Elina, 31, Autorin

Ich wollte nur noch meine Ruhe. Und weg aus Berlin.

Elina ist frisch schwanger, frisch gekündigt, hat keine Betreuung für ihr erstes Kind - und auf einmal starke Schmerzen. Nach ihrer Fehlgeburt und einem zähen Hin und Her, erträgt sie Berlin nicht mehr.

Es hört nicht auf, weh zu tun. Ich streichle meinen Bauch, und zähle im Kopf nach: 36. Schwangerschaftswoche. In einem Monat wäre mein zweites Kind zur Welt gekommen. Irgendwann wussten mehrere Menschen, was mir widerfahren ist. Sie fragten mich vorsichtig, wie es mir geht. Ich konnte nicht lügen und antwortete jedes Mal: „Nicht gut. Ich habe es immer noch nicht verarbeitet. Es ist hart. Und es tut weh.“ Die Schmerzen sind echt. Noch Monate nach der Operation spüre ich ein starkes Ziehen, krümme mich vor Schmerzen, während ich in Meetings sitze. Die meisten Frauen, mit denen ich darüber spreche, erzählen mir ihre Geschichte. Fehlgeburten nach dem ersten Kind. Fehlgeburten vor dem ersten Kind. Jahrelange Versuche, schwanger zu werden, ohne mit irgendwem darüber sprechen zu können. Einen Hass, den sie auf ihre Körper und ihre Regelblutungen entwickelten, ein Gefühl des Versagens. Und die Bestätigung, dass es ihnen schlecht ging in dieser Zeit. Nicht eine zuckte mit den Schultern, und sagte, wir probierten einfach weiter, und irgendwann hat es dann geklappt. Manche weinten, als sie mir erzählten, wie sich ihre Fehl- oder Totgeburt anfühlte.

Die meisten Frauen, mit denen ich darüber spreche, erzählen mir ihre Geschichte. Fehlgeburten nach dem ersten Kind. Fehlgeburten vor dem ersten Kind. Jahrelange Versuche, schwanger zu werden, ohne mit irgendwem darüber sprechen zu können.

Ich weine, während ich anfange zusammenhangslose Erinnerungen an den letzten Sommer aufzuschreiben. Mein Mann fragt, warum ich mir das antue. Ich erkläre ihm, dass ich versuche, es zu verarbeiten. Dass ich aufschreibe, woran ich mich erinnern kann, damit es nicht mehr in meinem Kopf ist. Ich bekam eine kurze Nachricht meines Mannes. Die neue Kita wird am 1. Juni nicht eröffnen. Wir hatten unserer Tagesmutter gekündigt. Zum 31. Mai. Sie war froh, unser aktives Kind loszuwerden und hatte uns das sehr erleichtert mitgeteilt. Da ich im Büro war stand ich auf und ging ins Treppenhaus. Auch wenn fast niemand Deutsch sprach, hasste ich es vor ihnen zu telefonieren. Ich war die einzige Mutter. Und irgendwas war immer.

„Das geht nicht. Seit wann weißt du das?“

„Gerade eben, sie haben mich angerufen.“

„Und jetzt? Wir haben keine Kinderbetreuung!“

„Keine Ahnung. Ich kann unbezahlten Urlaub nehmen.“

„Warum ist das deine einzige Lösung?“

„Was sollen wir sonst machen?“

„Ein temporäres Au Pair einstellen. Homeoffice abwechselnd. Zu meinen Eltern abwechselnd. Einer arbeitet früh morgens, der andere spät abends, wir wechseln uns mittags ab.“

„Du weißt, dass ich das auf der Arbeit niemals durchkriegen würde.“

Anfang Juni saß ich im Zug mit meinem Kind. Wir würden zwei Wochen bei meinen Eltern sein. Ich würde von dort aus arbeiten. Mein Job erlaubte mir das. Ich musste nur noch einmal kurz nach Berlin, Meetings und so. Mein Chef rief mich an und sagte, ich solle abends ins Büro kommen.

Sie kündigten mir, und sahen auf den Boden. Dem Startup ging es nicht gut. Sie kündigten eigentlich fast allen. Ich würde noch zwei Gehälter bekommen, wäre aber ab sofort freigestellt. Ich empfand nichts. Ich war froh. Ich war erleichtert. Ich hatte keine Ambition, so zu tun, als würde das mein Leben gerade nicht erheblich erleichtern. Ich fühlte mich frei. Ich war glücklich. Am nächsten Tag wusste ich, dass ich schwanger war. Ein gewünschtes Wunschkind. Im ersten Moment realisierte ich nicht, dass mir gerade schwanger gekündigt wurde, wenn auch unwissentlich. Ich schrieb Sandra Runge und Ludmilla Kuhlen, die zwei Anwältinnen, die ich kannte. Meine Frage war tatsächlich, ab wann eine Schwangerschaft eine Frau unkündbar machte. Beide reagierten sofort und mit ähnlichem Wortlaut: Schwanger ist schwanger. Ich teilte es meinem Chef mit und war fest davon überzeugt, dass er mir entweder eine Abfindung anbieten würde, oder lachen würde, und sagen würde, dass die bisher mündliche Kündigung nicht mehr rechtens wäre. Aber mein Chef war auch nur ein Rad im großen Corporate-Getriebe und so erhielt ich stattdessen eine schriftliche Kündigung. Ludmilla beriet mich ausführlich. Sandra teilte mir mit, dass sie sich wünschen würde, wenn so etwas mal ordentlich vor Gericht gehen würde, und nicht immer außergerichtlich geklärt werden würde. Beide bestätigten meinen Verdacht, dass die Öffentlichkeit keine Ahnung hätte, wie oft schwangeren Frauen oder Eltern am ersten Tag nach der Elternzeit gekündigt würde. Ich war verwirrt. Und überfordert. Ein Kleinkind ohne Kinderbetreuung, frisch gekündigt und schwanger. Das Unternehmen, für das ich arbeitete, war extrem flexibel, zwang mir kein klassisches 9-to-5 auf. Klagen? Vor Gericht ziehen? Ich versuchte den direkten Weg und sagte meinem Chef, dass er genau wie ich weiß, dass diese Kündigung Bullshit sei. Ich erhielt einen offiziellen Rückzug der Kündigung und wurde zeitnah zurück im Büro erwartet.

Ich sitze auf meinem Stuhl mit meinem kleinen blauen Buch von Joan Didion und frage mich, ob das Kind in mir tot ist. Ich blute nicht. Ich habe Schmerzen. Schmerzen so stark, dass ich bei jedem Schritt denke, dass ich zusammenbreche.

Ich sitze in der Notaufnahme der Charité zwischen Männern in Bikinis und Frauen in Niqabs. Draußen ist Christopher Street Day und es stürmt. Halbnackte Menschen mit Glitter auf der Haut kommen rein und haben keine Schuhe an. Plastiktüten fangen das Blut ihrer aufgeschlitzten Füße auf. Ich sitze auf meinem Stuhl mit meinem kleinen blauen Buch von Joan Didion und frage mich, ob das Kind in mir tot ist. Ich blute nicht. Ich habe Schmerzen. Schmerzen so stark, dass ich bei jedem Schritt denke, dass ich zusammenbreche. Aber ich tu’s nicht. Ich hänge Wäsche auf. Ich gehe ins Büro und spreche über das Potential von Hashtags. Ich lese dem Kind, das nicht in meinem Bauch ist, Sachbücher über seltene Vogelsorten vor. Aber ich beschwere mich nicht. Ich bin Mennonitin. Meine Arbeitsmoral ist furchterregend. Sie liegt mir im Blut. Sieben Stunden sitze ich in der Notaufnahme. Mein Mann ist nicht da. Er ist zu Hause mit dem Kind. Wir kennen niemanden, der auf das Kind aufgepasst hätte. Also gehe ich alleine in die Notaufnahme. Wir wohnen in Berlin und fragen uns warum wenn wir nicht eine einzige Person kennen, die wir an einem Samstagnachmittag anrufen können, um sieben Stunden auf unser Kind aufzupassen, damit mein Mann bei mir sein kann, wenn der junge und sehr nette Arzt mir sagt, dass da kein Herzschlag mehr ist. Ich weine. Ich weine so stark weil ich alleine auf einer Liege sitze und alleine aus dem Krankenhaus gehe und alleine im Taxi sitze und alleine die Treppen hochkomme und klopfe und meinen Mann angucke und nur nicke und mir denke wie theatralisch, wie in einem Film. Ich gucke den Mann an und ich sage ihm das gleiche, was ich auch gesagt habe, nachdem ich ihm Monate zuvor gesagt habe, dass ich wieder schwanger bin: nicht mehr in dieser Stadt. Wir ziehen nach Hause. Das ist krank. Das alles versuchen hinzukriegen ist krank.

Ich weiß nicht, was ich an dem Sonntag nach der Notaufnahme gemacht habe. Am Montag bin ich zu meiner Ärztin. Ich war schon um 7:30 Uhr da, die Praxis macht um 8:00 Uhr auf. So ist das in Berlin. Ich bin die Erste, die mit der Arzthelferin sprechen darf. Während ich das versuche, laufen mir schon wieder die Tränen runter. „Ich war im Krankenhaus. Da ist kein Herzschlag.“ Vor einer Woche standen wir uns auch gegenüber. Da hat sie mir noch eine Bestätigung über meine Schwangerschaft ausgestellt, für meinen Arbeitgeber und ich habe ihr 5 Euro dafür gegeben. Ich frage mich, ob sie sich an mich erinnern kann. Wahrscheinlich nicht.

Am Montag bin ich zu meiner Ärztin. Ich war schon um 7:30 Uhr da, die Praxis macht um 8:00 Uhr auf. So ist das in Berlin.

Dennoch stehe ich da vor ihr und heule. Sie führt mich ins Behandlungszimmer, damit ich nicht ins Wartezimmer muss, das jetzt schon überfüllt ist. Nur Schwangere und ihre Kindsväter. Ein Wartezimmer voll von geplantem Glück und heteronormativer Vorfreude. Die Ärztin bestätigt den Verdacht des Arztes der Charité. „Abwarten. Es scheint seit Ihrem letzten Untersuchungstermin nicht gewachsen zu sein, das heißt, es kann jeden Moment losgehen. Ihre Schmerzen sind Anzeichen dafür, dass es bald vorbei sein könnte. Nichtdestotrotz kommen Sie bitte am Freitag noch einmal wieder.“ Ich kam am Freitag. Und den Montag danach. Und dann wieder am Freitag und wieder am Montag. Einen Monat lang. Das tote Kind wollte nicht raus und ich wurde, wie sagt man, bekloppt, denn das lebendige Kind wollte raus, in den Sommer, zum Schwimmen, zum Eisessen, auf den Spielplatz, zu den Babys und schwangeren Frauen. Ich hatte das Gefühl, dass der Bauch weiterwuchs. Zumindest wurde er nicht kleiner. Jeden Tag wurde ich ein kleines bisschen wahnsinniger, denn weder dachte die Kita daran, endlich zu eröffnen, noch besserte sich mein körperliches Befinden. Wehenähnliche Schmerzen, tagein, tagaus.

„Wir könnten auch operieren. Ambulant. Vollnarkose. Dann wäre es vorbei. Ausschabung.“ Ich fragte sie nach den Risiken, und erhielt die üblichen Antworten. Ich konnte das tote Kind nicht mehr mit mir rumtragen, auch wenn die Ärztin mir dazu riet, noch abzuwarten. Bis zum nächsten freien Termin musste ich sowieso eine Woche warten, in der nichts geschah. Als ich nach der OP aufwachte, weinte neben mir eine junge Frau. Wir waren nur von dünnen Trennwänden getrennt, nach einer Stunde dürfte jede aufstehen und nach Hause gehen. Ich spürte nichts. Keine Schmerzen, kein Ziehen. Nach 15 Minuten bin ich auf eigenen Wunsch nach Hause gegangen. Ich lag im Bett, das Kind bei den Großeltern, der Vater noch unterwegs, denn das Kind musste ja von einem Ende Deutschlands ans andere gebracht werden. So ist das mit der Vereinbarkeit. Nach zwei Tagen ging ich zur Kontrolle, in freudiger Erwartung, zu hören zu bekommen, wann ich denn wieder schwanger sein dürfte.

„Ihre Gebärmutter ist voller Blut. Ich muss Ihnen eine Hormontherapie verabreichen.“

Wenn man schwanger gekündigt wird, dann wieder eingestellt, dann ein Kind verliert, dann operiert wird und in dieser gesamten Zeit quasi alleine für die Betreuung eines Kleinkindes zuständig ist, sind Pillen voller Hormone, die man seit dem 20. Lebensjahr nicht mehr angerührt hat, nicht die allerbeste Option für jemanden, der, unter Umständen, einen Knacks hat.
Doch ich schluckte sie, die Hormone und dann blutete ich. Tagelang. Wie ich noch nie geblutet hatte, auch nicht nach der Geburt – meiner Meinung nach. Je mehr ich blutete, desto besser fühlte ich mich. „Wann wollen Sie zurück zur Arbeit?“
Ich konnte nicht arbeiten, ich konnte keine Menschen sehen. Die Kita hatte endlich eröffnet. Ich saß teilweise über Stunden auf dem Sofa, heulte, stand auf, und holte das Kind ab und heulte nicht mehr. Ich wunderte mich über mich selber, ich hatte mich noch nie so am Boden erlebt. Noch nie so schwach. Ich wollte jemanden sehen, der mir nicht eine Woche zuvor die Gebärmutter leer gekratzt hatte. Ich ließ mich überweisen, an eine Psychologin. Sie schlug eine Gesprächstherapie vor, oder vereinzelte Gesprächstermine. Ich hatte keinen Redebedarf, ich wollte nur noch meine Ruhe. Und ich wollte weg aus Berlin.

Ich hatte keinen Redebedarf, ich wollte nur noch meine Ruhe. Und ich wollte weg aus Berlin.

Ich schreibe während ich im Zug sitze. Es ist 16:34 Uhr. Der gleiche IC nach Amsterdam Centraal, der mich schon hundertmal mitgenommen hat. Er hält in der kleinen Stadt in NRW, aus der ich stamme. Nicht gebürtig denn geboren wurde ich woanders. Doch daran kann ich mich nicht erinnern. Ich habe keine Erinnerung an die ersten fünf Jahre meines Lebens. Meine Erinnerung beginnt in NRW. Und da fahre ich jetzt hin, nach Hause. Ich habe keinen Wohnungsschlüssel am Schlüsselbund mehr. Nächste Woche wird es einen Hausschlüssel geben. Ich bin noch einmal durch die Wohnung in Berlin gegangen und habe versucht, etwas zu fühlen. Doch alles, was ich empfinden konnte, war Schmerz. Die Momente, in denen alles zu viel wurde. Der Stress. Eigentlich war immer Stress. Verpasste Busse, verspätete Züge, Alkoholiker, die mir und meinem Kind ihren Penis zeigten, während wir zum Spielplatz gingen, Bauarbeiter, die auf der Bank neben dem Späti koksten und Tramfahrer, die mich anschrieen, dass ich gefälligst den Kinderwageneingang neben sollte, auch wenn die Tram leer war und wir beide wussten, dass es nur noch zwei Stationen bis zur Endstation waren, an der ich aussteigen musste.
Bis heute morgen lebten wir in der schönsten Wohnung der Welt. Doch wenn man im Sommer die Fenster aufmachte, zog der Qualm der kettenrauchenden Spätibesucher rein. Wir haben 1098€ für 110qm bezahlt. Ungefähr 1200€ warm. Das sind fast 15.000€ im Jahr. Für eine Wohnung. Das ist Wahnsinn für mich.

Ich bin noch einmal durch die Wohnung in Berlin gegangen und habe versucht, etwas zu fühlen. Doch alles, was ich empfinden konnte, war Schmerz. Die Momente, in denen alles zu viel wurde. Der Stress. Eigentlich war immer Stress.

Vielleicht war ich nicht stark genug, vielleicht bin ich hochsensibel, vielleicht lebe ich seit drei Jahren im Burnout, aber nach der Fehlgeburt habe ich meinen Mann angeguckt, und gesagt, dass ich nicht mehr kann. Ich möchte nicht mehr über einem Späti wohnen, neben einem Restaurant und ich möchte nicht mehr unter Leuten leben. Ich möchte nicht mehr jedes Wort im Treppenhaus verstehen und nachts davon aufwachen, dass jemand sein Altglas wegschmeißt. Ich wollte auch nicht mehr in Hundescheiße treten oder mich unter Wert verkaufen. Ich verstehe, dass man Berlin lieben kann. Voll und ganz, dass man die Anonymität und den Wahnsinn geil finden kann. Das ist kein Diss, Berlin Baby, wir haben kein Beef, ich komme wieder und besuche dich, und werde meine Texte schreiben und du wirst mich wahnsinnig machen, aber dann werde ich mich in meinen Zug setzen und zurück in mein Dorf fahren.

In das gleiche Dorf, in dem die Großeltern meines Kindes leben. Neben der Stadt, in der die Urgroßeltern meines Kindes leben. In die Gegend, in der die Tanten, Onkel und Großcousinen meines Kindes leben. In der jeder Kindergarten eine Turnhalle hat und die Leute, wie sacht man, die Ruhe weg haben. Ich werde mit einem Anruf innerhalb von Minuten Hilfe haben und ich nehme dafür in Kauf, dass sich im Umkreis von 50 Kilometern kein Sushi-Restaurant mehr befindet und der Döner scheiße ist. Frag erst gar nicht nach Sucuk, Shawarma oder Köfte, kennt kein Mensch. Die Zeit ist stehengeblieben bei Gyros Pita. Meine Leute in Berlin verstehen mich. Eine andere Mutter sagt mir „Hör auf, ich will es nicht hören. Gäbe es Jobs in Hessen, ich würde sofort nach Hause ziehen.“

Viele Großeltern verkaufen ihre Häuser und ziehen nach Berlin. Meine Eltern haben nur müde gelächelt. Sie wollen nicht in die Stadt. Ich musste drüber nachdenken, ob ich in der Stadt sein will. Ich hatte Erfolg, fantastische Jobs, ein forderndes Masterstudium, einen eigenen Blog, mein Hauptstadtmutti-Team, und viele Mütter, die mir zuhörten, und trotzdem schnürte sich mein Hals, mein Herz und mein Bauch zusammen, wenn ich vor die Tür ging. Ich bekam Panikattacken, Herzrasen und Angstzustände, wenn ich rausgehen musste. Ich wollte nur noch unter die Bettdecke. Ich wollte nicht mehr mit hunderten Kindern zu einem Turnkurs oder mit dem Kinderwagen im Schnee stecken bleiben, weil es die Stadt Berlin nicht einmal im Regierungsviertel schafft, die Gehwege zu räumen. Ich wollte nicht mehr schwer beladen schleppen. Gefühlt habe ich immer nur Jutebeutel, Rucksäcke, Kleinkind, Bücher, Laptop, Einkäufe und Waschmittel geschleppt. Ich wollte nicht mehr als Hurentochter bezeichnet werden, weil ich das fünfjährige Kind auf dem Spielplatz bat, mein Kind nicht mehr zu schlagen.

Wenn ich mich entscheiden müsste, ich würd mir eine Dauerkarte fürs Westfalenstadion holen und nie wieder in eine Ausstellung gehen. Kein Scherz.

Ich habe keine Ahnung von Kunst. Ich bin ein Proll, und dann noch Migrantin. Wenn ich mich entscheiden müsste, ich würd mir eine Dauerkarte fürs Westfalenstadion holen und nie wieder in eine Ausstellung gehen. Kein Scherz. Mir geht schöne Kinderkleidung am Arsch vorbei. Mein Kind ist kein Instagram-Modell, es trägt Secondhand-Klamotten, die dreckig werden können. Ich mag Eis, aber ich brauche kein Zimt-Birne oder veganes Mangosorbet um im Sommer klarzukommen. Ein kaltes Bier tut es auch. Vielleicht bin ich ja ein Spießer. Vielleicht finde ich in der vertrauten Einfachheit des Landlebens die Zugehörigkeit, die mir als Heimatlose gefehlt hat. Vielleicht hatte ich keinen Bock mehr. Manchmal muss das als Grund reichen. Berlin braucht mich nicht, ich brauche Berlin nicht. Es wird kaum jemanden jucken, ob ich da noch lebe oder nicht. Joan Didion schrieb: „We are here on this island in the middle of the Pacific in lieu of filing for divorce.“

So fühlt sich das an, wenn alles zu viel wird und man eine radikale Entscheidung trifft. Selbst ein Dorf in NRW kann sich anfühlen wie eine Insel im Pazifik, wenn man da zusammen sitzt, anstelle sich scheiden zu lassen. Mama und Papa müssen das nicht alles alleine schaffen. Niemand muss das alles alleine schaffen. Niemand sollte sieben Stunden alleine in der Notaufnahme sitzen müssen und dann mit einem Taxi nach Hause fahren und dann zusammenbrechen, weil man nicht mehr weiß, wie das alles funktionieren soll. Ich muss so stark sein, dass ich auch eine Fehlgeburt runterschlucken soll, und mir selbst sagen soll, dass das wohl nicht hat sollen sein. Das stimmt. Statistisch, biologisch und rein theoretisch ist das keine große Sache. Man verliert ein Kind und dann blutet man und dann soll man wieder arbeiten gehen und nach ein paar Monaten probiert man es noch einmal. Aber ich hatte nicht einmal mehr die Kraft mit den Schultern zu zucken und weiterzumachen, als ob ich nichts gewesen wäre. Ich musste trauern.

Ich fand es schwierig ohne Hilfe. So schwierig, dass ich gesagt habe, dass ich nicht mehr kann.

Ich brauchte Hilfe, und ich hab sie mir geholt. Ich fand es schwierig ohne Hilfe. So schwierig, dass ich gesagt habe, dass ich nicht mehr kann. Ich habe es geschrien und ich habe es gebrüllt und ich habe dabei geweint. Fast jeden Tag. Und ich habe gemerkt, ich muss nichts davon. Ich kann auch Schluss machen mit einem Leben und ein neues da anfangen, wo ich alles kenne, und wo die Menschen leben, die mir gerne helfen. Sollen wir jetzt alle Berlin oder Hamburg oder München oder Köln verlassen und in die Pampa zu Oma und Opa ziehen? Nö. Ich wollte euch nur meine Geschichte erzählen. Eine Geschichte vom Alltag und vom Stress und von einem lebendigen und einem toten Kind.

Ich war nie gut darin, etwas für mich zu behalten. Geheimnisse, ja. Aber keine Träume. Träume wollten raus. Ich wollte sie besprechen. Ich wollte Ereignisse, Absichten und Vorstellungen teilen. Ich wollte stolz sein. Ich wollte Stolz empfinden. Ich erinnere mich an den Tag, an dem ich nicht mehr geblutet habe. Auf dem Klo zu sitzen, Blut zu erwarten, eine Binde in der Hand, bereit. Und dann nichts. Die Ärztin guckt mich an und sagt, sieht gut aus, scheint alles weg zu sein. Es ist vorbei. Keine weitere Op. Keine Hormone mehr. Keine Fragen mehr von anderen Leuten, die das zweijährige Kind sehen und den kleinen Bauch und sofort wissen, dass man schwanger sein muss. Dass nichts anderes sein kann, passieren kann. Ich habe durch die Fehlgeburt gelernt, Menschen nie wieder nach einem zweiten Kind zu fragen. Was sie gerade durchmachen, kann ich nicht wissen.

Dieser Text von Elina erschien zuerst auf Edition F.

Als waschechte Westfalin mit russlanddeutschem Hintergrund denkt, schreibt und wütet Elina (29) in vier Sprachen, und das am liebsten auf ihrem Blog Schnitzel & Schminke.