Dana, 35, Diplom-Ingenieurin

Eine unerkannte Eileiterschwangerschaft

Dana wurde erst nach einer IVF schwanger. Dann hatte sie eine Eileiterschwangerschaft, die gleich mehrere Ärzte nicht erkannten, weswegen sie schwere innere Blutungen hatte - und bis heute ein Trauma.

Meine Geschichte bzw. die, die ich erzählen möchte, beginnt am Rosenmontag 2013. Ich bin damals 28 Jahre alt. Zu diesem Zeitpunkt hatten mein Mann und ich bereits 13 Monate lang versucht, ein Kind zu bekommen. Erfolg hatten wir nie, und da durch eine Vorerkrankung meines Mannes in seiner Kindheit der Verdacht bestand, er könne zeugungsunfähig sein, entschieden wir uns, im Februar 2013 zum Besuch beim Urologen. Wir wollten einfach Gewissheit haben, und die erhielten wir dann am Rosenmontag 2013. Trotz der Erwartung traf es uns wie ein Hammerschlag. Denn es würde uns so gut wie unmöglich sein, auf natürlichem Wege ein Kind zu bekommen.

Die Entscheidung, es mit einer künstlichen Befruchtung zu versuchen, fiel mir persönlich sehr leicht. Es erschien mir die Konsequenz, wenn wir denn Kinder haben wollen, und das wollten wir. Nach einer Beratung bei meiner Gynäkologin entschieden wir uns für eine Kinderwunschklinik. Das nächste Kapitel sollte beginnen.

Wir starteten unmittelbar. Ich begann, mir Hormone zu spritzen und reagierte sehr gut darauf. Es bildeten sich viele gute Eizellen, die mir bei einem kurzen und sehr schmerzhaften Eingriff entnommen wurden. Mit dem Sperma meines Mannes wurden dann im Reagenzglas sechs Kinder gezeugt. Zwei davon wurden mir im Frühsommer 2013 eingesetzt.

Ich kann mich bis heute kaum an diese Zeit erinnern. Es ging mir dauerhaft schlecht durch die Hormone. Ich freute mich, hoffte, hatte Angst. Denn eins wusste ich: Ich hatte sechs Versuche. Und nur diese sechs. Eine weitere „Runde“ IVF nach "Aufbrauchen" der sechs Embryos würde es für mich nicht geben. Denn erstens verkraftete ich die Behandlung nur schwer, und zweitens zahlte unsere Krankenkasse nichts. Pro Versuch zahlte ich alleine für die Hormone, die ich mir spritzen musste, über 800 Euro.

Nach dem Einsetzen der ersten zwei Embryos fühlte ich mich schlecht. Ich war vollgepumpt mit künstlichen Schwangerschaftshormonen, litt unter Morgenübelkeit und war dauermüde. Als ich endlich zur Kontrolle in die Klinik kam, war ich mir sicher, schwanger zu sein. Dies bestätigte sich dann auch und kurz darauf konnte ich mein Baby auf dem Ultraschall bewundern. Es war zwar noch winzig klein aber deutlich zu sehen.

Die Ärztin beglückwünschte mich. Einer der beiden Embryos hatte sich in der Gebärmutter eingenistet. Zur Sicherheit sollte ich noch einige Zeit die Hormone spritzen, nur um sicher zu gehen. Einen Mutterpass bekam ich noch nicht.

Etwa eine Woche später ging es mir auf der Arbeit plötzlich schlecht. Durch die zusätzlichen Hormone hatte mein Körper das Gefühl, schon weiter in der Schwangerschaft zu sein. Etwa seit der fünften Woche wölbte sich mein Bauch deutlich nach vorne, ich konnte keine normalen Hosen mehr tragen und wurde angesprochen, ob ich schwanger sei.

Als ich dann plötzlich Schmerzen im Bauch bekam, fuhr ich schnell in die Klinik. Dort beruhigte man mich. Mein Baby war nach wie vor da und es sei alles in Ordnung. Es wurde festgestellt, dass ich an einer Überstimulation durch die Hormone litt. Ich wurde krankgeschrieben und sollte mich einige Tage ausruhen. Dann sollte ich wiederkommen, um zu kontrollieren, ob alles nach Plan verläuft. Einen Mutterpass wollte man mir noch immer nicht ausstellen, etwas das für mich damals völlig unverständlich war, denn ich hatte das Baby ja schon seit fast sechs Wochen in mir und es war ja angeblich alles in Ordnung.

Man sagte mir, dass normale Schwangerschaften ja oft erst später entdeckt werden und ich im Normalfall ja noch gar nicht wüsste, dass ich schwanger sei. Dadurch, dass ich ja bereits kurz nach der erfolgreichen IVF wusste, das ich schwanger war, hatte ich aber ein anderes Empfinden und es fiel mir unheimlich schwer zu begreifen, warum ich keinen Mutterpass bekam.

Ich kann nicht sagen, warum mir dieses Stück Papier so wichtig war, aber das war es und es fällt mir bis heute schwer, dass ich nichts von meinem Baby habe - keinen Eintag im Mutterpass, kein Ultraschallbild, keinen physischen Beweis seiner Existenz.

Ein paar Tage später ging ich zur Kontrolle. Ich ging allein, da mein Mann arbeiten musste und wir keinen Anlass hatten zu glauben, dass etwas nicht stimmen könnte. Es war der 5. Juli 2013 - ein schöner Sommertag. Zwei Tage vor dem Geburtstag meines Mannes.

Beim Ultraschall wurde mir dann ziemlich kurz und knapp mitgeteilt, dass mein Baby nicht mehr am Leben sei. Ich solle bitte umgehend zu meiner Gynäkologin gehen, um alles weitere zu besprechen. Es war 7 Uhr morgens. Meine Gynäkologin machte erst in anderthalb Stunden auf und ich stand völlig allein auf der Straße und weinte. Ich konnte nicht fassen und begreifen, was mir gerade geschehen war. Ich rief meinen Mann an und er brachte mich in die Praxis meiner Gynäkologin, wo ich sofort eingehend untersucht wurde.

Die Diagnose meiner Frauenärztin schockte uns noch mehr. Sie sagte uns, dass ich eine Eileiterschwangerschaft hätte. Aufgrund der Größe, die der Embryo bereits erreicht hatte, konnte sie ihn auf dem Ultraschall deutlich im linken Eileiter erkennen. Ich war damals fast in der 8. Woche. Und da sich der Embryo im Eileiter so prächtig entwickelt hatte, war der in der Gebärmutter gestorben. Doppeltes Pech.

Sie überwies mich sofort ins Krankenhaus und meinte, ich müsse dringend wegen der Eileiterschwangerschaft operiert werden. Doch damit war dieses Kapitel noch lange nicht abgeschlossen.

Im Krankenhaus kam ich in die gynäkologische Notaufnahme. Was ich hier erlebte, ist für mich bis heute kaum begreifbar und nur schwer in Worte zu fassen.

Ich wartete, mein Mann immer an meiner Seite, stundenlang auf einem Flur, auf dem ständig Mütter mit ihren Neugeborenen spazierten. An sich schon eine kaum erträgliche Situation für mich in diesem Moment - doch da kannte ich den Arzt noch nicht.

Als ich endlich dran war, überreichten wir dem ca. 25-jährigen Assistenzarzt den ausführlichen Bericht meiner Gynäkologin. Wieder einmal wurde ein Ultraschall gemacht. Er könne da nichts erkennen im Eileiter, meinte er. Aber es seien Reste in der Gebärmutter zu sehen. Es holte den Oberarzt. Gleiche Prozedur, gleiches Ergebnis. Nur der Arzt war ca. 20 Jahre älter. Er holte den Chefarzt.

Der ältere Herr, der nun erschien, war offensichtlich nicht begeistert, von uns gestört zu werden. Nachdem er ca. 20 Sekunden den Ultraschall bewundert hatte, meinte auch er, es wäre ein totes Baby in meiner Gebärmutter. Im Eileiter erkenne er nichts. Wir versuchten zu erklären, dass mir bei einer IVF ja ZWEI Embryos eingesetzt wurden und verwiesen auf den Bericht meiner Gynäkologin und ihren dringenden Verdacht auf Eileiterschwangerschaft.

Nachdem er gehört hatte, dass die Schwangerschaft per IVF entstanden war, meinte er nur, dann wäre eine Eileiterschwangerschaft ja noch unwahrscheinlicher, da mir die Embryonen ja direkt in die Gebärmutter eingesetzt wurden. Die waren doch nie im Eileiter. Dann hätte das ja zurückwandern müssen. Warum sollte es das machen? Außerdem wären die Ultraschallgeräte von so einer Wald- und Wiesengynäkologin garantiert nicht so gut wie seins. Und er sähe im Eileiter nichts. Ich solle am nächsten Tag, einem Samstag, frühmorgens wieder kommen zur Ausschabung des toten Babys aus der Gebärmutter.

Wir standen auf der Straße und waren fassungslos. Im Nachhinein hätten wir sofort in ein anderes Krankenhaus fahren sollen. Aber wir waren geschockt und traurig über den Tod unseres Babys und zudem war Freitagnachmittag und die Praxis meiner Gynäkologin hatte schon zu.

Wir fuhren nach Hause, weinten die ganze Nacht und fuhren am nächsten Tag ins Krankenhaus zur Ausschabung. Der einzig freundliche Mensch war der Anästhesist, der im OP kurz vor der Narkose meine Hand hielt, mir sagte, dass er wüsste, wie schwer das ist, und dass ich die Hoffnung nicht aufgeben soll. Das war das erste Mal in diesem Krankenhaus, dass jemand freundlich zu mir war. Nach dem Eingriff fuhren wir nach Hause und feierten den Geburtstag meines Mannes.

Ich kollabierte vier Tage später gegen 23 Uhr beim Zähneputzen.

In der Notaufnahme desselben Krankenhauses war in der Nacht nur eine einzige junge Assistenzärztin. Sie stellte schwere innere Blutungen fest. Aber es sei kein Arzt in der Gynäkologie verfügbar. Mein Mann solle nach Hause fahren und sich ausruhen. Ich solle dableiben. Mittlerweile war drei Uhr morgens.

Wir waren ängstlich, hilflos und traumatisiert. Ich blieb allein zurück und wurde auf ein Mehrbettzimmer zu völlig fremden Menschen geschoben.

Mein Mann wurde weggeschickt. Es war die schlimmste Nacht meines Lebens. Ich fühlte mich zunehmend schlecht, hatte starke Schmerzen und begann zu ahnen, dass ich sterben könnte.

Zum Glück hatte ich zwei wunderbare Zimmergenossinnen, die sich um mich kümmerten. Als mein Mann am nächsten Morgen wieder zu mir durfte, wurde uns die „überraschende“ Diagnose verkündet. Ich hätte eine Eileiterschwangerschaft in fortgeschrittenem Stadium. Der Eileiter sei rupturiert, ich hätte schwere innere Blutungen. Ich müsse so schnell wie möglich operiert werden. Leider sei gerade kein Arzt verfügbar. Mein Mann solle nach Hause gehen und mir Sachen holen. Es würde eh noch dauern. Ich würde Ruhe brauchen. Dann wurde mein Mann quasi weggeschickt und ich blieb - wieder einmal - fassungslos, alleine und hilflos zurück.

Keine zehn Minuten später wurde ich plötzlich und ohne Vorwarnung in den OP gebracht. Mein Leben stünde auf dem Spiel. Meinen Mann durfte ich nicht mehr anrufen. Dafür sei keine Zeit. Meine Angst und Verzweiflung in diesem Augenblick war unfassbar. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass es noch schlimmer kommen kann. Meine unglaublich nette Bettnachbarin liess sich von mir noch schnell mein Handy entsperren und rief meinen Mann an. Ich wurde in den OP gebracht.

Ich erwachte Stunden später und mit unerträglichen Schmerzen. Wieder allein in einem Raum. Ich konnte nicht sprechen, da mein Hals rau und trocken von einer stundenlangen Intubation war. Ich wollte um Hilfe rufen und konnte nicht. Erst als ich dermaßen in Panik geriet, dass das Gerät an das ich angeschlossen war, Warntöne von sich gab, kam jemand um nach mir zu sehen.

Man erklärte mir, dass ein Embryo aus meinem linken Eileiter entfernt wurde, dieser aber erhalten bleiben konnte. Bei einer erneuten Schwangerschaft sei die Chance auf eine Eileiterschwangerschaft erhöht. Nach fünf Tagen wurde ich aus dem Krankenhaus entlassen.

Die verbliebenen vier Embryonen wurden mir in zwei Versuchen eingesetzt. Ich verlor alle vier direkt zu Beginn.

Danach war für uns das Thema IVF abgeschlossen. Meine Angst vor einer weiteren Eileiterschwangerschaft war enorm und ist bis heute, fast sieben Jahre danach noch immer präsent.

Mein Mann und ich entschieden uns für einen komplett anderen Weg. Wir zogen aus unserer Wohnung aus und in ein kleines Haus in einer anderen Stadt in der Nähe meiner Eltern. Hier bewarben wir uns beim Jugendamt um eine Adoption. Das war im Oktober 2014, ein Jahr nach dem Verlust unserer letzten beiden Embryos.

Im Oktober 2015 wurde mir meine zwei Stunden alte Tochter in die Arme gelegt. Sieben Tage, nachdem wir von ihrer baldigen Existenz erfahren hatten. Wir hatten 24 Stunden, uns für oder gegen ein Baby unbekannten Geschlechts zu entscheiden. Über ihre wahre Herkunft wissen wir bis heute nichts. Ihre leibliche Mutter hatte sich kurz vor Ende der Schwangerschaft bei einer Beratungsstelle gemeldet und sie dann anonym zur Welt gebracht. Bereits vor ihrer Geburt wurden wir vom Jugendamt als ihre Eltern ausgewählt. Wir sagten sofort zu. Unser Bauchgefühl stimmte einfach.
Die leibliche Mutter ist nie wieder aufgetaucht.

Im Dezember 2016 konnten wir unsere Tochter dann endlich adoptieren.

Heute sind wir eine kleine Familie, die perfekt ist, so wie sie ist. Wir haben uns bewusst gegen weitere Kinder entschieden. Seit Juni 2019 nehme ich auch wieder die Pille, um eine endgültige Sicherheit zu haben. Dies fiel mir trotz allem sehr schwer. Ich leide bis heute an körperlichen und seelischen Auswirkungen der zu spät erkannten Eileiterschwangerschaft.

Ich habe bis heute bei jedem Eisprung Schmerzen im linken Eileiter und viel Narbengewebe im Bauchraum. Außerdem haben die Fehlgeburt und die Eileiterschwangerschaft ein Trauma hinterlassen, das mal mehr und manchmal auch gar nicht mehr zu spüren ist.

Aber ich bereue nichts von dem, was wir unternommen haben, um ein Kind zu bekommen. Es macht mich zu dem Menschen, der ich heute bin. Und hoffentlich zu einer guten Mutter für meine wundervolle Tochter.

Dana ist 35 und Diplom-Ingenieurin