Alexandra, 35, Redakteurin

Wir sind viele

Bei Alexandra wurde in der 11. Woche ein Missed Abort festgestellt. Sie hätte lieber eine natürliche Fehlgeburt mit Tabletten gehabt, man sagte ihr aber überall, dass dies nicht möglich sei.

Vor über fünf Jahren haben Jörg und ich geheiratet. Kurz vor der Hochzeit habe ich die Spirale entfernen lassen und ganz entspannt zu meinem Frauenarzt gesagt: „Wenn es passiert, dann passiert's.“ Der Druck, unbedingt schwanger werden zu wollen, kam erst Jahre später. Die Babies ploppten nur so aus den Körpern unserer Bekannten, während ich wie ein Schweizer Uhrwerk monatlich menstruierte. Wir ließen ein Spermiogramm erstellen, meinen Hormonhaushalt checken. Körperlich stünde einer Schwangerschaft nichts im Weg. Schwanger wurde ich trotzdem nicht.

Der Kinderwunsch wurde ein steter Begleiter. Irgendwann in diesem Jahr begann ich mit Yoga, reduzierte meine Arbeitszeit und richtete den Fokus nach Innen. Ich lernte, was mir gut tut und Spaß macht.

Am 4. November hielten wir einen positiven Schwangerschaftstest in den Händen. Statt Freudentränen flossen bei mir Tränen der Überforderung. Die große Welle der Euphorie, die ich mir fünf Jahre lang bis ins kleinste Detail ausmalen konnte, ließ auf sich warten. Die Erwartung an diesen Moment war riesig. Kein Gefühl der Welt konnte ihr gerecht werden. So wuchs ich Tag für Tag ganz langsam in die Schwangerschaft hinein. Ich beobachtete meine Gefühle, die Veränderungen meines Körpers und wurde immer gelassener.

Nach ein paar Tagen konnte ich meine Schwangerschaft voll akzeptieren und begann, mich ganz vorsichtig zu freuen. Beim Ultraschall in der siebten Woche schien die Freude ein jähes Ende zu haben: Man konnte weder ein Embryo, geschweige denn einen Herzschlag sehen. „Wir warten noch ab“, sagte die Ärztin. „Aber stellen Sie sich schonmal darauf ein, dass die Schwangerschaft nicht intakt sein könnte.“ Erst im Auto realisierte ich was sie da gesagt hat. Ich telefonierte mit Freundinnen, die bereits Fehlgeburten hatten. Recherchierte zu Missed Abortion und Co. Und ich weinte, weinte, weinte.

Fünf Tage später der nächste Termin beim Frauenarzt: Auf dem Ultraschall war ganz deutlich ein Herzschlag zu erkennen. Jetzt weinten wir vor Freude. Es war doch alles gut.

Die Entwicklung des Embryos zwar etwas verzögert, aber als meine Mutter sagte, dass auch ich der Lehrbuchentwicklung immer hinterherhinkte, war ich beruhigt. Wir waren schwanger. Jetzt so richtig und mit allem was dazu gehört.

Ich hätte es am liebsten der ganzen Welt erzählt. Die Wochen vergingen, ich war fit, zufrieden und sagte mir, dass es dem Baby gutgehe, solange es mir gutgeht. Ich ging wandern, machte Yoga, traf mich mit Freunden. Jeden Abend schrieb ich in mein Tagebuch, wie sehr ich mich darüber freue schwanger zu sein.

In der elften Woche hatte ich wieder einen Termin beim Frauenarzt. Wie immer war Jörg dabei. Im Auto erzählte ich ihm aufgeregt, wie groß der Embryo jetzt sei und maß mit den Fingern die Größe einer Erdbeere. Es war eine Woche vor Weihnachten, eine Woche vor unserem Urlaub und eine Woche, bevor die Schwangerschaft endlich offiziell sein würde, und ich dieses ewig andauernde erste Trimester überstanden hätte. Ich lag aufgedreht glücklich auf dem Gynäkologiestuhl und starrte gemeinsam mit meinem Mann auf den großen Monitor zu meinen Füßen.

Die Ärztin blieb stumm. Sie dreht das Ultraschallgerät in alle erdenklichen Richtungen. Ich wunderte mich über die Flexibilität meiner Scheide, konnte auf dem Monitor aber nichts weiter als eine Wolke in der Fruchthöhle erkennen. „Es tut mir leid. Ich finde leider keinen Herzschlag.“

Es dauerte einen Moment, bevor ich verstand was sie da gesagt hatte. Die Ärztin suchte weiter, fand nichts Lebendiges in mir. Mein Mann weinte, ich weinte. Es war schwer, das zu verstehen. Von dem großen Glück, dem durch und durch positiven Gefühl das wir vor der Untersuchung hatten, war von einem Moment auf den anderen nichts mehr da. All die gute Hoffnung war weg.

Die heimlichen Pläne, Wünsche und guten Gefühle waren genauso tot wie das kleine Wesen in meinem Bauch.

Weil ich mich ein paar Wochen zuvor schon intensiv mit dem Thema Fehlgeburt auseinandergesetzt hatte, wusste ich, dass ich drei Möglichkeiten hatte, die Fehlgeburt einzuleiten.

  1. Ich könnte einfach abwarten, bis mein Körper das Gewebe selbstständig abstößt.
  2. Es gibt Tabletten – Cytotec – die die Fehlgeburt einleiten, sodass der Zeitpunkt des Abstoßens selbst gewählt werden kann.
  3. Ich könnte im Krankenhaus eine Ausschabung vornehmen lassen. Dabei wird das Gewebe entweder abgesaugt oder ausgeschabt.

Meine Ärztin informierte mich lediglich über die dritte Möglichkeit und stellte mir einen Überweisungsschein fürs Krankenhaus aus. Ich fragte sie nach den anderen Optionen. Erklärte ihr, dass ich glaube, dass es für meine Trauerarbeit wichtig sei, die Fehlgeburt zu spüren. Ich wurde fast ein bisschen wütend, weil ich das Gefühl hatte, nicht mehr selbst über meinen Körper entscheiden zu dürfen.

Ich wollte keine saubere Lösung. Ich wollte eine Geburt. Wollte mich auch körperlich von der Schwangerschaft verabschieden.

Es war eine völlig absurde Vorstellung für mich, dass ich in Narkose versetzt werde und man das Gewebe ausschabt als wäre damit alles erledigt. „Sie können die Fehlgeburt schon selbst einleiten aber ich kann Ihnen keine Tabletten verschreiben und auch nicht sagen, woher sie die bekommen“, sagte die Ärztin. „Außerdem müssen Sie bedenken, dass Sie in der elften Woche sind. Das ist eine Menge Blut. Es kann sein, dass Sie an einer Ausschabung danach trotzdem nicht vorbeikommen, oder aufgrund des Blutverlusts mit dem Notarzt ins Krankenhaus müssen“.

Als wir die Praxis verließen, war ich nicht nur unendlich traurig, sondern auch wütend darüber, nicht vollständig aufgeklärt worden zu sein. Zuhause weinten wir eine Stunde gemeinsam, schoben dann eine Pizza in den Ofen, rauchten eine Zigarette.

Ich hoffte bei den Beratungsterminen im Krankenhaus auf bessere Aufklärung, und begann zu telefonieren. Fünf Krankenhäuser musste ich anrufen, um überhaupt einen Termin zu bekommen. Vier Kliniken sagte mir, ich könne zwar in die Notaufnahme kommen, aber ob eine Ausschabung in dieser Woche noch möglich wäre, das wissen sie nicht. Beratungstermine gibt es in dieser Woche nicht – zu viel los. Nach einer halben Stunde mit unbefriedigenden Telefonaten war ich noch wütender und völlig verunsichert. Ich lebe in München. Einer Stadt, die laut Marketingkampagne eine Weltstadt mit Herz ist. Eine Stadt, von der man ein funktionierendes Medizinsystem erwartet. Ich fühle mich alleingelassen und überfordert. Es musste doch möglich sein, irgendwo in dieser Stadt eine umfassende medizinische Aufklärung zu bekommen. Nachdem ich bei vier Krankenhäusern aus Zeitmangel abgewiesen wurde, bekamen wir beim fünften einen Termin für den folgenden Morgen. Zusätzlich vereinbarte ich einen Termin mit einer Hebamme in dem Geburtshaus, in dem ich mein Kind eigentlich Monate später zur Welt bringen wollte.

Am nächsten Morgen im Krankenhaus: Nach endlosen Wartezeiten sitzen wir irgendwann vor einem Arzt. Er macht einen Ultraschall und bestätigt, dass kein Herzschlag zu sehen ist. Allerdings findet er das Embryo – es ist seit dem letzten Ultraschall in der achten Schwangerschaftswoche noch einmal gewachsen und einen Zentimeter groß. Trotzdem viel zu klein für die elfte Schwangerschaftswoche. Ich lasse mir das Bild ausdrucken und bitte den Arzt, mich über die Möglichkeiten des Aborts aufzuklären. Er sagt, dass er noch nie eine Einleitung mit Cytotec vorgenommen hat und mir dazu keine Informationen geben kann. Ich könne mir natürlich jederzeit eine Zweitmeinung holen. Wo das möglich ist, kann er mir allerdings auch nicht sagen. Er persönlich würde mir davon ganz klar abraten. In der elften Woche sei die Schwangerschaft schon so weit fortgeschritten, dass es sehr wahrscheinlich zu Komplikationen kommt.

Ich bin immer verunsicherter. Fühle mich einerseits zur Ausschabung gedrängt, fange andererseits an, sie als einzige Option in Erwägung zu ziehen.

Eine Stunde lang sitzen wir bei dem Arzt. Ich lasse mir die Operation im Detail erklären. Sage, dass wenn ich eine Ausschabung vornehmen lasse, ich auf jeden Fall das Gewebe mit nach Hause nehmen möchte. Wenn ich die kleine Geburt schon nicht fühlen kann, will ich sie wenigstens sehen. Etwas später entscheide ich mich doch dagegen, bekomme aber zugesichert, dass ich mir einen Teil des Gewebes noch im Krankenhaus anschauen darf. Wir vereinbaren einen OP-Termin in zwei Tagen.

Am Nachmittag rufe ich in der Kinderwunschklinik an, bei der meine Freundin Cytotec verschrieben bekommen hat. Mit dem Arzt kann ich nicht sprechen, aber die Arzthelferin versichert mir vehement, dass sie noch nie gehört hat, dass zum Abbruch in der elften Schwangerschaftswoche Cytotec eingesetzt werden. Das hilft ein bisschen, mich mit der Ausschabung anzufreunden, auch wenn es den Erfahrungsberichten verschiedener Foren widerspricht.

Zumindest ist für mich nun klar, dass ich nicht an Tabletten kommen werde, um den Zeitpunkt der Fehlgeburt selbst zu bestimmen. Einfach abwarten, bis der Abort natürlich einsetzt, will ich nicht. Sechs Tage später würden mein Mann und ich nach La Palma fliegen. Wir haben ein abgelegenes Ferienhaus gemietet, dass etwa eine Stunde vom einzigen Krankenhaus entfernt liegt. Ich sehe mich blutend auf kanarischen Badezimmerfliesen liegen oder vor Schmerzen stöhnend auf der Flugzeugtoilette. Damit war die Entscheidung für die Ausschabung getroffen.

Am Abend fahre ich mit dem Fahrrad ins Geburtshaus, um mit einer Hebamme zu sprechen. Zwanzig Minuten lang sitze ich im Wartezimmer. Schwangere Frauen und ihre Familien gehen ein und aus. Um mich herum Fotos von Neugeborenen, Babyzeitschriften. Alle um mich herum haben lebendige Babies im Bauch, meins ist tot. Ich sitze schluchzend zwischen dicken Bäuchen und frage mich wie zur Hölle ich auf diese absurde Idee gekommen bin, hierher zu kommen.
Als ich irgendwann in einem Sprechzimmer sitze, bin ich schon viel zu traurig und wütend über mich und diese ganze absurde Situation. Das Gespräch mit der Hebamme war ok, aber für mich - ehrlich gesagt - nicht besonders hilfreich. Der Ort und der sehr frühe Zeitpunkt waren einfach falsch gewählt. Ich finde es wichtig, dass jede Frau, die eine Fehlgeburt erlebt, ein Recht auf die Begleitung durch eine Hebamme hat. Ein Telefonat oder ein Besuch zu Hause wären aber vermutlich die bessere Wahl gewesen.

Ich weiß nicht, wie ich auf die Idee kommen konnte, dass es ok für mich ist ins Geburtshaus zu fahren. War es nicht. Im Nachhinein kann ich über diese skurrile Situation zwar lachen, aber würde jedem empfehlen, um ein privates Gespräch zu bitten.

Zwei Tage später gehe ich nüchtern in die Klinik. Vier endlose Stunden muss ich warten, bis ich in den OP-Bereich gefahren werden. Ich weine während des Umbettens und bei der Vorbereitung zur Narkose. Ich bin inzwischen ok mit der Ausschabung, aber einfach wahnsinnig traurig. Die Assistentin, die die Vorbereitungen erledigt, ist sehr jung und sehr nett. Ich sage ihr, dass es neben der Ausschabung noch weitere Möglichkeiten des Aborts gibt. Dass sie all ihren Freundinnen erzählen soll, dass sie selbst entscheiden können ,wie sie die Fehlgeburt erleben wollen. Dass sie die Wahl haben. Ich wünsche mir, dass alle Frauen über ihre Möglichkeiten informiert werden.

Ich wünsche mir eine Liste mit Ärzten, die einen Abort mit Tabletten begleiten. Eine Liste mit Hebammen, die bei Fehlgeburten unterstützen. Ich wünsche mir, dass man die Frauenarztpraxis nicht nur mit einem Überweisungsschein verlässt, sondern mit umfassender Aufklärung. Ich wünsche mir, dass jede Frau auf der Welt weiß, dass sie mit der Diagnose „Missed Abortion“ zwar ihr Kind verloren hat, aber niemals ihre Mündigkeit.

Als ich eine knappe Stunde nach der Operation aufwache, habe ich leichte Bauchschmerzen. Ansonsten geht es mir gut. Wirklich gut. Es ist, als hätte ich das Schlimmste überstanden. Gemeinsam mit dem Arzt schaue ich das entfernte Gewebe in einem kleinen Plastikbecher an. „Vermutlich ein Stück Plazenta“, sagt er. Ich verbringe den Abend vor dem Fernseher. Schreibe meinen Freundinnen und meiner Familie. Die leichten Bauchschmerzen helfen mir, zu verstehen, was mit meinem Köper gerade passiert. Am nächsten Tag putze ich das Haus und packe die Koffer für den Urlaub. Mir geht es noch immer überraschend gut. Vielleicht ist es das Propofol, vielleicht braucht mein Kopf auch nur eine kurze Pause vom Traurigsein. Ich bin fast erleichtert als ich am Morgen danach wieder weinen muss. Zu den leichten Blutungen kommen plötzlich starke Bauchschmerzen. So stark, dass ich doch eine Schmerztablette nehmen muss. Ein paar Stunden später finde ich einen etwa daumengroßen, blutigen Geweberest in der Binde. Seitdem habe ich keine Schmerzen mehr. Auch die Blutungen werden immer weniger.

Jetzt sind zehn Tage vergangen. Meine Brüste tun nicht mehr weh, mein Herz noch ein bisschen. Es wird von Tag zu Tag besser. Ich fühle mich nicht mehr schwanger. Ich habe Angst vor dem Alltag, der in einer Woche wieder beginnt. Angst vor dem koffeinfreien Kaffee auf der Arbeitsplatte, dem 0,0 Bier im Kühlschrank und dem Entsafter, der noch eingepackt im Flur steht. Vor all den Erinnerungen an die Zeit der guten Hoffnung. Aber ich bin ok. Ich weiß, dass ich die Fehlgeburt verarbeiten werde.

Ich habe die Ultraschallbilder in mein Tagebuch geklebt, spreche immer wieder mit meinem Mann darüber, und schreibe meine Geschichte hier auf. Es hilft mir sehr, dass mich viele Freundinnen ganz nah begleitet haben. Ich habe eine Menge über meine Trauerarbeit gelernt. Und ich bin erstaunt darüber, wie viele Frauen eine oder mehrere Fehlgeburten hatten. In meinem Umfeld weit mehr als die oft genannten 20 Prozent. Das nimmt nicht meinen Schmerz aber es hilft ihn zu akzeptieren. Wir sind viele.

Ich bin Alexandra, 35 Jahre alt und lebe mit meinem Mann in München. Früher wollte ich nie Kinder haben. Der Wunsch ist gewachsen, seit Jörg und ich vor über fünf Jahren geheiratet haben. Unser Leben ist so schön, dass ich die Freude daran gern teilen möchte.