Esther, 32, Lehrerin

Die Geschichte meiner 2. Fehlgeburt

Als Esther nach einer frühen Fehlgeburt wieder einen positiven Schwangerschaftstest in den Händen hielt, war sie unsicher. Wochen später musste sie eine weitere Fehlgeburt einstecken.

Meine erste Fehlgeburt in der 6. Woche war auch irgendwie schlimm, aber nach ein bis zwei Tagen hatte man den Schock verkraftet. Als ich mich damals erstmalig mit dem Thema auseinandersetzte, war ich geschockt, wie viele Fehlgeburten es in den ersten Wochen gibt. Beim nächsten Mal wollte ich also besser vorbereitet sein. Doch schon da stellte sich mir die Frage: Warum hatte der Arzt nichts gesagt? Warum erzählten Freundinnen nichts weiter? Warum zeigte die Clearblue Werbung im Fernsehen nur, wie sehr sich Paare über einen positiven Schwangerschaftstest freuten? Das alles machte irgendwie keinen Sinn.

Als ich nun zum zweiten Mal schwanger war, war die Freude beim positiven Schwangerschaftstest zu Hause schon nur noch halb so groß. „Erst einmal abwarten“, dachte ich. "Bloß nicht zu früh zum Arzt gehen." Doch irgendwie fand ich es auch schade. Von Freundinnen hörte ich doch immer die Geschichten, wie sie sich über den Test gefreut hatten oder wie sie ihren Partner mit dem positiven Test überraschten. Das gab es für mich jetzt nicht mehr.

Umso mehr freute ich mich über das Schlagen des Herzens in der 7. Woche. Jetzt würde bestimmt alles gut gehen. Das Gedankenkarussell ging los. Wie lange nehme ich Elternzeit? Wann beginnt der Mutterschutz? Welchen Kinderwagen möchte ich? Mein Partner versuchte, mich zu bremsen, aber irgendwie macht der Kopf ja, was er will. In der 9. Woche hatte ich einen weiteren, sehr guten Ultraschall mit gesundem Herzschlag und Kindsbewegungen. Mein Frauenarzt versicherte mir, dass nun eine Wahrscheinlichkeit von 96-97% vorlag, dass die Schwangerschaft problemlos verlaufen würde. Ich könne in 4 Wochen wiederkommen.

4 Wochen? Wie sollte ich das aushalten? Ich wollte mich in positivem Denken üben. Obwohl die Angst mein ständiger Begleiter war.

Wir entschieden uns es langsam, Freunden und Familie von der Schwangerschaft zu erzählen. Und wie schön das war. Alle freuten sich mit uns. Langsam wurde meine Schwangerschaft auch für mich Realität. Und dennoch wollte die Angst nicht so richtig verschwinden. Was wenn ich zu den 3-4% gehörte?

Am Ende der 10. Woche spürte ich ein leichtes Ziehen im Unterleib. Mutterbänder bestimmt. Aber gleich zum Arzt rennen wegen jedem Wehwehchen? So eine Schwangere wollte ich nicht sein. Ich fragte meine Hebamme und sie meinte, dass ich Magnesium zu mir nehmen sollte. Ich dachte, das wäre doch ein guter Vorwand, um den kleinen Krümel noch einmal zu sehen und meine Ängste wieder etwas zu besänftigen. Also ab zum Frauenarzt. Wir sprachen erst eine Weile. Er beruhigte mich und verordnete mir Magnesium. „Sollen wir trotzdem nochmal kurz schauen?“, fragte er. „Na klar“, dachte ich. Also rauf auf den Stuhl. Der Arzt führte das Gerät ein und da war er. Mein kleiner Krümel. Der Arzt schallte und schallte und schallte. Mein Herz klopfte und klopfte und klopfte. Er sagte nichts. Er seufzte. Mein Herz klopfte. Warum sagte er denn nichts? Ich schaute das kleine Wesen an. Es sah genau so aus wie beim letzten Ultraschall. Seltsam, oder?

„Ich kann leider keinen Herzschlag mehr feststellen.“ Das waren die Worte, die mir den Boden unter den Füßen wegrissen. Ein schwarzes Loch tat sich auf. Es verschluckte mich. „Nein!“ hörte ich mich sagen. Immer wieder. „Nein!“ Die Tränen liefen. „Nur nicht zusammenbrechen,“ dachte ich. „Du musst stark sein!“ Der Arzt redete beruhigend auf mich ein. Aber ich erinnere mich nicht mehr an das, was er sagte. „Nein!“, dachte ich immer wieder. „Das schaffst du nicht!“ Die schmerzende, zerreißende Gewissheit: Ich gehöre zu den 3-4 Prozent der Frauen, die hintereinander eine Fehlgeburt erleiden.

Meine Ängste hatten sich also bestätigt. Die Tage danach waren der Horror. Es zu realisieren, dauerte lange. Zum Glück standen mir Freunde und Familie bei.

Aber die Fragen blieben: Warum passierte es mir? Was war der Grund? Stimmte etwas mit mir nicht? Stimmte mit dem Kind etwas nicht? Schon das zweite Mal? Das kann doch kein Zufall sein?

Fragen über Fragen, auf die es nie eine Antwort geben würde. Danach folgte eine Krankenhaus-Odyssee sondergleichen. Mit wenig Mitgefühl, vielen falschen Informationen und sehr viel Warten.

Nach der Ausschabung erfuhr ich, dass sowohl Embryo also auch ich erst nach der 3. Fehlgeburt untersucht werden würden. Super. Also das ganze noch einmal erleben, bevor es eventuell Antworten auf meine Fragen geben würde. Ich fing, an über meine Fehlgeburten zu sprechen. Das tat gut. Aber ich bekam immer wieder die gleichen Dinge zu hören: Das passiert ja vielen Frauen! Ich kenne jemand, der hatte sogar fünf Fehlgeburten! Dann klappt es bestimmt beim nächsten Mal! Du bist ja noch jung!

Was denken die Leute? Nichts davon hilft! Außerdem passiert es gar nicht so vielen Frauen! 10-15 Prozent der Schwangerschaften enden nach einem Ultraschall, bei dem sich ein vitaler Herzschlag zeigte. Von 12 Frauen in meinem engeren Umfeld, mit denen ich über das Thema offen geredet habe, hatten zwei Frauen ebenfalls eine Fehlgeburt in dieser Woche. Das ist doch nicht viel? Die anderen zehn Frauen hatten wunderbare, gesunde Schwangerschaften. Warum gehöre ich nicht dazu?

Nun, nach einigen Wochen, bleiben die Fragen. Doch es geht mir besser. Und ich schaffe es sogar, etwas positives aus der ganzen Sache zu ziehen. Ja, du schaffst das! Du kannst es schaffen. Auch wenn es am Anfang nicht danach aussieht. Und ja, auch unsere Ehe kann das schaffen. In guten wie in schlechten Tagen. Wir schaffen das. Ist es nicht beruhigend, was man alles schaffen kann? Und ja es gibt auch noch schlimmeres. Was wäre, wenn ich eine Totgeburt hätte, zum Beispiel? Ich weiß, wir würden es schaffen. Dieses Vertrauen hatte ich vorher nicht und es beruhigt. Und es gibt eine Grundlage, um weiter zu machen und sich seinen Ängsten zu stellen.

Esther (32) arbeitet als Lehrerin und ist verheiratet.