Kim, 40, Moderatorin

Interview: "Es tut einfach scheißeweh, sich dem Verlust zu stellen"

"Das Thema Fehlgeburt war für mich kein Thema. Richtig offen hatte mit mir nie jemand über eine Fehlgeburt gesprochen." Doch dann hatte Kim selbst drei Fehlgeburten hintereinander.

Mit 34 war Kim das erste Mal schwanger, mit 35 kam ihre Tochter auf die Welt. Damals war Kim die „unkomplizierte Erstgebärende“, wie sie sagt. Als sie jedoch zwei Jahre später drei Fehlgeburten binnen kürzester Zeit erlitt, wurde sie auf einmal zum „medizinischen Sonderfall“. Ihre Tochter sei vielleicht nur ein großer Zufall, hieß es. Als sie danach mit Zwillingen schwanger wurde, erlitt sie eine weitere Fehlgeburt. Heute hat Kim eine fünfjährige Tochter und einen zweijährigen Sohn. Und sie spricht inzwischen offen über ihre Fehlgeburten – vor allem, um anderen mit ihrer Geschichte Mut zu machen. Die Trauer über den Verlust sitzt jedoch bis heute.

Deine erste Fehlgeburt, Kim, wann war das?

Meine erste Schwangerschaft mit meiner Tochter war unfassbar unkompliziert. Ich bin gleich im ersten Übungszyklus schwanger geworden und hatte die ganze Schwangerschaft hindurch keinerlei Beschwerden. Auch beim zweiten Versuch, zwei Jahre später, bin ich relativ schnell schwanger geworden. Zwischen den Arztbesuchen lagen recht große Abstände. Als ich zum zweiten Mal in der zehnten Woche in der Praxis war, bat ich den Arzt, gleich einen Ultraschall zu machen. Ich war irgendwie mit einem unguten Gefühl in die Praxis gefahren. Und tatsächlich war da nur eine leere Fruchthöhle zu sehen, die später ausgeschabt werden musste. Ich hatte einen verhaltenen Abort.

Wie haben die Ärzte in diesem Augenblick reagiert?

Mein Frauenarzt hatte mit mir mitgelitten und war sehr einfühlsam. Im Krankenhaus habe ich allerdings gar nichts von Empathie gespürt. Ich musste dort von 9 Uhr morgens bis 21 Uhr abends warten und konnte wegen der bevorstehenden Operation nichts essen oder trinken. Es war alles komplette Routine und ein sehr trostloses Gefühl.

Im Laufe der Fehlgeburten hatte ich jedoch viel schlimmere Reaktionen erfahren. Als ich bei meiner dritten Schwangerschaft Blutungen hatte und deshalb im Krankenhaus war, holte mich ein Arzt kurz nach der Untersuchung zu mir und sagte: „Sie waren gar nicht schwanger. Sie haben nur Ihre Regel bekommen.“ Allerdings war die Schwangerschaft schon von meinem Gynäkologen bestätigt wurden. Ich hatte sogar bereits ein Ultraschallbild. Auf mein Drängen hin hat der Arzt im Krankenhaus mir dann Blut abgenommen und mich vier Stunden später angerufen und sich entschuldigt, weil ich noch geringen HCG-Wert und eine frühe Fehlgeburt hatte.

Wie viel Abstand war eigentlich zwischen deinen Schwangerschaften?

Ich bin insgesamt in einem Jahr viermal schwanger gewesen und hatte vier Fehlgeburten, inklusive der Zwillingsschwangerschaft bei meinem Sohn. Die Hebammen hatten auch zu mir gesagt, dass der Körper nur schwanger wird, wenn er dazu auch bereit ist. Man muss keine zwei Menstruationen abwarten. Wahrscheinlich habe ich nur jede Fehlgeburt bemerkt, da ich sehr schnell Schwangerschaftstests gemacht habe. Ansonsten hätte ich manche Fehlgeburt vielleicht als verspätete, starke Menstruation abgetan. Durch die Tests habe ich mich aber immer mit dem Thema konfrontiert. Ich habe damit versucht, meinen Körper ein Stück weit zu analysieren.

Wem hattest du in dieser Zeit von deinen Fehlgeburten erzählt?

Am Anfang hatte ich jedem von meiner zweiten Schwangerschaft erzählt. Ich wusste ja nicht, dass etwas falsch gehen kann. Als ich dann die Ausschabung hatte, musste ich mich deshalb auch jedem erklären, sagen, dass ich nicht mehr schwanger bin. Bei den folgenden Fehlgeburten habe ich jedoch außer meiner Familie mit niemanden darüber gesprochen. Meine Schwägerin war zeitgleich mit mir schwanger und immer wenn ich eine Fehlgeburt hatte, wollte ich ihr nichts davon sagen, um ihre ungetrübte Schwangerschaft nicht zu belasten. Aber es war der Horror für mich: ihre Ultraschallbilder zu sehen und zwei Wochen vorher selbst eine Fehlgeburt gehabt zu haben. Dadurch wird einem so deutlich vor Augen, was man verloren hat. Vor allem, wenn man weiß, was für ein großes Glück ein Kind ist.

Gerade bei mehreren Fehlgeburten: Wird man hoffnungsloser? Glaubt man, dass es beim nächsten Mal doch klappen muss? Oder stumpft man vielleicht eher ein wenig ab?

Beim ersten Mal war der Schock am größten. Beim zweiten und dritten Mal war es immer noch unendlich traurig, aber es kam die Hoffnungslosigkeit dazu. ich hatte das Gefühl, es nicht zu schaffen bzw. dass mein Körper es nicht schafft. Außerdem war ich mittlerweile 37 und hatte offensichtlich geschädigte Eizellen. Mein Körper hat da extrem hart aussortiert. Meine Ärzte fanden es gut, dass dem so ist. Aber einem selbst hilft es wenig. Bei mir überwog die Fassungslosigkeit.

Welche Reaktionen von anderen hast du erfahren, als du später von deinen Fehlgeburten erzählt hast?

Erstaunlicherweise haben viele gesagt: „Das ist mir auch schon passiert“ oder „Das gehört dazu“. Es ist gefühlt auf einmal eine Tür aufgegangen, hinter der mir Frauen von ihren Erfahrungen erzählt haben, und der Austausch tut gut.

Wie bist du mit den Verlusten umgegangen?

Für andere Leute ist vielleicht wichtig, dem Kind einen Namen zu geben oder einen Baum zu pflanzen. Für andere nicht. Da muss jeder selbst den richtigen Umgang für sich finden. Richtig oder Falsch gibt es nicht. Ich war selbst danach unendlich traurig. Meine Trauer, z.B. mit einer Trauerstunde, noch größer zu machen, wollte ich nicht.

Hast du dir je Hilfe bei einem Kinderwunschzentrum gesucht?

Ja. Daher wusste ich auch das mit den geschädigten Eizellen. Wir haben uns nach der dritten Fehlgeburt an ein Kinderwunschzentrum gewandt und komplett durchchecken lassen. Dort hat uns aber der Arzt gleich mit dem ersten Satz Mut gemacht, als er sagte, „Hier sitzen so viele Frauen, die werden gar nicht erst schwanger. Aber das passiert ja bei Ihnen einwandfrei.“ Er riet zu einem weiteren natürlichen Versuch und tatsächlich wurde ich bei dem mit Jonah schwanger.

Wie hast du nach drei Fehlgeburten die Schwangerschaft mit deinem Sohn erlebt?

Ich hatte ursprünglich Zwillinge und leider einen am Anfang verloren. Dazu kam, dass wir circa in der 13. SSW an einem Wochenende, es war sogar unser Hochzeitstag, zur Kontrolle ins Krankenhaus gefahren sind, weil ich irgendwie wieder ein schlechtes Gefühl hatte. Die junge Ärztin hörte sich unsere Geschichte an und begann, einen Vaginalultraschall zu machen und plötzlich fragte sie mich, ob wir zuvor schon einen Herzschlag gesehen hätten. Sie würde nämlich keinen finden.

Das war der Moment, als wir völlig am Ende waren. Ich weinte nur. Der Gesichtsausdruck meines Mannes zeigte ganz klar: Das war es. Das stehen wir nicht noch einmal durch. Die junge Ärztin holte dann die Oberärztin zur Kontrolle. Die war sehr nett und sagte: „Wir schauen jetzt nochmal!“ Und dann fand sie den Herzschlag. Die junge Ärztin entschuldigte sich mehrmals, aber mir war das egal. Ich war einfach irre froh, dass das Herz meines Babys schlägt.

Wie konntest du bei diesen schlimmen Erlebnissen entspannt bleiben?

Ehrlich gesagt, ich konnte das nicht. Es gab keinen Moment, in dem ich keine Angst hatte. Erst nach den ersten 12. Wochen habe ich mich vielleicht ein wenig entspannt. Ich hatte mir sogar extra einen AngelSounds gekauft, um eigenständig regelmäßig den Herzschlag überprüfen zu können. Als er sich dann immer mehr bewegt hat, war das natürlich auch beruhigend.

Und wie habt ihr die Fehlgeburten als Paar durchlebt?

Wir haben das als Paar gemeinsam gut durchgestanden. Dennoch glaube ich, dass Frauen den Verlust viel tiefgreifender erleben. Schließlich haben wir, allein physisch gesehen, etwas verloren. Ich will den Verlust der Männer nicht schmälern, aber am Ende war es „mein Scheitern“. Dennoch hatten wir ja immer unser Wunschkind, unsere Tochter, in den Armen und das tröstete sehr, weil ich wusste, ich würde auch so in meinem Leben glücklich werden. Psychologisch gesehen, sind mehrere Fehlgeburten vor allem für Frauen, die noch kein Kind haben, aber eine Vollkatastrophe.

Warum erzählen deiner Meinung nach so wenige Frauen von ihren Fehlgeburten?

Vielleicht um andere zu schonen. Und weil es einfach scheißeweh tut, sich dem Verlust zu stellen. Ich bin selbst eine ganze Weile verstummt. Auch bin ich generell niemand, der sagt, „Ich hab da was!“ Wenn es sich im Gespräch ergibt, z.B. beim Thema Kinderwunsch, dann erzähle ich von mir und versuche, anderen Mut zu machen. Zudem stehe ich ein bißchen in der Öffentlichkeit und ich wollte nie mit meiner persönlichen Geschichte Publicity generieren. Ich hatte immer Angst, dass so etwas falsch herüberkommt. Bei meinem ersten Interview zu dem Thema hatte ich zum Beispiel irre Herzklopfen. Aber es ist wichtig, dass man darüber spricht, wenn man anderen damit helfen kann.

Kim Friedrichs ist ein echtes Kind von der Küste. Noch während ihres Studiums der Germanistik und Kulturwissenschaft, ist sie seit 2005 als Regional-Reporterin für die rasanten Themen im Norden zuständig und liefert zudem Live-Schalten, Magazinbeiträge und redaktionelle Zulieferungen fürnationale Formate wie „Punkt 6“, „Punkt 9“, „Punkt 12“ und „RTL Aktuell". Privat lässt Kim es ruhiger angehen. Action im Beruf, Entspannung im Privatleben. Freie Zeit verbringt sie am liebsten mit ihrer Familie und ihren Freunden.
Kim Friedrichs RTL-Nord