon berichtet hatte, erreichten mich viele aufmunternde Worte. Alle hatten gemeinsam, dass sie sicher waren, dass es gut gehen würde. Alle konnten auch meine Angst verstehen, denn sie wussten von meiner voran gegangenen Fehlgeburt.

Am Tag des Ultraschalls stand mein Freund an meiner Seite. Die Diagnose, auf die ich mich bereits eingestellt hatte, traf mich dennoch sehr hart. Eine Eileiterschwangerschaft betrifft etwa 1-2% aller Schwangeren. Wieso musste ich jetzt auch dazu gehören? Es fühlte sich so unfair an. Ich war so traurig und weinte viel. Aber ich redete auch. Mit meinem Freund. Sehr viel! Wir fuhren ins Krankenhaus und hatten beide Angst vor dem, was da kommen würde. Der HCG-Wert wurde überprüft und war mittlerweile normgerecht angestiegen. Die Hoffnung auf einen natürlichen Abgang, den es wohl auch im Falle von Eileiterschwangerschaften gibt, konnte ich so begraben. Meine größte Angst war jetzt eine OP, bei der häufig der Eileiter entfernt werden muss. Das erschwert natürlich dann das zukünftige Schwangerwerden. Eine weitere Möglichkeit war die intravenöse Einnahme eines sehr starken Medikaments. Ein Chemotherapeutikum, das die Zellen, die an falscher Stelle sitzen zersetzt und den Körper somit quasi von der Schwangerschaft befreit.

Egal, welche von diesen Optionen eintreten würde, beide waren für mich furchtbar. Die Empfehlung der Ärzte lief dann auf die Gabe des Medikaments heraus. Ich war bisher völlig beschwerdefrei und eine OP war in jedem Fall die risikoreichere Methode. Meine Sorge, ewig nicht schwanger werden zu dürfen, bestätigte sich nicht. Wir sollten drei Monate warten. Die gleiche Wartezeit wäre uns auch nach einer OP empfohlen worden. Das fanden wir zwar nicht schön, aber verkraftbar. Allerdings gab es trotzdem immer noch die Möglichkeit, dass eine OP stattfinden muss. In einigen Fällen wird das Medikament vom Körper der Frau nicht richtig angenommen und bekämpft somit die Zellen nicht ausreichend. Dadurch kann es passieren, dass die Schwangerschaft weiter wächst. Keine schöne Vorstellung, aber wir versuchten positiv zu denken. So gut es eben in dieser wirklich beschissenen Situation ging. Ich blieb für eine Nacht im Krankenhaus und hörte auf dem Flur die Neugeborenen schreien. Und einmal mehr wurde mir klar, dass ich das diesmal wieder nicht erleben würde. Das Medikament an sich habe ich gut vertragen und seit der Gabe wurde ich engmaschig kontrolliert. Nach einiger Zeit des Wartens und Bangens war klar, dass es wirkte und die Schwangerschaft im Eileiter kleiner wurde und auch der HCG-Wert sank. Alles gut also. Körperlich.

Ich habe während den letzten Jahren immer wieder festgestellt, dass das Thema Fehlgeburten bzw. Eileiterschwangerschaften scheinbar ein Tabuthema in unserer Gesellschaft ist.

Seelisch wird es wohl noch dauern, bis ich das gut verkraften kann. Aber ich bin nicht alleine. Mein Freund ist da und wir reden. Viel und immer wieder. Ich möchte nicht mehr schweigen. Ich möchte auch in meinem Alltag nicht mehr keine Antwort wissen, wenn mich jemand fragt: „Ach, du wirst 35? Willst du keine Kinder?“ Doch! Ich will Kinder! Sehr sogar, aber ich gehöre eben zu den vielen Frauen, bei denen es bisher nicht funktioniert hat! Ich habe während den letzten Jahren immer wieder festgestellt, dass das Thema Fehlgeburten bzw. Eileiterschwangerschaften scheinbar ein Tabuthema in unserer Gesellschaft ist.

Es ist schön, wenn man eine glückliche Schwangere vor sich sitzen hat, die diese Zeit genießt und am Ende ein gesundes Baby auf die Welt bringt. Und es ist eben nicht so schön, von einer Frau zu hören, dass sie ein Baby verloren hat. Niemand scheint das hören zu wollen. Scheinbar sollen Frauen, denen das passiert still leiden, maximal mit ihrem Partner. Dabei betrifft es so viele. Nach meiner Fehlgeburt haben mir sehr viele Frauen erzählt, dass sie auch schon einmal so etwas erlebt, aber bisher noch selten mit jemandem darüber gesprochen haben. Der Tenor war hier häufig, dass sie nicht das Gefühl hatten, es wolle jemand hören. Dabei tat es mir immer gut, darüber zu sprechen. Das hat es real gemacht und es tat gut zu wissen, dass ich nicht alleine bin.

Ich habe vor kurzem auf einem sozialen Netzwerk ein Posting mit Foto gemacht, in dem ich über meine Geschichte erzähle. Die erste Reaktion darauf war: „Muss man das erzählen? Jeder hat sein Päckchen zu tragen!“ Nein, sicherlich MUSS man das nicht, aber jede Frau sollte das erzählen können, wenn sie es möchte und dabei das Gefühl haben, dass man ihr zuhört. Es gibt viele Pakete, die Menschen tragen und dieses ist eins, das fast jede Frau trägt. Warum also sollte das Thema relativiert werden? Ich würde mir wünschen, dass die Gesellschaft offener wird und sich eine Kultur etabliert, in der Frauen über ihre ungeborenen Babys genauso sprechen, wie über die, die sie auf die Welt gebracht haben. Und aus eigener Erfahrung würde ich auch jeder Frau empfehlen, darüber zu sprechen! Mir hat es sehr geholfen, den Verlust zu verkraften.

Ich bin Daniela, 34 Jahre alt und Heilpädagogin. Ich liebe es, zu reisen und versuche so oft es geht neue Menschen und neue Orte kennenzulernen. Nach meiner Fehlgeburt reiste ich weit weg nach Ecuador und auf die Galapagosinseln und es half mir, den Kopf frei zu bekommen, neue Perspektiven zu entwickeln und wieder Hoffnung zu schöpfen. Vor kurzem habe ich mit Yoga angefangen und ich möchte das Nähen lernen. Außerdem bin ich ein großer Fan von Eiscreme jeglicher Sorte und ich finde, dass es immer heilsam in allen Lebenslagen ist, ein Eis zu essen!