Julia, 35, Journalistin

Schwermut, Demut, Mut

Eine Eileiterschwangerschaft, ein halbes Jahr später eine Fehlgeburt. Danach erstmal die große Leere. Ein Erfahrungsbericht, der auch mit viel Hoffnung zu tun hat. Meistens zumindest.

Als freie Journalistin schreibe ich normalerweise über schöne Dinge wie Reisen, Mode oder Essen. Umso schwerer fällt es mir, etwas Persönliches zu schreiben. Warum ich es nach längerem Überlegen trotzdem mache? Weil das Thema kein Tabu sein darf, und Frauen, denen so etwas passiert ist, sich nicht weniger zusammentun sollten als die Pekip-Mütter oder die #aufschrei-Frauen. Es geht um Fehlgeburten. Circa 15 von 100 schwangeren Frauen haben eine.

Die kritische 12. Woche

Mich hat es dieses Jahr erwischt, als ich jede Skepsis überwunden hatte, dass etwas schiefgehen könnte. Ich war schwanger! Gerade erst hatte ich eine entspannte Woche in Griechenland verbracht. Ich war jetzt in der zwölften Woche angelangt. Bei der Ultraschalluntersuchung in der zehnten Woche kurz vor dem Urlaub war alles paletti. Dann aber bemerkte ich eines Morgens Blut auf dem Klopapier. Mir wurde schlecht. Ich wollte, dass mir schnell jemand sagt, dass alles okay ist mit dem Baby. Allerdings war Samstag. Die Ärzte hatten geschlossen. So befanden wir uns am heißesten Wochenende des Jahres, statt wie geplant am See, in der Rettungsstelle der Charité, ein Ort, der wegen der chronischer Personal-Unterbesetzung mit „Nächstenliebe“ so viel zu tun hat wie der Bahnhof von Jena Paradies mit dem Garten Eden. Vier Stunden lang warten. 240 Minuten sich sagen, dass bestimmt alles gut sei. Jede Sekunde panische Angst, dass dem nicht so ist.

Endlich der Aufruf. Die Ärztin schaute auf den Ultraschall-Monitor. Länger als gewohnt. Und vor allem: sorgenvoller. Ich ertrug diesen Blick nicht, starrte an die Decke, wartete, dass sie etwas sagte. Mir wurde immer schlechter. „Ich kann leider keinen Herzschlag ausmachen“, hörte ich dann. „Ihr Kind ist gestorben. Es tut mir leid.“ Mein Freund strich mir von hinten über den Kopf. Ich wollte nicht getröstet werden. Es kann ja gar nicht stimmen! Das ist alles nur ein schlechter Traum. Ich stieg vom Stuhl, zog meine Rocky-Schlappen an und hatte ein Knock-out. Es war der 27. August 2016. Der Tag, an dem unser erstes Kind zur Welt kommen sollte. Meine Seele verkroch sich tief in mein Innerstes. Ich war eine Hülle, um mich herum eine Scheinwelt. Eine Welt, die zum zweiten Mal aus den Fugen geraten war. „The world ain’t all sunshine and rainbows.”

Die Eileiterschwangerschaft

Ich war schon einmal schwanger gewesen. Dass mit meinem Körper damals etwas nicht stimmte, merkte ich bald. Es zog im Unterleib, vor allem rechts. Die BHs drückten. Sport war anstrengend geworden. Mitte Dezember 2015 zeigte der Schwangerschaftstest zwei Striche. Meine Gefühle waren die ersten drei Tage ambivalent. Einerseits sich freuen, andererseits Angst vor den Veränderungen. Nachdem sich das Ergebnis gesetzt hatte, waren es 100 Prozent absolute (Vor)Freude! Doch dann waren da, nach einem Mittagessen mit einer Freundin ein paar Tage später, plötzlich Blutungen. „Die können am Anfang normal sein“, sagte die Freundin. Doch das ständigen Stechen? So landete ich am Freitag vor Weihnachten das erste Mal in der Charité und wartete fünf Stunden. Vor dem Ultraschall meinte die Ärztin, dass sie nicht viel erkennen kann. Dafür sei es noch zu früh.

Mein zukünftiges Baby war stecken geblieben, ich war es auch. Als ich im Zimmer aufwachte, blickte ich auf ein Foto von einem Baby an der Wand und hatte selbst keines mehr.

Am 22. Dezember fuhr ich zu meiner Familie. Dort wurden die Schmerzen über Nacht unerträglich. Am 23. Dezember wurde ich nach kurzem Prozess der niedergelassenen Ärztin („Die Fruchthöhle ist leer. Sie haben eine Eileiterschwangerschaft.“) schnell operiert - wegen der Gefahren, die eine Eileiterschwangerschaft mit sich bringt. Mein zukünftiges Baby war stecken geblieben, ich war es auch. Als ich im Zimmer aufwachte, blickte ich auf ein Foto von einem Baby an der Wand und hatte selbst keines mehr. Wegen Weihnachten standen die meisten Zimmer leer. Ich befand mich in einer Blase, in der mir die Schwestern Mut machten, dass beim nächsten Mal alles besser wird. Und irgendwann glaubte ich daran. Wären nur nicht Monate danach die Schmerzen im operierten, rechten Eileiter gewesen. Ich verbrachte bald mehr Zeit in Wartezimmern als im Büro. Doch die Ärzte blieben ratlos, schoben es mal auf Verwachsungen, mal solle ich einfach „lecker essen”, „das beste Rezept“. Erst nach einer Schmerztherapie hörte es langsam auf. Der Sommer konnte kommen. Vielleicht auch alles weitere.

Zweimal ist keinmal

Ich kann nicht sagen, dass ich aufgeregt war, als ich nach dem deutschen EM-Aus und unserer Verlobung einen weiteren Schwangerschaftstest machte. Warum sollte es gleich wieder klappen. Als der Test positiv ausfiel, wollte ich es deshalb auch nicht richtig glauben. Und: Ich machte mir Sorgen. Dass es wieder im Eileiter feststeckt. Erst als die Frauenärztin eine Woche später einen Herzschlag in der Gebärmutter zeigte, entspannte ich mich. Ich hatte vor sieben Monaten schon mal Pech gehabt. Diesmal würde alles gut werden! Die Geburt sollte im März 2017 sein. In der 9. Woche sah ich zum ersten Mal die Arme und Beine des Babys. Alles entwickelte sich nach Plan. Dem Urlaub auf Korfu stand nichts im Weg. Mir ging es gut. Keine Übelkeit, keine Müdigkeit, kein Schwindel. Sogar etwas Sport war drin. Doch dann kam der 27. August. Und damit endete auch diese Schwangerschaft. Ich war traurig. Desillusioniert. Vier Tage später erfolgte die Ausschabung. Die Tage dazwischen hatte ich leichte Wehen. Der Körper reagierte auf das tote Kind im Bauch.

Leben mit der Fehlgeburt

Die Fakten: 1 bis 2 Prozent aller Schwangerschaften führen zu einer Eileiterschwangerschaft. Rund 15 Prozent aller klinisch bestimmten Schwangerschaften enden in einer Fehlgeburt, meist im ersten Trimester. Ab 35 steigt das Risiko für Fehlgeburten. Eine Eileiterschwangerschaft sowie eine Fehlgeburt erhöhen das Risiko für eine weitere um 20 Prozent.

Ich wollte immer Kinder haben. Und das eigentlich schon früher. Mittlerweile bin ich mit 35 die einzige in meinem Berliner Freundeskreis ohne Kind. Während ich mich von den Operationen erholte, wurden andere schwanger oder bekamen Babys. Ich freue mich für jede einzelne und bin gleichzeitig minimal neidisch. Wenn andere zum Trost sagen, dass man „immerhin“ beide Male schnell schwanger geworden ist, hilft das marginal. Und was hat man jetzt davon? Wochen nach der Ausschabung üble Hormonschwankungen und dicke Binden im Slip. Und Frust. Auch über das Tabu, das keines sein sollte. Warum verfallen Schwangere bis zum vierten Monat in kollektives Stillschweigen, um nicht sagen zu müssen, wenn es nicht „geklappt“ hat, was klinisch gesehen keine Seltenheit ist? Warum sprechen über ihre Fehlgeburten meist nur die, die danach ein Kind bekommen haben?

Dabei sind wir gewohnt, dass meist alles nach Plan läuft: Arbeit, Selbstverwirklichung, Sport, der Winter-Sale, das neue Anna-Jones-Rezept. Nach einer Fehlgeburt verläuft erstmal relativ wenig nach Plan:

Erfahrungsberichte gibt es so oft nur in anonymen Foren im Internet; in Magazinen redet man über schönere Dinge. Über Reisen, Mode oder Essen. Alle machen Serien über erfolgreiche Mütter. Keiner macht welche über das Leben der anderen. Und das wird nach einer Fehlgeburt ganz schön aus der Bahn geworfen. Dabei sind wir gewohnt, dass meist alles nach Plan läuft: Arbeit, Selbstverwirklichung, Sport, der Winter-Sale, das neue Anna-Jones-Rezept. Nach einer Fehlgeburt verläuft erstmal relativ wenig nach Plan: Einen Tag lang nichts essen und an die Wand starren, am nächsten Tag ein dummer Spruch auf den Lippen und ein Glas Negroni in der Hand, um sich einen Tag darauf die Frage zu stellen: Darf ich überhaupt schon wieder lachen? Bereits Hoffnung auf ein neues Kind haben oder noch um das alte trauern? Es gibt keinen Status Quo. Nach einer Fehlgeburt ist alles diffus. Aber: Es wird besser! Langsam kriecht die Seele wieder in den Körper zurück. Allerdings hat der jetzt eine Narbe; manchmal mehrere. Doch die verblasst mit der Zeit, selbst wenn der Schnitt tief saß. Manchmal verdeckt man sie, manchmal zeigt man sie anderen. Was die machen können? Zuhören. Dasein. Öfter als üblich. Eine Suppe kochen, die mehr Wärme schenkt als jede vage Zukunftsprognose.

Einen Monat nach der OP akzeptierte ich, was passiert war. Wer weiß schon, was all die Schwangeren auf der Straße zuvor mitgemacht haben. Ich ließ Schilddrüse und Blutgerinnung untersuchen, ging wieder zum Yoga und Boxen, fuhr weg, arbeitete viel, heiratete den Mann, der mich 2016 immer wieder aufgefangen hat. Jetzt kommt 2017! Und ich wünsche mir nichts mehr, als dass ich bald Mutter werde. Bis dahin genieße ich die Zeit zu zweit. Jedoch werde ich mich nie wieder über einen positiven Schwangerschaftstest freuen können, ohne gleichzeitig Zweifel zu haben, dass alles gut geht. Nur: Ob dem so ist, wird man nicht erfahren, wenn man es nicht nochmal probiert. Oder wie Rocky sagte: „Keep moving forward!”*

(Nachtrag im Sommer 2017:
Es folgten zehn Monate mit einer chronischen Infektion; bedingt durch die zweite Fehlgeburt.)

(Dieser Text erschien auch auf: Edition F)

Julia Stelzner schreibt als freie Journalistin für die FAZ, Zeit und Elle. Sie hat ein Buch über Mode und eines über Essen verfasst (Prestel). Nach zwei Fehlgeburten hat sie die Website "Das Ende vom Anfang" ins Leben gerufen, um mit ihrem Erfahrungsbericht und denen anderer Frauen allen Mut zu machen, die eine Fehlgeburt erleben mussten. Am liebsten ist sie in den Bergen bzw. in Berlin beim Yoga, Boxen oder in der Pizzeria.