Katharina, 34, Bioinformatikerin

Mein fünftes Kind lebt

Katharinas Kind ist 19 Monate alt, läuft, spricht, lacht, weint, hat eine Erkältung nach der anderen. Das ganz normale Leben. Vor ihr hatte sie vier Kinder, die nicht überlebt haben.

Mit 30 wurde ich zum ersten Mal schwanger. Geplant, und doch unterwartet schnell, nämlich genau im ersten Zyklus, in dem wir es probiert haben. Ich hatte so wenig damit gerechnet, schwanger zu sein, dass ich zunächst überhaupt nicht auf die Idee kam, einen Test zu machen. Stattdessen ließ ich mich in der Frühschwangerschaft (von der ich nichts ahnte) mehrfach gegen tropische Krankheiten impfen. Erst nach der letzten Impfung, in der 7. SSW, machte ich einen Test. Ich war tatsächlich schwanger. Wir freuten uns, änderten unsere Reisepläne, um das Malaria-Risiko zu verringern. In der 8. SSW bekam ich eine schwache Blutung. Ich rief meine Mutter an. Sie riet mir, ins Krankenhaus zu fahren, um nachsehen zu lassen, was los sei. Es war ein Freitagabend. Sie riet mir, nicht bis Montag zu warten, bis meine Frauenärztin wieder ihre Praxis öffnen würde. Also fuhren wir in die Uniklinik. Dort tat man so, als wäre gar nicht gesichert, dass ich schwanger wäre, weil ich keinen Mutterpass vorlegen konnte. Erst nachdem ein Bluttest die Schwangerschaft angezeigt hatte, begann man, mir zu glauben. Ich wurde zum Ultraschall gerufen. Eine junge Assistenzärztin schallte und schallte und schallte. Einen großen Teil der Zeit verbrachte sie damit, meine Eierstöcke zu vermessen. Eine Fruchthülle konnte ich nicht auf dem Bildschirm erkennen. Sie hatte den Bildschirm so gedreht, dass ich mir den Hals verrenken musste, um überhaupt etwas zu sehen. Sie sagte nichts. Dann rief sie nach einer Kollegin. Diese kam und schallte noch einmal lange. Dann erklärte sie mir, dass ich zwar hormonell schwanger sei, sie aber keine Fruchthülle finden könne. Das HCG wäre für die von mir angegebene Schwangerschaftswoche auch zu niedrig. Es könnte eine Eileiterschwangerschaft sein, oder die Fruchthülle sei bereits abgegangen. Sie konnten es nicht genau sagen. Sie sagten, ich müsste die Nacht auf jeden Fall zur Beobachtung dableiben. Das wollte ich aber nicht. Sie versuchten, mir Angst einzujagen, sagten, ich könnte sterben, wenn ich wieder nach Hause ginge. Das führte zu einer hitzigen Diskussion, ich wollte gerne eine Wahrscheinlichkeit für meinen Todesfall hören, und die Damen konnte mir nur sagen, dass es in ihrer persönlichen Laufbahn noch nicht vorgekommen war. Dementsprechend maß ich dem Szenario meines raschen Versterbens auf dem Weg von meiner Wohnung zum Krankenhaus keine große Bedeutung zu und fuhr nach Hause.

Dort wartete ich erst einmal ab. Am nächsten Tag setzten heftigere Blutungen ein, etwa wie eine sehr starke Periode. Ich meldete mich bei der Arbeit krank und ging viel spazieren. Ich war traurig. Aber insgesamt kam ich gut klar. Ich sprach mit ein paar Kolleginnen über meine Fehlgeburt, mit Freundinnen, mit Verwandten. Nach Ende der Blutung fuhr ich zu meiner Frauenärztin. Sie machte nochmal einen Ultraschall, um zu gucken, ob irgendwelche Reste verblieben waren. Es war alles in Ordnung.

Ein paar Monate später war ich wieder schwanger. Dieses Mal sehnlichst erwartet, ich wusste es ganz früh. Ich rief sofort eine mir bekannte Hebamme an. Ich brauchte jemanden zum Reden und ich wollte soviel Vorsorge wie möglich außerhalb von Arztpraxen durchführen lassen. Trotzdem fuhr ich auch zu meiner Frauenärztin, die mir vorsorglich Progesteron verschrieb, um einer progesteronmangelversursachten erneuten Fehlgeburt vorzubeugen. Ich ließ keinen Ultraschall machen.

In der 12. SSW versuchte meine Hebamme erstmalig mit ihrem Dopton Herztöne zu hören. Wir hörten an diesem Nachmittag vieles, aber keinen Herzschlag. Sie war sich nicht ganz sicher. Sie strahlte viel Zuversicht aus. Ich war beruhigt. Beim nächsten Mal würden wir sicher Herztöne hören. Am Wochenende nach dieser Untersuchung bekam ich wieder Blutungen, hellrotes Blut. Ich geriet in Panik. Ich rief meine Hebamme an. Sie strahlte Ruhe aus, fand aber, dass es schon richtig wäre, wenn ich mal draufschauen lassen würde. Ich hatte die Uniklinik in sehr negativer Erinnerung. Deshalb nahm ich eine liebe Freundin mit dorthin. Ich hatte aber großes Glück. Eine erfahrene Frauenärztin hatte Dienst. Sie wirkte souverän am Ultraschallgerät. Sie fand eine große Fruchthülle, darin aber keinen zeitgerecht entwickelten Embryo. Genau gesagt war da fast gar nichts drin. Sie war in der Lage, mir zu erklären, was sie für wahrscheinlich hielt, was sie für unwahrscheinlich hielt. Sie hielt die berechnete Schwangerschaftswoche für falsch, oder den Embryo für tot. Sie hätte mich in der Klinik behalten, versuchte aber nicht, mich zu überzeugen. Sie erklärte mir, dass ich auch einfach zu Hause abwarten könnte, was als nächstes passieren würde. Bei sehr starken Blutungen sollte ich nicht zögern, wieder zu kommen. Ich fuhr nach Hause.

Montags fuhr ich zu meiner Frauenärztin. Sie schallte auch nochmal und klärte mich etwas genauer darüber auf, unter welchen Umständen ich unverzüglich die Uniklinik aufsuchen sollte (wenn das Blut wie aus einem Wasserhahn laufen würde, wenn ich Fieber bekäme, oder wenn ich mich sonst sehr unwohl fühlen würde). Dass mein Baby nicht lebensfährig war, sah sie als gesicherte Tatsache an.

Ein paar Tage später ging die Fehlgeburt richtig los. Es war eine sehr viel stärkere Blutung, als bei der ersten Fehlgeburt. Ich hatte sehr fiese Bauchkrämpfe. Ich saß Stunden auf dem Klo und sah dem Blut beim Rinnen zu. Schwallartig. Aber von der Menge aus meiner Sicht unproblematisch. Ich suchte nach meinem Baby. Meine Freundin hatte berichtet, dass sie ihr kleines Baby in ihre Hand aufgefangen hatte. Bei mir kam kein Baby. Es war ja auch keins im Ultraschall gewesen. Nach ein paar Stunden hörten die Blutungen auf. Ich ging spazieren. Ließ mich wieder krank schreiben. Ich hatte noch zehn Tage Schmierblutungen. Diese Fehlgeburt hatte mich psychisch sehr getroffen. Ich hatte mich jenseits der 12-Wochen-Grenze in Sicherheit gewähnt. Ich hatte damit gerechnet, dass wir ein gesundes Baby haben würden. Nach Ende der Blutungen ging ich wieder für einen Ultraschall zu meiner Frauenärztin. Es war alles gut. Der HCG sank nur langsam, ich verfolgte das Sinken mit Pipi-Tests, wir sparten uns weitere Bluttests. Nach einer weiteren Periode war kein HCG mehr da.

Monate später war ich wieder schwanger. Ich war von Anfang an unsicher. Ich rechnete schon fast damit, dass es wieder schief gehen würde. Ich kontaktierte wieder meine Hebamme, wir sahen uns in dieser kurzen Schwangerschaft jedoch nie. Als ich Blutungen bekam, fuhr ich nach ein paar Tagen zu meiner Frauenärztin, die keine richtig ausgebildete Fruchthülle in der 7. SSW erkennen konnte. Der HCG-Wert war viel zu niederig. Ich könnte mich verrechnet haben, sagte sie. Aber ich verrechnete mich nie. Es war schon wieder vorbei. Diese Fehlgeburt war körperlich so undramatisch wie die erste. Psychisch begann ich sehr an den Fähigkeiten meines Körpers zu zweifeln. Wir ließen uns eine Überweisung zur Kinderwunschklinik zwecks Ursachenabklärung geben.

Der von mir aufgesuchte "Spezialist" hatte im Internet recht positive Bewertungen erhalten. Ich fand ihn nett. Sein "Therapiekonzept" war jedoch ein "one size fits all"-Modell, d.h. er versuchte einfach mit vielen Medikamenten viele mögliche Ursachen auszuschalten, ohne die Ursachen näher zu erforschen. Ich zweifelte von Anfang an an diesem Konzept, war aber bereit, es zu versuchen. Es war "das oder nichts tun". Dann lieber "das".

In der wenige Monate später folgenden Schwangerschaft trat ich also sehr früh und in engen Intervallen zur HCG-Kontrolle an, spritzte mir täglich Heparin, nahm ASS, Prednisolon und Progesteron. Ich verbrachte Stunden damit, meine HGC-Werte in Referenzbereiche einzuordnen. Bald schon wurde mir klar, dass das HCG wieder zu langsam stieg. Die Ärzte wollten es mir nicht so schnell sagen. Sie zögerten. Sie waren noch optimistisch. Aber beim Ultraschall in der 7. SSW war wieder keine Fruchthülle zu sehen. Es bestand wieder die Gefahr einer Eileiterschwangerschaft. Ich blieb aber ganz ruhig, setzte die Medikamente ab und wartete. Ich musste drei Wochen warten, bis endlich die Blutung losging; ich ließ mir gegen Ende der drei Wochen von einer Hebamme geburtseinleitende Akupunkturnadeln setzen. Es war mehr als eine normale Periode, aber hauptsächlich psychisch wahnsinnig erschöpfend.

Ich ließ mich von meiner Frauenärztin an eine Psychotherapeutin überweisen, um meinen Kummer zu verabeiten. Ich besuchte eine Selbsthilfegruppe. Ich schrieb in Betroffenenforen im Internet. Ich suchte nach einer besseren Ursachenabklärung. Ich hielt es nicht mehr für Zufall.

Ich stieß auf ein Buch mit dem Titel "Is your body baby friendly?". Es beschreibt viele mögliche Ursachen für Fertilitätsstörungen und Fehlgeburten, experimentelle Behandlungsweisen. Unter anderem befindet sich im Anhang eine Ärzteliste. Ich wandte mich an die mir am nächsten gelegene Ärztin (es war nur eine im deutschsprachigen Raum geilstet). Wir warteten ein halbes Jahr auf einen Termin. Dann durften wir unsere Blutproben (sehr viele Röhrchen) einschicken. Und warteten wieder ein paar Monate. Endlich hielten wir den Laborbericht in den Händen. Was mir dieser Bericht vor allem sagte, war, dass es keine chromosomale Störung war, und dass viele der Ursachen, von denen ich gelesen hatte, ausgeschlossen werden konnten. Andererseits war mein Immunsystem scheinbar etwas "überaktiv". Wir hatten noch keinen Behandlungsplan in den Händen, aber wir beschlossen, wieder zu versuchen, schwanger zu werden. Im Zweifelsfall würde sich auf Grundlage des Laborberichts jetzt auch kurzfristig ein Behandlungsplan erstellen lassen.

So kam es dann auch. Ich wurde ganz schnell wieder schwanger. Die ersten Tage der Frühschwangerschaft waren das absolute Chaos, weil Laborwerte hin- und her geschickt werden mussten, weil die Ärztin uns plötzlich ganz schnell einen Plan erstellen musste, weil die Apotheke die Medikamente bestellen musste usw., aber dann wurde es einfach. Ich spritzte brav Heparin, Granocyte und Progesteron, nahm zusätzlich Prednisolon und Progesteron in Tabletten und Kapseln oral ein. Ich hatte keine Lust auf die ständigen ärztlichen Kontrollen, deshalb machte ich immer nur Arzttermine, um neue Rezepte zu holen. Beim dritten Termin ließ ich einen Ultraschall machen. Es war eine zeitgerecht entwickelte Fruchthülle zu sehen. Ich kontaktierte meine Hebamme. Sie übernahm die weitere Vorsorge und die weiteren Blutabnahmen (wegen der Medikamente mussten einige Parameter überwacht werden). Mein Bauch begann zu wachsen. Nach der 13. Woche konnte ich alle Medikamente absetzen. Es wurde eine absolut unkomplizierte Schwangerschaft, gefolgt von einer absolut unkomplizierten Hausgeburt.

Mir ist es ein Anliegen, dass Frauen sich bewusst werden, was ihre Körper leisten können. Oft werden Frauen zur Curetage gedrängt. In meiner Selbsthilfegruppe war ich quasi das rosafarbene Einhorn, weil ich alle Fehlgeburten zu Hause in meinem Badezimmer erlebt habe. Ich hätte mir bei einer der Fehlgeburten gewünscht, medikamentös nachhelfen zu können. Dies ist an unserer Uniklinik aber leider nicht üblich. Ich hätte viele hundert Kilometer fahren müssen, um die Tabletten zu bekommen.

Foto: Unsplash

Katharina Hoff (34, Bioinformatikerin)