Helen, 29, Doktorandin

Meine stille Geburt

Eigentlich heißt es, nach der 12. Woche könne man sich in der Schwangerschaft relativ sicher wiegen. Umso heftiger traf Helen die Nachricht in der 15. Woche, dass mit ihrem Kind etwas nicht in Ordnung sei.

Als ich die Nachricht bekam, dass ich schwanger war, war dies gleichzeitig eine Überraschung und auch wieder keine, da wir beide den Wunsch nach einem Kind schon lange in uns trugen und uns endlich in der Situation sahen, dem gerecht zu werden. Es hat überraschend schnell und einfach geklappt, ohne dass wir dies präzise geplant hätten.


Als die Schwangerschaft plötzlich keine normale mehr war

Ich hatte in der 15. Schwangerschaftswoche einen Ultraschalltermin beim Frauenarzt. Zu der Zeit hatte ich nur einen kleinen Bauch und keinerlei Beschwerden. Die Übelkeit war auch seit einigen Wochen vorbei. Bei jenem Termin teilte mir die Ärztin mit, dass etwas nicht stimme. Es war alles wahnsinnig vage. Deshalb überwies sie mich zu einem Kollegen mit einem besseren Ultraschallgerät. Mein Freund war bei diesem Termin mitgekommen. Die Fahrt zum anderen Arzt war ein Horrortrip. Beim Arzt angekommen, musste ich sehr lange warten und mein Freund zurück ins Büro, da er recht neu im Job war. Als ich endlich untersucht wurde, meinte auch dieser Arzt, dass etwas nicht stimmen würde und der Bauch des Babys viel zu dick sei. Wieder musste ich warten, bis ein weiterer Arzt mich untersucht hat. Jener war sich ebenfalls nicht sicher, was genau das Baby habe, aber er sagte, falls es überleben würde, dann würde es Folgeschäden haben. Auf dem Weg ins Wartezimmer bin ich dann zusammengebrochen.

Das Baby hatte eine Tumor im Bauch

Die Arzthelferin hat mich in einen Raum gebracht, in dem ich in Ruhe weinen konnte und sagte mir ein paar mitfühlende Worte. Ich habe mich so alleine gefühlt und versucht, meine Familie und meinen Freund zu kontaktieren. Der erste Arzt wollte später nochmal mit mir sprechen. Und da sagte er, dass ein Tumor im Bauch des Babys zu sein schien und das Herz nicht richtig schlagen würde. Das Wort Abbruch stand auch plötzlich im Raum. Wir sollten jedoch erstmal abwarten und zu weiteren Untersuchungen kommen, um durch einen zeitlichen Verlauf absehen zu können, wie sich alles entwickle. Mein Freund kam direkt wieder zu mir, seinem Arbeitgeber erzählte er unter Tränen, was passiert sei. Auch mit einer Humanmedizinerin haben wir danach gesprochen. Sie sagte, dass das ein extrem seltener Fall sei und hat uns direkt einen Kontakt für die psychosoziale Betreuung von Donum Vitae gegeben, die einen in Krisensituation in der Schwangerschaft beistehen. Man kann da einfach einen Termin ausmachen und ohne Überweisung hingehen. Es kostet auch nichts.

Wie mir mein Kind eine wichtige Entscheidung abnahm

Beim Kontrolltermin fünf Tage später, das war an einem Mittwoch, konnte man tatsächlich keine Herztöne mehr feststellen. Ich hatte am Montag schon das Gefühl, dass das Kind nicht mehr lebt. Die Humanmedizinerin sagte uns in dieser Situation, dass uns das Kind die Entscheidung abgenommen hat. Dafür war ich trotz aller Trauer dankbar: Dass ich nicht entscheiden musste, das Kind abzutreiben oder nicht. So musste ich mich nicht mit Schuldgefühlen aufladen. Man macht sich ja ohnehin schon immer Vorwürfe, ob man in den ersten Wochen etwas falsch gemacht und dem Baby geschadet hat. Gut getan hat, dass die Ärzte auch sofort gesagt haben, dass mich keine Schuld trifft, sondern es eine Laune der Natur war. Die Fachärzte überwiesen mich wieder an meine Frauenärztin zurück und die mich ins Vivantes-Krankenhaus in Schöneberg, um dort eine stille Geburt einzuleiten.

Unerträgliche Schmerzen

Der Arzt im Krankenhaus reagierte verwundert über meine Überweisung für Freitag, denn ich hätte sofort nach der Diagnose kommen sollen. Ich war ja ein Notfall. An jenem Tag habe ich Tabletten bekommen, die ich oral einnehmen sollte und welche dem Körper das Signal geben, die Schwangerschaft abzustoßen. Ich konnte für eine weitere Nacht nach Hause. Schmerzen hatte ich keine. Meine Familie war mittlerweile aus Bayern gekommen, um uns beizustehen. Als ich am Samstag aufgenommen wurde, musste ich zum Abendessen wieder Tabletten schlucken, welche die Wehen hervorrufen. Ich habe dabei geweint. Das Baby war zu jenem Zeitpunkt zehn Zentimeter groß.

Die stille Geburt

Ich konnte mir nicht wirklich viel unter einer stillen Geburt vorstellen. Ich wusste weder, was auf mich zukommt, noch, wie schmerzvoll das sein wird. Ich hatte vorher versucht, online an Informationen zu kommen, aber nichts konkretes gefunden. Um die Wehen zu fördern, sind wir am Sonntag viel im Park beim Krankenhaus spazieren gegangen. Gleichzeitig habe ich alle vier Stunden die Wehentabletten genommen, die die Schmerzen immer weiter verstärkten. Auch das Schmerzmittel hat nur wenig geholfen. Letztlich hatte ich ja eine Geburt mit all den Folgen. Der Geburtsprozess selbst ist natürlich kürzer, aber die Schmerzen waren immens. Dazu der Gedanke, dass man diese nicht durchsteht, um danach glückselig mit Kind alles zu vergessen, sondern das Tote in sich gebären muss. Was ein schreckliches Gefühl. Zum Glück hatte ich ein Einzelzimmer und auch mein Freund konnte die ganze Zeit bei mir bleiben. Zudem bekam ich einen Topf für die Kloschüssel. Die Schwestern haben mir nur gesagt, dass ich mich melden solle, wenn etwas dabei herauskommt. Ich musste auch bei jeder Mahlzeit fragen, ob ich noch essen darf. Wegen der Narkose. Nach der Geburt sollten die Reste in einer Ausschabung operativ entfernt werden, damit es nicht zu einer Infektion kommt, wenn Schwangerschaftsmaterial im Bauch zurückbleibt. 

Immer wieder Schmerzen und nichts passiert

Dies ging so bis Sonntagnacht. Nach wenigen Stunden Schlaf bin ich um Mitternacht aufgrund der Schmerzen aufgewacht. Ich habe versucht, sie zu ignorieren und wieder einzuschlafen. Das mache ich immer, wenn ich Schmerzen habe. Aber diesmal konnte ich nicht. Die Schmerzen waren zu heftig. Mein Freund hat die Schwester gerufen, doch das Schmerzmittel hat nichts bewirkt. Schwach und zitternd, aber eigenwillig habe ich (und nicht mein Freund) ihr den Tropf zurückgebracht. Sie hat mich tröstend aufs Zimmer zurückgebracht und direkt nachdem sie weg war, ging es plötzlich los. Ich schaffte es gerade so auf den Topf. Mein Freund hat erneut die Schwester gerufen, was ich alleine nie hinbekommen hätte. Die Schwester hat mich dann mit der Hebamme aufs Bett gelegt. Der Arzt meinte, dass das der Durchbruch war, das Kind schon draußen war und nun Stück für Stück alles abgeht. Ich lag auf einer Art Riesenwindel im Bett, die die Hebamme immer wieder auswechselte, und blutete. Die körperlichen Schmerzen waren seit dem ‚Durchbruch‘ weg. Um 3 Uhr nachts erfolgte schließlich die Ausschabung. Nach einer halben Stunde war alles vorbei. Am nächsten Tag sollte ich schon wieder entlassen werden.

Die Zeit danach

Am letzten Tag in der Klinik kam auch eine Ärztin, die sehr nett war und mir sogar psychologische Betreuung seitens des Krankenhauses angeboten hat. Wir könnten auch das Kind sehen, wenn wir das denn wollen. Ich habe mich letztlich dafür entschieden. Die Ärztin hat es dann in ein Handtuch gewickelt gebracht, und hat ihn auch angefasst, was es für mich normaler gemacht hat. Wir hatten Angst davor, wie es aussehen würde mit dem Tumor. Aber es war nicht schlimm. Das Kind zu sehen, hat uns beiden sehr geholfen. Es war gut, dass wir solche Stationen gemeinsam durchgemacht haben. Alleine hätte ich das nicht geschafft. Wir waren einen Monat später gemeinsam bei der Beerdigung, bei der auch andere Paare waren, die ein Kind auf eine ähnliche Weise verloren hatten. Wir haben zwar mit niemandem gesprochen, aber die gemeinschaftliche Trauer für ein unbekanntes Wesen, die uns alle hertrug, war ein unglaublich stärkendes Gefühl. Der Friedhof mit dem Kindergrab ist ein wichtiger Ort für uns geworden, um uns an unser Sternenkind zu erinnern

Im Krankenhaus hatte ich meine Einverständniserklärung gegeben, dass die Ärzte den Fötus pathologisch untersuchen, um zu klären, was passiert ist und ob so etwas noch einmal eintreten kann. Dabei kam auch heraus, dass das Geschlecht des Kindes nicht eindeutig war. Wir haben uns im Nachhinein auch untersuchen lassen. Es ist aber alles in Ordnung mit unseren Chromosomen.

Reaktionen aus dem Umfeld

Ich bin 29. In meinem Umfeld sind gerade viele schwanger oder haben gerade ihr erstes Kind bekommen. Manchmal war das schwierig für mich, wenn man die Reaktionen der anderen sieht, aber diese Freundinnen haben mich extrem unterstützt und sind einfühlsam mit unserer Lage umgegangen, statt uns komplett zu meiden. Als im Oktober der ursprüngliche Geburtstermin war, ging es mir nicht gut. Auch Weihnachten war emotional schwierig. Insgesamt habe ich sehr viel Unterstützung durch Familie und Freunde erfahren. Die meisten wussten ja auch von der Schwangerschaft. Sowohl die Uni wie meine Arbeit sind sofort unterstützend zur Seite gesprungen und ich musste mich eine Zeit lang um nichts kümmern.
Hier und da habe ich mir mehr Verständnis gewünscht; etwa, dass ich zwei Wochen nach der „Geburt“ nicht wieder normal funktioniere. Sprüche wie „Das passiert vielen“ helfen wenig. Nach der 12. Woche hatten wir uns so sicher gefühlt und dann dieser Schock. Dazu konnten die Ärzte auch nie ganz erklären, was mit dem Kind los war.

Die Ärzte und das ärztliche Personal haben mich bzw. uns immer mitfühlend und sorgsam behandelt. Gerade die Humanmedizinerin war sehr einfühlsam und hat versucht, was sie konnte, um eine Erklärung zu finden und um uns dabei durch medizinische Fachsprache nicht zu verletzen. Der erste Facharzt hat sich fast schon bei mir entschuldigt, dass nur eine stille Geburt möglich war (verstanden hatte ich das nicht und war nicht in der Verfassung nachzufragen). Die Arzthelferinnen meiner Ärztin sind extra länger in der Arbeit geblieben, um die Absprache mit der Ärztin abzuwarten und die Überweisung fertig zu stellen.

Psychologische Hilfe bei Donum Vitae

Eine Betreuerin von Donum Vitae hatte mich angerufen, nachdem ich den Termin wegen der OP abgesagt habe und gefragt, ob alles in Ordnung ist. Wir haben eine Dreiviertelstunde telefoniert. Sie hatten in dem Zuge auch gefragt, ob ich nicht doch vorbeikommen will. Insgesamt war ich danach dreimal da. ich habe dort nichts anderes erzählt, als das, was ich auch anderen erzählt habe. Nur waren deren Fragen und Antworten geschulter und ausgereifter. Auch dadurch, dass sie Fremde waren, die genau für diese Situation da waren, konnte ich mich ganz auf mich konzentrieren. Sie haben mir Infos zur Bestattung usw. gegeben. Das Wichtigste aber war, dass sie mir gesagt haben, dass ich jederzeit vorbeikommen könne, wenn ich wieder schwanger bin. Außerdem hatte mich sogar die Ärztin aus dem Krankenhaus eine Woche nach der Fehlgeburt angerufen und gefragt, ob ich psychische Betreuung brauche. 

Ich habe generell immer offen über meine stille Geburt gesprochen. Das hat mir selbst auch viel geholfen. Es kommen auch ganz viele Geschichten zurück. Und plötzlich bricht dieses Tabu. Das ist eine extrem gute Sache.

Mittlerweile bin ich wieder schwanger. Diese Folgeschwangerschaft ist emotional etwas sehr anderes als die erste. Aber das ist ein anderes Thema. Geholfen hat mir u.a. das Buch „Meine Folgeschwangerschaft“ von Heike Wolter.

Helen ist begeisterter Literatur- und Theaterfan. Derzeit promoviert sie über Geflüchtete und engagiert sich ehrenamtlich.