Saskia, 37, Marketing-Managerin

Interview: "Man erzielt lieber Erfolgsgeschichten."

Was den Kinderwunsch betrifft, hat Saskia einige vermeintliche Tabuthemen mitgemacht. Sie geht bewusst offen damit um, auch wenn sie oft das Gefühl hat, damit die einzige zu sein.

Ich habe bereits eine kleine Tochter durch eine künstliche Befruchtung bekommen. Bei Kind II wurde ich wieder dank ICSI recht schnell schwanger. „Immerhin“, dachte ich. Wenn mich schon das Los der künstlichen Befruchtung trifft, dann benötige ich dafür keine endlosen Versuche.

Hattest du je mit einer Fehlgeburt gerechnet?

Ehrlich gesagt, nein – überhaupt nicht. Obwohl ich doch all die Zahlen ganz genau kenne, mein Alter, die künstliche Befruchtung, und all die anderen Faktoren mit einbezogen. Ich dachte, mit gesunder Ernährung, Sport und Durchschnittsgewicht kann ich mein persönliches Risiko mindern. Bis kurz vor meiner Fehlgeburt kamen diese in meinem Freundeskreis auch kaum vor – oder es wurde eben nicht darüber gesprochen. Warum also sollte es mich treffen?

Wann und wie hast du von deiner Fehlgeburt erfahren?

In der 8. SSW ging es mir nicht gut: Ich war u.a. in München im Urlaub und litt unter sehr starken Kopfschmerzen. Ich spürte, dass etwas nicht stimmte, aber kein Münchner Frauenarzt wollte mich aufnehmen. Sie verwiesen mich ans Klinikum in die gynäkologische Notaufnahme, aber wer geht denn bitteschön mit Kopfschmerzen und Durchfall in die Notaufnahme? Man liest doch überall von den überfüllten Rettungsstellen.
In der 10. SSW hatte ich dann einen Ultraschall bei meiner Gynäkologin in Berlin. Im Wartezimmer las ich noch einen Artikel über eine Schauspielerin, die offen über ihre Fehlgeburt sprach und wieder schwanger war. Wenige Minuten später hatte ich genau dieselbe Diagnose: eine Missed Abortion. Ich stand komplett neben mir, habe alles nur durch einen Nebel wahrgenommen und habe genickt, als mir meine Frauenärztin die nächsten Schritte erklärt hat. Ich dachte, ich gehe da rein und komme mit einem Ultraschallbild wieder raus – dass dem nicht so war, konnte ich in diesem Moment nicht verarbeiten.
In diesem Moment ließ sich das Gefühl auch nicht mehr ignorieren, das ich die ganze lange Zeit des Kinderwunsches erfolgreich verdrängt hatte: das Gefühl des Versagens, das Gefühl der Minderwertigkeit. Ich fühlte mich schon insgeheim „gebrandmarkt“ durch die ICSI und nun kam auch noch eine Fehlgeburt dazu. In diesem Moment versagten meine Fähigkeiten, mit Stress umzugehen völlig.

Was waren die medizinischen Schritte danach?

Meine Frauenärztin empfahl mir, das „Kind“ auf natürliche Art zu bekommen und riet mir von einer Ausschabung ab. Es sei viel schonender für die Gebärmutter. Um den Abort zu beschleunigen, gab sie mir Cytotec-Tabletten mit, die wehenfördernd wirken. Zwei Tage später war es soweit. Ende Juli hatte ich meine Fehlgeburt, zuhause, auf dem Klo. Ich habe Kind 2 aus der Toilette gefischt, angeschaut, eingefroren, nach Spanien mitgenommen und dort auf der Finca mit meinem Mann begraben.

Wie haben die Ärzte in diesem Augenblick reagiert?

Meine Frauenärztin gehört zu der rationalen, pragmatischen Art, die ich sehr an ihr schätze. An diesem Tag zeigte sie sich sehr einfühlsam, umarmte mich, erzählte mir von ihrer Fehlgeburt und sprach mir Mut zu. Überrascht war ich von einer Aussage: Ich solle mich doch glücklich schätzen, dass ich schon eine gesunde Tochter habe. Ich hatte das Gefühl, dass mir das Recht auf Trauer dadurch abgesprochen wurde. Alles also halb so schlimm. Doch das ist es nicht.

Wem hast du davon erzählt?

In meinem Freundeskreis gehe ich schon sehr offen mit dem Thema der künstlichen Befruchtung um – so hielt ich es auch mit der Fehlgeburt. Allerdings muss ich sagen, dass es mich sehr viel Kraft gekostet hat.

Wie erging es dir die Tage bzw. Wochen darauf?

Mir ging es den ganzen Sommer über nicht gut. Zusätzlich kam hinzu, dass 6 (!) Freundinnen nach meiner Fehlgeburt schwanger wurden. Egal, mit welcher Freundin ich mich dann zum Wein verabredet habe (und ich trank viel Wein nach der Fehlgeburt) eröffnete mir, dass sie schwanger sei. Ich muss sagen, dass ich sehr ambivalente Gefühle hatte in diesem Moment. Keine reine Freude für meine Freundinnen, sondern Neid, Unverständnis, Gefühl der Ungerechtigkeit. Warum klappt alles immer so einfach bei den anderen ("Huch, ich hatte gar nicht damit gerechnet, dass es so schnell klappt", "Oh, da muss ich mich wohl in den Tagen vertan haben").
Einmal war ich mit einer Freundin verabredet, die mir eine Stunde vor unserem Treffen schrieb: "Nur damit ich nicht mit der Kugel ins Haus falle: ich bin im 6. Monat schwanger". Ich war perplex, sie hätte ja warten können und es mir persönlich sagen können. Ich schrieb nur zurück: "Nur damit Du Bescheid weißt, ich hatte kürzlich eine Fehlgeburt." Ich glaube, sie hat es nicht verstanden.

Wie hast du das verarbeitet? Wie habt ihr das als Paar verarbeitet?

Es fiel mir ehrlich gesagt sehr schwer. Uns hat es als Paar nicht so zusammengeschweißt, wie man meinen könnte. Im Gegenteil: Wir mussten uns richtig zusammenraufen und haben auch eine Stunde Paartherapie in Anspruch genommen. Mit fremder Hilfe war das Reden dann auch viel leichter. Natürlich hat mein Mann mich verstanden und natürlich hatte er auch seinen eigenen Schmerz, aber ich glaube, er dachte, es gehe alles schneller vorbei.

Wie hat dein Umfeld darauf reagiert und welche Reaktionen von anderen hättest du dir gewünscht?

Meine Freunde haben sehr mitfühlend reagiert, aber ich hatte auch oft das Gefühl, sie zu überfordern. Sie wussten einfach nicht, was sie sagen sollen. Das ist auch absolut verständlich. Verletzt hat mich, dass ich gemerkt habe, wie einige es vermieden, mit mir über die frischen Schwangerschaften der anderen zu sprechen. Das empfand ich als ausgrenzend.

Was hat dir geholfen bzw. hilft dir, die Hoffnung auf eine gesunde Schwangerschaft nicht aufzugeben?

Zwei Freundinnen hatten kurz vor mir eine Fehlgeburt und wurden im Folgezyklus wieder schwanger. Das half. Und ja: auch das Wissen, dass ich ja schon eine gesunde Schwangerschaft erlebt habe.

Warum sind Fehlgeburten deiner Meinung nach noch so ein großes Tabu?

Ich glaube, weil es einfach nicht in die Zeit der Selbst-Optimierung passt. Aber auch unabhängig davon, neigt man vielleicht eher dazu, lieber die Erfolgsgeschichten zu erzählen. Allerdings darf man auch nicht vergessen, dass viele sich in diesem Moment des sehr großen persönlichen Schmerzes zurückziehen, was absolut legitim ist.

Ein Satz von dir an eine Frau, die das Ganze akut durchmacht:

Der saloppe Spruch einer Frauenärztin: „Sehen Sie es positiv: Sie haben Ihre Statistik abgearbeitet.“

Saskia ist 37 und arbeitet als Onlinemarketing-Managerin.