Carmen, 39, Lehrerin

Ein Gefühl von Mama-werden

Carmen arbeitete auf Costa Rica, als sie von der Schwangerschaft erfuhr. Alles war ungewiss. Dennoch freute sie sich enorm. Dann kam es zur Fehlgeburt, und zu Komplikationen.

Als ich im Juli 2019 von meiner Schwangerschaft erfuhr, befand ich mich gerade im Urlaub in Deutschland. Seit zwei Jahren lebte ich in Costa Rica und arbeitete dort als Lehrerin. Meinen Vertrag dort hatte ich bis Dezember 2019 verlängert. Seit über einem Jahr war ich nicht mehr in Deutschland gewesen, hatte meine Familie und Freunde höchstens per Videochat gesehen. Ich freute mich und war aufgeregt, wieder hier zu sein.

Wie eine Nomadin war ich durch mein Leben gezogen und gereist und zog von Papa zu Bruder, zu Freunden, zu Mama, zu anderen Freunden, mal aufs Land, ins Gebirge, in die Stadt. Ich war 39 Jahre alt und mir kam der Gedanke, dass es Zeit wäre, das "unstete" Leben in ein "sesshafteres" zu verwandeln, anzukommen. Nachdem meine Periode einige Tage ausgeblieben war, überredete mich meine Freundin Sibylle, mir einen Schwangerschaftstest zu kaufen. Klar, ich hatte einmal ohne Verhütung mit meinem Liebhaber aus Costa Rica geschlafen, aber nach all den Jahren davon das erste Mal schwanger sein, nein, das war in meinen Augen unmöglich. Ich kaufte trotzdem den Test und sammelte meinen Urin in einem Becher. Sobald ich den Test in die Flüssigkeit hineinhielt, färbte sich der Streifen blau. Schwanger!!

Ich war hin- und hergerissen zwischen Unglauben, Entsetzen und Freude. Meine Freundin vollführte um mich herum einen Freudentanz. Ich wusste nicht, wo mir der Kopf stand, und empfand gleichzeitig eine nie dagewesene Freude in meinem Herzen. Nach der anfänglichen Euphorie stellten sich für mich jedoch einige Fragen: Wollte ich mein Baby in Deutschland oder Costa Rica bekommen? Mein Vertrag in Costa Rica lief im Dezember 2019 aus. Er würde eventuell nicht verlängert werden bzw. hätte ich nur einen Monat vor und drei Monate nach der Geburt Mutterschutz und müsste mein Kind mit drei Monaten in die Kita geben, um wieder arbeiten gehen zu können. Mein Vertrag in Berlin ruhte. Sonderurlaub, um im Ausland arbeiten zu können. Wie wollte ich es Sandro, dem Vater des Babys erzählen? Persönlich oder am Telefon? Wir hatten eine lockere, leidenschaftliche Affäre, aber keine Beziehung. Was bedeutete das für mich? Wäre ich jetzt alleinerziehend? Wie könnte ich mich finanziell absichern?

Nach einigen Telefonaten mit einer Anwältin erfuhr ich, dass ich dringend anfangen musste, wieder in Berlin zu arbeiten. Drei Monate mindestens, um nicht in Hartz 4 zu fallen. Also gar nicht zurück nach Costa Rica, ich hatte da doch die Sachen der letzten zwei Jahre meines Lebens. Costa Rica war mit den Rahmenbedingungen auf einmal keine Option mehr.

Also setzte ich mich mit den entsprechenden Personen in Verbindung, hoffte, dass der Bluttest ergeben würde, dass ich Abwehrstoffe gegen Röteln hatte (Bedingung, um mein Baby nicht zu gefährden, da ich als Grundschullehrerin mit Kindern arbeite, die diese Krankheit haben könnten) und zog in meine alte Wohnung zurück, die ich zum Glück nur untervermietet hatte. Alles ging Schlag auf Schlag. Jubelnd erfuhr ich, dass ich die Abwehrstoffe besaß. Ich wurde dank Lehrermangels und vielen Telefonaten und Emails zu August wieder in den Berliner Schuldienst eingestellt und meine Untermieterin zeigte sich sehr kooperativ beim spontanen Wiedereinzug. In Costa Rica wurde mein Arbeitsvertrag aufgehoben und Freunde räumten mein Apartment aus und stellten meine Sachen bei sich unter. Mit Sandro telefonierte ich und er freute sich wie verrückt, Vater zu werden.

Soweit, so gut! Sich zu freuen, bedeutete ja nicht zwangsläufig, da zu sein. Die ganze Fürsorge kam erst einmal auf mich zu. Geld konnte ich von ihm nicht erwarten, und ob er nach Deutschland zur Geburt kommen würde, war unklar. Das waren so viele "Baustellen", dass es eine sehr stressige Zeit für mich war, und dennoch war ich tief im Herzen glücklich über mein Baby. Mir war niemals bewusst gewesen, dass mich Mama werden so glücklich machen würde! Nur die Umstände bereiteten mir Kopfzerbrechen.

In der 6. SSW hatte mir meine Frauenärztin die Schwangerschaft bestätigt. Meinen nächsten Termin hatte ich in der 10. SSW. Mein Körper hatte sich inzwischen voll auf Schwangerschaft eingestellt. Meine sowieso schon großen Brüste wurden noch größer und mein Oberkörper veränderte sich etwas in die Breite.

Zwischen 8.und 9. SSW veränderte sich etwas in meinem Körper. Ich verlor ein wenig die Verbindung zu meinem Baby, irgendetwas war anders, Dinge brachten mich fast zur Verzweiflung und ich hatte unkontrollierte Wut- bzw. Verzweiflungsausbrüche. Ich schob es auf die Hormone in der Schwangerschaft, denn danach stellten sich auch wieder große Glücksgefühle ein. Mein Körper war ja eindeutig schwanger, was sollte also passiert sein.

Mit einem etwas mulmigen Gefühl, aber mich selbst beruhigend, ging ich das nächste Mal zu meiner Frauenärztin. Nach 1,5h Wartezeit trotz Termin kam ich schließlich dran. Am Anfang der Untersuchung meinte sie, dass alles gut aussähe, und auf einmal verstummte sie. Ich fragte, was los sei und sie meinte, sie müsse die Schwester holen. Beide bestätigten mir dann, dass das Herz meines Babys aufgehört hatte, zu schlagen.

Ich fühlte mich unwirklich, als ob ich von oben auf die Situation schauen könnte, und gar nicht dran beteiligt sei. Es konnte nicht sein!! Und gleichzeitig wusste ich sofort, dass es stimmte. Mir wurde schlecht. Ich bat darum, mich hinlegen zu können. Sobald ich auf der Liege lag, fiel ich in Ohnmacht. Es war ein süßes Gefühl, einfach alles loszulassen und in Frieden zu sein. Doch etwas hielt mich zurück. Ich erwachte wieder und die Schwester begrüßte mich mit den Worten, wo ich denn gewesen sei. Unverständlich schaute ich sie an, na wo wohl? In Ohnmacht! Weiterhin fragte sie mich, ob ich nichts gegessen hätte. Es war schon gegen 19 Uhr, meinen Termin hatte ich um 17 Uhr gehabt. Ich konnte ja nicht wissen, dass ich so lange warten musste. Ich erhielt dann Reiswaffeln, Zwieback und Tee und eine sachliche Aufklärung über meine Lage.

Das Embryo war wohl gestorben, weil es einen Defekt gehabt hatte. Dies mache die Natur zum Schutz. Ich sollte mir einen Termin zur Ausschabung geben lassen und zum Kardiologen gehen wegen Herz-Rhythmus-Störungen. Da noch eine Patientin wartete, bat man mich, in ein anderes Zimmer zu gehen. Mir war immer noch schlecht, ich konnte es nicht fassen, stand unter Schock, fühlte mich unverstanden und allein gelassen.

Gegen 20 Uhr verließ ich dann die Praxis, die Gott sei Dank sehr nahe an meiner Wohnung liegt. Ich hatte meine Freundin Sibylle angerufen und sie kam gleich. Gemeinsam saßen wir auf dem Balkon und redeten. Ich stand immer noch unter Schock, konnte nicht weinen und fragte mich, warum das ausgerechnet mir passiert sei. Zum Schock des toten Embryos kam der Schock der Operation, da ich Operationen, wenn nicht wirklich unabdingbar, komplett ablehne. Meine Freundin meinte in bestem Wissen und Gewissen, ich solle schnell operieren lassen, um meine Gesundheit nicht zu gefährden.

Am nächsten Tag erwachte ich und verließ das Bett nur für dringende körperliche Bedürfnisse. Ich hatte im Internet recherchiert und verschiedene Artikel zum Thema Fehlgeburt gefunden. Als erstes rief ich eine Frau an, die bei Fehlgeburten und Kinderwunsch begleitet. Beim ersten Wort brach ich in Tränen aus. Sie reagierte sehr verständnisvoll und tröstend, informierte mich darüber, dass eine Operation nicht sein müsse, dass ich auch warten könnte, bis das Kind von selbst komme. Wir vereinbarten einen Termin für den nächsten Montag für Trauerbegleitung und Meditation. Im Laufe des Tages weinte ich unaufhörlich, verfluchte die Welt, weil sie so ungerecht war und wollte die Realität nicht akzeptieren. Ich sagte meiner Mutter, dass ich nicht stark sein wolle, dass ich wolle, dass es anders sei, dass mein Baby lebe. Wie konnte das gerade mir passieren! Ich war doch trotz 39 Jahren gesund und voller Energie und Lebenskraft.

Die Notärzte meinten, ich könne mit Wehen ins Krankenhaus kommen oder zu Hause bleiben. Ich entschied mich, zu Hause zu bleiben. Minütlich hatte ich starke Wehen, weinte, schrie, versuchte, richtig zu atmen, suchte nach einer etwas weniger schmerzvollen Position und freute mich auf die schmerzfreien Phasen zwischen den Wehen. Viel Blut kam heraus und dickere Stücke, wobei ich nicht wusste, ob das jetzt die Fehlgeburt sei. Gegen 2 Uhr morgens wurde der Abstand zwischen den Wehen größer und meine Mama, die genauso wie mein Freund gerade in der Stadt war, legte sich schlafen. Auch ich fiel ein wenig in den Schlaf, wachte jedoch von den Wehen immer wieder auf. Gegen 8 Uhr morgens hörten die Wehen auf und wir atmeten durch. Meine Mama kaufte Frühstück, neue Binden und noch einige andere Lebensmittel. Mir ging es besser, aber ich konnte kaum sitzen, da ich immer noch Schmerzen im unteren Becken und in den Leisten hatte. So blieb ich im Bett liegen. Etwa eine halbe Stunde bevor meine Mutter gehen wollte, wurden meine Schmerzen wieder größer.

Als sie sich verabschiedete, konnte ich kaum ein Wort sagen und lag da voller Schmerzen. Sie ging und ich bekam Angst. Meine Schmerzen waren jetzt nicht mehr wie bei den Wehen, dass sie mal nachließen. Mein Körper war bereits geschwächt und der Schmerz kam und blieb. Ich blutete wieder mehr und mir wurde schwindelig. Der Schmerz wollte nicht aufhören, er war unerträglich, ich verkrampfte. So rief ich den Notarzt. Er kam und fand mich zwischen Blut, halbnackt in meinem Bett. Die Männer wollten mir helfen, aber waren ziemlich barsch. Ich weigerte mich, aufzustehen, denn ich fühlte mich nicht dazu in der Lage. Dann kam meine Mitbewohnerin. Ich war so froh. Ich bat die Männer hinauszugehen und sie tröstete mich. Wir suchten Sachen, die ich anziehen konnte. Nachdem ich geweint und mich ein wenig beruhigt hatte, ging ich mit den Notärzten die vier Etagen nach unten und wurde mit dem Krankenwagen ins Krankenhaus gefahren. In dem Moment, als ich unten ankam, kam auch meine Mutter wieder an.

Die wehenverstärkenden Medikamente im Krankenhaus wirkten. Ich verlor fiel Blut und hatte große Schmerzen. Sogar über die Schmerzspritze freute ich mich. Ich blutete vor mich dahin, mein gesamtes Bett war voller Blut, aber nachdem die Ärztin da war, fühlte ich mich voller Zuversicht, dass ich es ohne Operation schaffen könnte. Frühstück durfte ich noch essen, dann wurde ich auf Diät gehalten, falls eine Operation notwendig sei. Gegen 14 Uhr nachmittags war der Untersuchungstermin angesetzt. Meine Zimmergenossin durfte nach Hause gehen und meinte, sie habe ein gutes Gefühl. Das Kind würde ohne Operation heraus kommen. Wir wünschten uns alles Gute und bedankten uns für die schöne Begegnung.

Mein Freund, der auch nachts bei mir gewesen war, war gerade angekommen und begleitete mich. Die Ärztin stellte fest, dass der Embryo ganz kurz vorm rauskommen sei und meinte, wir können es mit einer Pinzette versuchen. Mittlerweile war mir alles egal. Ich wollte nur, dass das Kind herauskommt. Vorsichtig und umsichtig holte die Ärztin den Embryo aus meinem Gebärmutterhals und ich durfte ihn sehen. Er sah aus wie ein kleines Marsmännchen. Ich verabschiedete mich und empfand Liebe. Er wird zur Pathologie gebracht und dann auf der Wiese für Sternenkinder auf einem Friedhof in meiner Nähe vergraben. Danach war die Schwäche erst einmal aus meinem Körper gewichen. Ich fühlte mich voller Adrenalin, befreit und unendlich stolz. Stolz, mein Kind geboren zu haben. Eine weitere Nacht blieb ich im Krankenhaus.

Manchmal ist das Leben rätselhaft und es fällt mir schwer, in dieser Situation an Zufall zu glauben. Immer noch kommen mir dabei Tränen. Dennoch schaue ich nach vorn und habe Klarheit, was ich für meine Zukunft möchte: eine Familie. Ich wurde so stark mit der Realität konfrontiert, dass sich mein Leben verändert hat, zum Positiven. Frauen, denen so etwas ähnliches passiert ist, wünsche ich viel Kraft! Ihr seid nicht allein.