Julia, 38, Journalistin

Schwermut, Demut, Mut

Eine Eileiterschwangerschaft, ein halbes Jahr später eine Fehlgeburt. Und dann nochmal eine Eileiterschwangerschaft. Ein Erfahrungsbericht, der auch Hoffnung machen soll.

Als freie Journalistin schreibe ich normalerweise über schöne Dinge wie Reisen, Mode oder Essen. Umso schwerer fällt es mir, etwas Persönliches zu schreiben. Warum ich es nach längerem Überlegen trotzdem mache? Weil das Thema kein Tabu sein darf, und Frauen, denen so etwas passiert ist, sich nicht weniger zusammentun sollten als die Pekip-Mütter oder die #aufschrei-Frauen. Es geht um Fehlgeburten. Circa 15 von 100 schwangeren Frauen haben eine.

Die kritische 12. Woche

Mich hat es dieses Jahr erwischt, als ich jede Skepsis überwunden hatte, dass etwas schiefgehen könnte. Ich war schwanger! Gerade erst hatte ich eine entspannte Woche in Griechenland verbracht. Ich war jetzt in der zwölften Woche angelangt. Bei der Ultraschalluntersuchung in der zehnten Woche kurz vor dem Urlaub war alles paletti. Dann aber bemerkte ich eines Morgens Blut auf dem Klopapier. Mir wurde schlecht. Ich wollte, dass mir schnell jemand sagt, dass alles okay ist mit dem Baby. Allerdings war Samstag. Die Ärzte hatten geschlossen. So befanden wir uns am heißesten Wochenende des Jahres, statt wie geplant am See, in der Rettungsstelle der Charité, ein Ort, der wegen der chronischer Personal-Unterbesetzung mit „Nächstenliebe“ so viel zu tun hat wie der Bahnhof von Jena Paradies mit dem Garten Eden. Vier Stunden lang warten. 240 Minuten sich sagen, dass bestimmt alles gut sei. Jede Sekunde panische Angst, dass dem nicht so ist.

Endlich der Aufruf. Die Ärztin schaute auf den Ultraschall-Monitor. Länger als gewohnt. Und vor allem: sorgenvoller. Ich ertrug diesen Blick nicht, starrte an die Decke, wartete, dass sie etwas sagte. Mir wurde immer schlechter. „Ich kann leider keinen Herzschlag ausmachen“, hörte ich dann. „Ihr Kind ist gestorben. Es tut mir leid.“ Mein Freund strich mir von hinten über den Kopf. Ich wollte nicht getröstet werden. Es kann ja gar nicht stimmen! Das ist alles nur ein schlechter Traum. Ich stieg vom Stuhl, zog meine Rocky-Schlappen an und hatte ein Knock-out. Es war der 27. August 2016. Der Tag, an dem unser erstes Kind zur Welt kommen sollte. Meine Seele verkroch sich tief in mein Innerstes. Ich war eine Hülle, um mich herum eine Scheinwelt. Eine Welt, die zum zweiten Mal aus den Fugen geraten war. „The world ain’t all sunshine and rainbows.”

Die Eileiterschwangerschaft

Ich war schon einmal schwanger gewesen. Dass mit meinem Körper damals etwas nicht stimmte, merkte ich bald. Es zog im Unterleib, vor allem rechts. Die BHs drückten. Sport war anstrengend geworden. Mitte Dezember 2015 zeigte der Schwangerschaftstest zwei Striche. Meine Gefühle waren die ersten drei Tage ambivalent. Einerseits sich freuen, andererseits Angst vor den Veränderungen. Nachdem sich das Ergebnis gesetzt hatte, waren es 100 Prozent absolute (Vor)Freude! Doch dann waren da, nach einem Mittagessen mit einer Freundin ein paar Tage später, plötzlich Blutungen. „Die können am Anfang normal sein“, sagte die Freundin. Doch das ständigen Stechen? So landete ich am Freitag vor Weihnachten das erste Mal in der Charité und wartete fünf Stunden. Vor dem Ultraschall meinte die Ärztin, dass sie nicht viel erkennen kann. Dafür sei es noch zu früh.

Mein zukünftiges Baby war stecken geblieben, ich war es auch. Als ich im Zimmer aufwachte, blickte ich auf ein Foto von einem Baby an der Wand und hatte selbst keines mehr.

Am 22. Dezember fuhr ich zu meiner Familie. Dort wurden die Schmerzen über Nacht unerträglich. Am 23. Dezember wurde ich nach kurzem Prozess der niedergelassenen Ärztin („Die Fruchthöhle ist leer. Sie haben eine Eileiterschwangerschaft.“) schnell operiert - wegen der Gefahren, die eine Eileiterschwangerschaft mit sich bringt. Mein zukünftiges Baby war stecken geblieben, ich war es auch. Als ich im Zimmer aufwachte, blickte ich auf ein Foto von einem Baby an der Wand und hatte selbst keines mehr. Wegen Weihnachten standen die meisten Zimmer leer. Ich befand mich in einer Blase, in der mir die Schwestern Mut machten, dass beim nächsten Mal alles besser wird. Und irgendwann glaubte ich daran. Wären nur nicht Monate danach die Schmerzen im operierten, rechten Eileiter gewesen. Ich verbrachte bald mehr Zeit in Wartezimmern als im Büro. Doch die Ärzte blieben ratlos, schoben es mal auf Verwachsungen, mal solle ich einfach „lecker essen”, „das beste Rezept“. Erst nach einer Schmerztherapie hörte es langsam auf. Der Sommer konnte kommen. Vielleicht auch alles weitere.

Zweimal ist keinmal

Ich kann nicht sagen, dass ich aufgeregt war, als ich nach dem deutschen EM-Aus und unserer Verlobung einen weiteren Schwangerschaftstest machte. Warum sollte es gleich wieder klappen. Als der Test positiv ausfiel, wollte ich es deshalb auch nicht richtig glauben. Und: Ich machte mir Sorgen. Dass es wieder im Eileiter feststeckt. Erst als die Frauenärztin eine Woche später einen Herzschlag in der Gebärmutter zeigte, entspannte ich mich. Ich hatte vor sieben Monaten schon mal Pech gehabt. Diesmal würde alles gut werden! Die Geburt sollte im März 2017 sein. In der 9. Woche sah ich zum ersten Mal die Arme und Beine des Babys. Alles entwickelte sich nach Plan. Dem Urlaub auf Korfu stand nichts im Weg. Mir ging es gut. Keine Übelkeit, keine Müdigkeit, kein Schwindel. Sogar etwas Sport war drin. Doch dann kam der 27. August. Und damit endete auch diese Schwangerschaft. Ich war traurig. Desillusioniert. Vier Tage später erfolgte die Ausschabung. Die Tage dazwischen hatte ich leichte Wehen. Der Körper reagierte auf das tote Kind im Bauch.

Leben mit der Fehlgeburt

Die Fakten: 1 bis 2 Prozent aller Schwangerschaften führen zu einer Eileiterschwangerschaft. Rund 15 Prozent aller klinisch bestimmten Schwangerschaften enden in einer Fehlgeburt, meist im ersten Trimester. Ab 35 steigt das Risiko für Fehlgeburten. Eine Eileiterschwangerschaft sowie eine Fehlgeburt erhöhen das Risiko für eine weitere um 20 Prozent.

Ich wollte immer Kinder haben. Und das eigentlich schon früher. Mittlerweile bin ich mit 35 die einzige in meinem Berliner Freundeskreis ohne Kind. Während ich mich von den Operationen erholte, wurden andere schwanger oder bekamen Babys. Ich freue mich für jede einzelne und bin gleichzeitig minimal neidisch. Wenn andere zum Trost sagen, dass man „immerhin“ beide Male schnell schwanger geworden ist, hilft das marginal. Und was hat man jetzt davon? Wochen nach der Ausschabung üble Hormonschwankungen und dicke Binden im Slip. Und Frust. Auch über das Tabu, das keines sein sollte. Warum verfallen Schwangere bis zum vierten Monat in kollektives Stillschweigen, um nicht sagen zu müssen, wenn es nicht „geklappt“ hat, was klinisch gesehen keine Seltenheit ist? Warum sprechen über ihre Fehlgeburten meist nur die, die danach ein Kind bekommen haben?

Dabei sind wir gewohnt, dass meist alles nach Plan läuft: Arbeit, Selbstverwirklichung, Sport, der Winter-Sale, das neue Anna-Jones-Rezept. Nach einer Fehlgeburt verläuft erstmal relativ wenig nach Plan:

Erfahrungsberichte gibt es so oft nur in anonymen Foren im Internet; in Magazinen redet man über schönere Dinge. Über Reisen, Mode oder Essen. Alle machen Serien über erfolgreiche Mütter. Keiner macht welche über das Leben der anderen. Und das wird nach einer Fehlgeburt ganz schön aus der Bahn geworfen. Dabei sind wir gewohnt, dass meist alles nach Plan läuft: Arbeit, Selbstverwirklichung, Sport, der Winter-Sale, das neue Anna-Jones-Rezept. Nach einer Fehlgeburt verläuft erstmal relativ wenig nach Plan: Einen Tag lang nichts essen und an die Wand starren, am nächsten Tag ein dummer Spruch auf den Lippen und ein Glas Negroni in der Hand, um sich einen Tag darauf die Frage zu stellen: Darf ich überhaupt schon wieder lachen? Bereits Hoffnung auf ein neues Kind haben oder noch um das alte trauern? Es gibt keinen Status Quo. Nach einer Fehlgeburt ist alles diffus. Aber: Es wird besser! Langsam kriecht die Seele wieder in den Körper zurück. Allerdings hat der jetzt eine Narbe; manchmal mehrere. Doch die verblasst mit der Zeit, selbst wenn der Schnitt tief saß. Manchmal verdeckt man sie, manchmal zeigt man sie anderen. Was die machen können? Zuhören. Dasein. Öfter als üblich. Eine Suppe kochen, die mehr Wärme schenkt als jede vage Zukunftsprognose.

Einen Monat nach der OP akzeptierte ich, was passiert war. Wer weiß schon, was all die Schwangeren auf der Straße zuvor mitgemacht haben. Ich ließ Schilddrüse und Blutgerinnung untersuchen, ging wieder zum Yoga und Boxen, fuhr weg, arbeitete viel, heiratete den Mann, der mich 2016 immer wieder aufgefangen hat. Jetzt kommt 2017! Und ich wünsche mir nichts mehr, als dass ich bald Mutter werde. Bis dahin genieße ich die Zeit zu zweit. Jedoch werde ich mich nie wieder über einen positiven Schwangerschaftstest freuen können, ohne gleichzeitig Zweifel zu haben, dass alles gut geht. Nur: Ob dem so ist, wird man nicht erfahren, wenn man es nicht nochmal probiert. Oder wie Rocky sagte: „Keep moving forward!”*


Nachtrag im Herbst 2019:

Keep Moving Forward. Das Motto meines Lieblingsboxers Rocky war mein Mantra vor drei Jahren. Damals, als ich dachte, dass es bei zwei Fehlgeburten bleiben sollte. Weil das ja schon genug auszuhalten war. Zweimal unsicheres Deuten irgendwelcher Schwangerschaftssymptome, zweimal Freude über das positive Testergebnis, zweimal Hoffnung, dass alles gut geht. Zweimal Enttäuschung mit anschließender Operation. Unendliche Traurigkeit und Unverständnis.

Im Spätsommer 2016 war die zweite Fehlgeburt. Mitte November 2016 heirateten wir. Als ich den Antrag bekommen hatte, wusste ich noch nicht, dass ich ein zweites Mal schwanger war. Die Hochzeit war trotzdem schön. Es war ein Moment voller Glück, nur im kleinen Kreis. Einen, den man uns nicht nehmen konnte. Denn, wenn man den beiden Fehlgeburten irgendetwas abgewinnen möchte, dann, dass wir vielleicht dadurch noch ein wenig enger miteinander verbunden sind. Das „In guten wie in schlechten Zeiten“ hatten wir bereits erlebt.

Ende November fingen die Beschwerden an, als wir gerade in den Flitterwochen waren. Ich hatte Blutungen. Nicht die wiedereinsetzende Regelblutung. Nein, weniger. Aber: Es blutete quasi fast jeden Tag, schmerzhaft. Die damalige Gynäkologin schob es auf meine Psyche nach den Fehlgeburten. Eine andere stellte immerhin eine klinische, wenn auch nicht korrekte Diagnose: die von Zwischenblutungen. Ich hatte aber nie Zwischenblutungen gehabt. Ich war auch emotional stabil. Ich hatte einfach nur Scheißkrämpfe auf Gebärmutterhöhe, ständig komisches Blut im Slip, sodass ich nicht selten dahinter eine weitere Fehlgeburt vermutete. Zudem war ich dauerschlapp, hatte einen heißen Kopf und machte mir viele Gedanken.

Eine Gebärmutterspiegelung einige Monate später - auf meinen Wunsch hin - ergab: erstmal nichts. Der Arzt begegnete mir nach dem Aufwachen mit den Worten, dass er so etwas in seiner Laufbahn noch nie gesehen habe. Es sei alles voller kleiner Polypen, und diese bluten (ab). Erstmal müsse man nun die Biopsie-Ergebnisse in zwei Woche abwarten. Nun hatte ich endlich die Bestätigung in den Händen, dass ich etwas körperliches, nichts eingebildetes habe, immerhin, aber auch etwas, dass ein knapp sechzig Jahre alte Mediziner noch nie gesehen hatte. Jackpot! Zwei Wochen, in denen ich in schlechten Momenten um meine Gebärmutter Angst hatte, später die Nachricht, dass das entnommene Gewebe nicht bösartig sei. Was es aber explizit ist und warum es da so aussieht, wisse er auch nicht. Ich solle doch mal, das wurde mir tatsächlich so mitgegeben, eine Ernährungsberatung machen, auf weißen Zucker und weißes Mehl verzichten.

So begaben wir uns in den Kreislauf der Kinderwunsch-Maschinerie. Weniger aus dem Grund, dass ich nicht schwanger wurde. Sondern wegen des Mangels an einem/r empathischen und wissenden Gynäkologen/-in bzw. der Gewilltheit, der Sache auf den Grund zu gehen. Ich wurde an eine Spezialistin am Benjamin-Franklin-Krankenhaus in Berlin überwiesen. Sie ist Leiterin der Hysteroskopie der Charité und unter meinen Top 5-Begegnungen. Denn sie war es, die während der Spiegelung (Ich wollte diesmal keine Narkose) die Hand auf meinen Oberschenkel legte und fragte, ob ich die letzten Monate nicht starke Schmerzen gehabt hätte. Die Monate zuvor hatte ich mich in Zynismus versucht, da aber stiegen mir die Tränen in die Augen. Mittlerweile war es chronisch, was sie so locker „Endometritis Post Abortum“ nannte, eine Entzündung nach einer Fehlgeburt, die meist durch Keime während oder nach der OP bzw. verbliebenen Embryonenreste entstehe. Ein Dreivierteljahr hatte ich diese nun schon, und war deshalb nicht wieder schwanger geworden. So schlau war der Körper dann doch. Oder so mitgenommen. Ich müsse nun dringend Antibiotika nehmen: drei verschiedene, zwei Wochen lang. Die volle Packung. Damit sei dann hoffentlich alles verheilt. Schwanger werden dürfe ich aber drei Monate in Folge nicht. Und sicher, der rechte Eileiter blieb ein Risiko. Vielleicht auch der linke.

Gerade kommt mein Mann mit meiner Tochter vom Spazierengehen nach Hause. Sie lacht mich an. Sie lacht überhaupt extrem viel. Mehr, als wir es fassen können. Sie ist jetzt 9 Monate alt. 9 Monate war sie in meinem Bauch. 9 Monate hatte ich oft Angst und war noch öfter entspannter, als ich es mir hätte vorstellen können. Nur in den ersten vier Monate hatte ich wegen eines Hämatoms Angst vor einem erneuten Abgang. Den vierten.

Nach der Antibiotikatherapie war meine Gebärmutter wieder empfängnisbereit. Ich sowieso. Ich hatte ein Jahr wegen der Infektion verloren. Prompt wurde ich wieder schwanger. Ohne Terminkalender, und schneller als gedacht. Am Freitag, den 13. Oktober, machten wir den Test. Ich war noch nicht mal überfällig, aber schwanger sein, das kannte ich. Genau zwei Wochen später wurde ich operiert. Bis dahin hatte man keinen Embryo in der Gebärmutter gesehen. Alle zwei Tage waren wir im Krankenhaus einbestellt, um einen Ultraschall zu machen und die Schatten darauf zu deuten. Die Ärzte in der Klinik hofften mit, sie machten Mut, dass diesmal alles gut geht, und entfernten mir am Ende meinen Eileiter mitsamt dem Embryo darin. Es war wieder der rechte. Ich hatte dieses Mal keine extremen, einseitigen Schmerzen wie bei der ersten Eileiterschwangerschaft. Schmerzen, bei denen man denkt, dass man jeden Moment in Ohnmacht fällt. Vielleicht war mein Körper genauso abgeklärt, wie ich es inzwischen war. Vielleicht war es aber auch die Hoffnung, die Schmerzen nicht zuließ, weil da nicht schon wieder welche sein sollten. Beim Abschlussgespräch fragte mich die Oberärztin, warum wir keine IVF machen, wir sind doch verheiratet und haben schon so viel hinter uns. Meine Frauenärztin – ich hatte endlich eine gute, die beste, gefunden – sagte mir zwei Wochen darauf das gleiche. Ich antwortete trotzig, dass ich das ziemlich unromantisch fände. Darauf sie: „Ihre Fehlgeburten und die Operationen sind ja nun auch nicht gerade romantisch.“ Das sackte.

Ich weiß selbst nicht, was für ein Ehrgeiz mich so lange geritten hatte, der sich einer künstlichen Befruchtung gegenüber versperrte. Vielleicht die Tatsache, dass ich jedesmal sehr schnell schwanger wurde. Aber da waren meine Eileiter und die, bzw. der eine, der übrig blieb, waren offensichtlich verstopft. Durch die Infektion wahrscheinlich einmal mehr. Die A2 ist verstopft, die Leipziger Straße ist verstopft, unser Spülmaschinenabfluss ist manchmal verstopft. Verstopfungen sind scheiße. „Ach was. Wenn es Stau gibt, dann muss man eben die Umleitung nehmen“, sagte ein guter Freund in dieser Zeit. Er ist jetzt ihr Pate.

Wir wollten Anfang des neuen Jahres mit der Therapie beginnen. Um den Hormonstatus zu überprüfen, wurde mir nochmal Blut abgenommen. Einen Tag später, es war ein Tag vor Silvester, rief mich die Laborfrau ungläubig an. Ich war schon wieder schwanger, aber nicht richtig. Ich hatte nur HCG im Blut. Ich war einfach nur ungläubig, fühlte mich leer. Als das Schwangerschaftshormon sechs Wochen darauf verschwunden war, begann ich, Cortison zu nehmen. Mein Immunsystem war wegen der langen Infektion - das ergab ein Test - derart hochgefahren, dass es gefährlich für eine Schwangerschaft sei, da diese als Fremdkörper gilt. Ich selbst hatte mich schon gewundert, dass ich so lange keine Erkältung mehr hatte, trotz Großraumbüro.

Dann begann ich mit einer kurzen Hormonbehandlung, was mir nicht weiter zu schaffen machte, Hormone kann ich. Kurz darauf war ich schwanger. Diesmal an der richtigen Stelle. Die kommenden Wochen waren jedoch so anstrengend, wie sie nur sein konnten. Jedes Mal, wenn ich wegen eines Hämatoms stark blutete, glaubte ich nicht mehr an mein Baby. Einmal, während eines Besuchs bei Freunden in Belgien blutete es so stark, dass ich keinen Schritt mehr machen konnte, und im Rollstuhl durch das Krankenhaus gefahren wurde. In der 17. Woche war das Hämatom verschwunden. In der 23. Woche zeigte die Feindiagnostik ein sehr gesundes, zappeliges Mädchen mit sehr langen Beinen. In der 41. Woche kam sie zur Welt. Genau an Weihnachten. Genau drei Jahre, nachdem ich wegen meiner ersten Eileiterschwangerschaft an Weihnachten im Krankenhaus lag. Der Kreis hat sich geschlossen. Als ob sie das gewusst hat.

Die drei Jahre dazwischen waren körperlich und mental anstrengend. Ich fühlte mich oft isoliert, und habe mich isoliert. Ich habe Schwangerschaftsforen von vorne bis hinten durchgelesen und nach ähnlichen Geschichten gesucht. Ich weiß nun, was Panikattacken sind, und bekomme immer noch Herzrasen und ein Kribbeln im Kopf, wenn sich mein Körper komisch anfühlt. Ich wurde abgeklärter und bestimmter. Es gab ganz viel Anteilnahme von Nachfragen nach meinem Gemütszustand (Danke, Anna) – überraschenderweise oft von denen, von denen ich es nicht erwartet hätte, und von ein paar Menschen, von denen ich mehr erwartet hätte, kam weniger. Ich habe angefangen, Game of Thrones zu schauen. Und diese Website gegründet, durch die ich zwei neue Freundinnen gefunden habe. Ich habe mit meinem Mann viel Negroni getrunken, geraucht und Pizza gegessen. Ich bin die Rocky Steps in Philadelphia in meinem ausgeleierten grauen Jogginganzug hochgejoggt. Ich habe mir bei Dussmann medizinische Fachbücher gekauft. Ich bin von drei Ärzten enttäuscht und habe drei tolle Ärzte getroffen. Ich finde IVFs inzwischen großartig und habe zwei Freundinnen mit ähnlicher Geschichte dazu geraten. Ich denke mehr an die tollen Momente in 2016, 2017 und 2018 zurück als an die schlechten. Und 2019 ist sowieso das allerbeste Jahr. Denn es gibt nichts liebevolleres und lustigeres als mein Christkind. Sie ist mein Stern. Sie strahlt immer. Es sollte alles so sein. Ich möchte nichts an der Geschichte ändern. Der Anfang vom Ende.

In diesen Wochen schläft Elisa gerade am liebsten auf meinem Bauch ein. Ich muss mich dazu an die Wand hinter dem Bett lehnen. Es ist krass unbequem, aber ich könnte ewig so verharren. Neun Monate war sie in meinem Bauch, ist darin gewachsen. Neun Monate wächst sie nun außerhalb davon. In diesen Momenten ist alles eins.

Every champion was once a contender who refused to give up. – Rocky Balboa


Postskriptum:
Ich schreibe das nicht, weil es mir beim Verarbeiten hilft. Im Gegenteil. Mir tut es nicht gut, mich erneut damit auseinanderzusetzen. Auch nicht, wenn ich andere Berichte lese und online stelle. Ich schreibe das - nun der Komplettheit halber - auf, weil diese Geschichten erzählt werden müssen und es noch so viele Fragen bei Fehlgeburten gibt. Hinter jedem Wickeltisch steckt eine Wahrheit.

Julia Stelzner schreibt als freie Journalistin für die FAZ, Zeit und Elle. Sie hat ein Buch über Mode und eines über Essen verfasst (Prestel). Nach zwei Fehlgeburten hat sie die Website "Das Ende vom Anfang" ins Leben gerufen, um mit ihrem Erfahrungsbericht und denen anderer Frauen allen Mut zu machen, die eine Fehlgeburt erleben mussten. Am liebsten ist sie in den Bergen bzw. in Berlin beim Yoga, Boxen oder in der Pizzeria.