Kianga, 29, Sozialarbeiterin

Meine Zeit mit Shlomo

Kianga hat ihr Baby, ihren Shlomo, in der 12. Woche verloren. Über den Verlust hinweg geholfen haben ihr vor allem ihr Mann und ihr Glaube. Jetzt hat sie Hoffnung.

Ein Auszug aus meinem Muttertagebuch:

Mein süßer, kleiner Shlomo. Fast ein Monat ist seit der letzten Ultraschalluntersuchung (8SSW) vergangen. Damals durften Vater und ich dein Herz kräftig pochen sehen.

Ein Monat ist vergangen, in dem dein Opa mich immer mit "Hallo ihr Zwei" angesprochen hat. Ein Monat, in dem deine Eltern sich darauf geeinigt haben "Vater" und "Mutter" zu sein. Ein Monat, in dem Vater schon häufig mit dir gesprochen hat und mehrfach gesagt hat, dass er dich lieb hat und sich auf dich freut. Ein Monat, in dem ich täglich meinen Bauch eingeölt habe und mir vorstellte, dass es wie eine Achterbahnfahrt für dich sein muss. Ein Monat, in dem die frohe Botschaft über dich sich immer weiter verbreitet hat, und jeder und jede sich darüber freute. Ein Monat, in dem ich mir bereits einen Wickelrucksack wünschte, um später für dich immer alles dabei zu haben. Ein Monat, in dem wir regelmäßig für dich und uns als Eltern gebetet haben. Ein Monat, in dem wir deinen Urgroßeltern von dir berichteten, in dem ich einen Outlet-Shopping-Tag mit deiner Oma und Tante vereinbarte, um Schwangerschaftskleidung zu kaufen. Ein Monat in dem wir gedanklich schon dein Kinderzimmer eingerichtet haben. Meinen alten Sessel, der momentan noch bei deiner Tante steht, wollte ich für unsere Stillmomente wieder herholen. Ein Monat, in dem Vater schon unglaublich viele Gratisproben und -geschenke für dich besorgt hat - er ist ein absoluter Schnäppchenjäger (-;

In dieser Zeit berichtete ich auch meinem Arbeitgeber von dir. Damit dir auf keinen Fall etwas zustößt, wurde direkt mein Immunstatus überprüft und bis die Blutergebnisse vorliegen sollten, durfte ich eine Woche im Beschäftigungsverbot zu Hause bleiben. Ich nutzte die Zeit und überlegte mir bereits, wann ich eine Hebamme suchen möchte - ich würde noch den nächsten regulären Frauenarzttermin am 10.09.2019 abwarten. Ich las bereits ein Buch zum Thema 'Elternsein', suchte nach hübschen Kinderwagen und dachte viel an unser neues Leben als Familie. Vater würde das großartig machen, dessen war ich mir sicher! Er liebt dich jetzt schon (-:

In diesem Monat hatte ich aber auch meine ersten Kopfschmerzattacken. Im letzten Moment, bevor es nicht mehr ging, musste ich Schmerztabletten nehmen. Als dies zu häufig wurde, rief ich die Frauenärztin an: "Maximal drei mal zwei Tabletten Paracetamol sind in Ordnung!", sagte sie.

Es gab auch ein bis zwei Tage an denen ich leichten, bräunlichen Ausfluss hatte. Aber ich wusste, das kann dazugehören und ist nicht schlimm, wenn keine Blutungen und Schmerzen den Prozess begleiten. Und Schmerzen hatte ich keine. Im Gegenteil: Meine "Beschwerden" (schmerzempfindliche Brüste, harter Bauch, Gelüste auf gesundes Essen, Übelkeit; wenn ich zu lange nichts gegessen habe) reduzierten sich und verschwanden nach und nach. "Auch normal", dachte ich. Das erste Trimester neigt sich dem Ende entgegen und der Körper hat sich an die Hormonveränderung gewöhnt. Trotzdem war es komisch, manchmal sogar beängstigend, sich nicht mehr so richtig schwanger zu fühlen.

In der freien Woche fand ich Zeit einen Haufen Postkarten zu schreiben Noch an lauter liebe Menschen, denen wir nun von dir erzählen wollten. Ein seltsames, leises, skeptisches Gefühl in mir hielt mich zurück, die Karten abzuschicken. Ich würde noch den nächsten regulären Frauenarzttermin abwarten.

Das Wochenende war ich bei deiner Tante in Emden. Wir hatten eine tolle Schwesternzeit zusammen. Auch die kommende Zeit mit dir war immer wieder Thema. Die Tage über bekam ich leichte Schmerzen, so, als wenn ich meine Periode bekommen würde. Ich freute mich richtig! Endlich merke ich wieder etwas. Die Gebärmutter wächst und dehnt sich, ich bin also noch schwanger!

Am Montag ging ich wieder zur Arbeit. Die Zeit verging schnell und Vater und ich freuten uns wie bolle auf Dienstag, den 10.09.2019 um 17:15 Uhr. Da war unser nächster regulärer Frauenarzttermin und wir wollten sehen, wie groß du geworden bist. Im Anschluss wollten wir die Postkarten abschicken. Wir wollten das erste Trimester fröhlich verabschieden und fortan noch offener mit der Schwangerschaft umgehen.

Es wurden fröhlich aufgeregt ein paar Fragen mit der Ärztin besprochen, es wurde gelacht und endlich, endlich war der nächste Ultraschall nach vier langen Wochen dran. Wir konnten dich sofort finden. Vater und ich hielten uns an der Hand. Mein erster Gedanke war: "Der ist doch noch viel zu klein!", aber die Ärztin maß, schaute und guckte weiter. Und dann sprach sie es aus: "Ich finde den Herzschlag nicht!"

Ein paar Momente wurdest du noch angestupst, rangezoomt, abgehorcht, aber du wolltest nicht. Du lagst da. Ganz ruhig. Hast dich nicht bewegt. Vater schickte Stoßgebete. Aber du wolltest nicht. Du warst viel zu klein. Eigentlich wären wir bei 11w2t, deine Größe zeigte uns aber, dass du dich nur bis 8w5t weiterentwickelt hast. Knapp drei Wochen hab ich dich schon leblos mit mir umhertragen, süßer kleiner Shlomo.

Ab dann begann unser Abschied von dir. Wir sollten in zwei Tagen wiederkommen und die Nachricht so lange erst einmal sacken lassen. Die Ärztin ging und Vater und ich standen da. In Vaters Arm flossen die ersten Tränen. Und es sollten die nächsten Tage noch viele, viele weitere folgen.

Noch am gleichen Tag teilten wir das Leid mit deinen Großeltern, Onkels und Tanten. Je mehr dein Tod durch das Reden darüber realer wurde, desto stärker wurden auch die Unterleibsschmerzen und ich nahm sie bewusst wahr. Dein Vater und ich schliefen völlig erschöpft ein. Um 03:45 Uhr wurde ich vor Schmerzen wach. Pro Toilettengang kamen jetzt größere Schleimpropfe raus. Zurück im Bett machte ich Daniel wach und bat um eine Wärmflasche. Mit der Wärme auf dem Bauch und in Daniels Arm weinte und weinte und weinte ich. Ich gab mir zum ersten Mal im Leben nicht mehr die Mühe, die Tränen zu trocknen. Die liefen über mein Gesicht, die Augen verquollen und die Kissen wurden nass. Die Schmerzen wurden immer stärker, aber noch warst du in mir und ich hatte noch eine leise Hoffnung...

Irgendwo war ich sogar dankbar für die Schmerzen, weil sie das Gesagte der Ärztin spürbar machten. Shlomo, du warst mich zu keiner Zeit so bewusst, präsent, real und nah wie zu dieser Zeit. Jeder Schmerz brachte mich dir nahe.
Später stand ich auf. Ich musste bei der Arbeit anrufen. Zum Glück erreichte ich meine liebste Kollegin. Unter Tränen schilderte ich ihr kurz und knapp was passiert war. Mehr konnte ich in dem Moment nicht aushalten.
Auf der Toilette nahm ich jetzt erstmals dickes, geronnenes Blut wahr. Jetzt beginnt der natürliche Abgang. Damit war es aber auch endgültig. Ich rief deine Tante an. Die Süße hatte sich ungefragt ab 07 Uhr in den Zug gesetzt und würde um 11 Uhr hier sein. Die Kleine, wie dankbar ich ihr dafür bin. Binden würde sie unterwegs besorgen.

So begann der Tag, ein weiterer Tag des Abschieds. Die Schmerzen wurden immer stärker. Im Laufe des Tages nahm ich zwei Mal 800mg Ibuprofen zu mir. Daniel berichtete ersten Freunden von unserer Situation. Die Reaktionen waren allesamt so liebevoll, anteilnahmsvoll, so aufrichtig und voller Leid und Traurigkeit. Ich selber merkte, dass ich noch nicht bereit war, mit irgendwem darüber zu sprechen.

Ich konnte das alles noch nicht in Worte fassen oder Nachrichten schreiben. Selbst meine geliebte Familie wurde mir irgendwann zu viel und ich wollte zu Hause sein, und ausschließlich Ruhe und Daniel bei mir haben.

Es lief viel Worshipmusik. Es lief viel frisches Blut. Es gab viele, starke, lähmende Schmerzen und dennoch war ich so froh, diese zu erleben und zu bemerken, wie Shlomo uns verließ. Mein Wunsch war es, ihn zu sehen, wenn er abging und mich zu verabschieden.

Daniel war die ganze Zeit an meiner Seite. Daniel, dieser wunderbare, starke Mann. Daniel, der mich mit seiner ganzen Liebe trägt. Daniel, der mir einfach mit seiner ruhigen, körperlichen Nähe Zuversicht schenkt. Dieser absolut perfekte Ehemann. Was bin ich Gott dankbar für diesen Ehemann. Niemanden sonst könnte ich mir so gut an meiner Seite vorstellen. Er ist da. Er hält aus. Er liebt. Er betet. Er erträgt. Er hat Hoffnung.

Und Shlomo? Du süßes, kleines Shlomo. Unser erstes Kind. Du warst ganz bewusst und gewollt von Gott als unser erstes Kind geschaffen. Du schenkst uns nämlich die Gewissheit und Zuversicht, dass wir natürlich schwanger werden können. Du zeigst, wie stark unsere Liebe zueinander und Freude aneinander ist und wie fest unser Glaube an Gott ist. An IHN wollen wir uns hängen. Auf IHN hoffen und auf SEINE Zuversicht bauen. "Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind." (Unser Trauspruch: Römer 8,28) und "Habe deine Lust am Herrn: Der wird dir geben, was dein Herz wünschet. Befiehl dem Herrn seine Wege und hoffe auf ihn: Er wird´s wohl machen und wird deine Gerechtigkeit hervorbringen wie das Licht und dein Recht wie den Mittag." (Psalm 37, 4-6) Wie schön und was für ein Geschenk, dass wir keinen Groll auf IHN hegen, sondern Kraft aus dem Glauben ziehen.

Im Laufe des Tages wurden die Postkarten mit dem Zusatz der aktuellen Situation ergänzt und beim Spaziergang zur Post gebracht. Daniel und ich haben es bei niemandem bereut, schon vor Ablauf des ersten Trimesters von Shlomo berichtet zu haben. Das Leid jetzt miteinander zu teilen gehört genauso dazu und es würde sich seltsam anfühlen, diesen Schmerz für sich zu behalten. Nur bin ich jetzt noch nicht so weit, darüber zu reden.

Zum Abend hin wurden die Schmerzen nahezu unerträglich. Es hatte wirklich etwas von Wehen, weil sie in Wellen kamen. Wegen den bereits genommenen Schmerztabletten wollte ich nicht noch mehr nehmen und Daniel und ich kuschelten uns in den Schlaf.

Erneut wurde ich um 03:45 Uhr wach. Die Schmerzen liegen mich nicht mehr schlafen. Ich wimmerte und weinte. Daniel wurde wach und wollte mich im Arm halten. Bei den Schmerzen konnte ich das nicht aushalten. Er stand auf, um erneut eine Wärmflasche zu machen. In dem Moment merkte ich, dass Blut austrat und ich lief schnell zum Klo. Endlich war es soweit und es sollte geschafft sein Die ganze Plazenta hatte sich gelöst und fiel raus. Blut ohne Ende folgte. Es war teilweise so, als wenn ich Blut pinkeln würde. Weitere schleimige Klumpen traten aus und ich kam mit dem Abwischen nicht hinterher. Wenn ich aufstand, lief neues Blut raus und hinterließ Flecken und Tropfen.

Ich wollte doch Shlomo sehen und jetzt musste er abgegangen sein. Aber die Toilette war so voll und es waren so viele feste Bestandteile, man hätte mich beiden Händen wühlen müssen. Ich weinte nur noch. Weinte, weinte und weinte. Ich würde Shlomo nicht sehen und verabschieden können. Ich war völlig erledigt und erschöpft und wollte nur noch ins Bett, verlor aber stetig zu viel Blut, als dass ich die Toilette hätte verlassen können. Ich war hier alleine - ohne Daniel. Die Menge an "Kram" und Blut mache mich fertig, ich traute mich aber nicht zu spülen. Dann wäre er weg. Mir wurde schwummerig und schlapp wegen des ganzen Blutverlustes. Ich hatte starke Schmerzen. Irgendwann stand Daniel an der Tür, strich von außen an dieser und fragte, ob er kommen solle. Ich weinte nur ein "Ja." und er kam, stand nehmen mir und ich drückte mein Gesicht in seinen Bauch und hielt mich an seinen Beinen fest. Überall war Blut und ich weinte, weinte und weinte.

Nach einer ganzen Weile machte mein Körper schlapp und ich dachte erst, ich müsste mich übergeben, aber dann sackte mein Bewusstsein ab. Ich schaffte es gerade noch mit einem Handtuch zwischen den Beinen ins Bett. Ich schwitzte, mein Körper surrte und ich dachte, ich wäre gleich weg. Daniel lagerte meine Füße hoch. Er brachte mir Saft und beseitigte das ganze Blut (Teppich, Hose, Handtücher, Binden, Waschlappen). Dann durfte er auch spülen. Shlomo wäre in der Masse nicht zu finden gewesen. Er hatte es raus geschafft, ganz natürlich. Wir zwei hatten das zusammen durchgestanden. Es war jetzt okay. Er durfte weg, weggespült werden.

Meine Schmerzen wurden spürbar weniger. Daniel und ich fielen erneut in einen erschöpften Schlaf. Und Shlomo? Sehen wir im Himmel wieder. Am Vormittag bei der Frauenärztin kam heraus, dass wir es gut zusammen geschafft haben. Es ist nahezu alles weg. Etwas Blut ist noch da. Wenn das bis Montag nicht rausgelaufen ist, dann wird es ausgeschabt. Mir ist immer noch schwummerig, aber nicht mehr so stark. Ich habe etwas Schmerzen. Ich bin noch k.o. Aber ich habe meinen Glauben, und Daniel, und hoffe auf eine baldige neue Schwangerschaft.

Acht Tage sind mittlerweile vergangen, seit du uns verlassen hast. Acht Tage, in denen bei mir weiterhin ein Ausnahmezustand herrscht. Acht Tage, an denen ich an dich gedacht habe, acht Tage, in denen mich die Zeit mit dir verändert hat.

Vater und ich sind ganz spontan über das letzte Wochenende weggefahren. Die vielen Reaktionen und die massive Anteilnahme an deinem Verlust, die bei uns eintrafen, nachdem auch ich vielen von deiner zu frühen Geburt berichtete, überforderten mich noch. So sind wir ganz alleine in eine ruhige, hübsche Ferienwohnung in der Nähe von Lübeck gefahren. Die Ruhe und das Rauskommen taten uns gut. Immer wieder haben wir über dich und die letzten Tage geredet. An diesem Wochenende durften wir auch zum ersten Mal wieder gemeinsam lachen. Das tat so gut! Und erneut haben wir Andacht zusammen gehalten und alles unter Tränen bei Gott abgelegt. Das ist heilsam! Wir durften in diesen Tagen spüren, dass ganz viele Menschen für uns beten. Das ist so schön und bedeutet uns unheimlich viel.

Shlomo, ich habe die leise Hoffnung, dass all die Gebete die Türen bei Gott einrennen und er uns bald eine neue Schwangerschaft schenken möge. Shlomo, du wirst niemals ersetzt werden!! Du hast uns zu Eltern gemacht. Du bist unser erstes Kind! Durch dich bin ich zu einer Mutter geworden. Du, mein erstes Kindchen, bis am 12.09.2019 geboren - mein Stern!
Am Montag, den 16.09.2019 fand dann doch eine Ausschabung unter kurzer Vollnarkose statt. Vater begleitete mich. Und es war okay für uns. Es warst nicht du, der dort rausgeholt werden würde, sondern nur das Blut, was täglich noch austrat und mich immerfort an die zu frühe Geburt erinnerte. Ich zeigte mich nach der OP ganz schnell fit und vital. Hauptsache, dass dieser furchtbare Zugang gezogen werden konnte. Ich hatte schon in beiden Armbeugen Blutergüsse und Einstichstellen von den zahlreichen Blutentnahmen. Ich wollte nach Hause uns ins Bett. Und da war ich vierzig Minuten später auch. Den Montag fühlte ich mich bis zum Abend noch ganz matt. Das Narkosemittel war noch in mir. Ich spürte meine abgekratzte Gebärmutter und hing durch.

Aber dann, so ganz langsam, ganz behutsam, veränderte sich etwas in mir. Ein klein wenig Energie machte sich in mir breit. Die größte, dunkelste und schwärzeste Wolke zog davon. Ich hatte das Bedürfnis, mit meiner besten Freundin zu telefonieren. Vierzig Minuten telefonieren, gemeinsam ein Vaterunser sprechen und ich bekam heftige Kopfschmerzen. Das reichte fürs Erste.

Die Energie des Dienstags nutzte ich, um dein geplantes Kinderzimmer umzugestalten. Ich baute zwar keine Wickelkommode auf, aber ich richtete eine Gebetsecke ein. Eine "Stille-Zeit-Ecke". Einen Platz für unsere Bibeln. Und die "Welcome Shlomo"-Karte, die uns eine Freundin geschickt hatte, fand dort im Rahmen ihren Platz. Genauso wie die Elberfelder Studienbibel, die Vater und ich am Wochenende bestellt haben. Shlomo, du hast deine Eltern nämlich nah an unseren Heiland gezogen und IHM wollen wir mehr Raum im Alltag schaffen und dies auch sichtbar werden lassen. Deswegen gibt es jetzt auch die Shlomo-Erinnerung-Zeit-Mit-Gott-Ecke.

Mittwoch kam dann dein Onkel zu Besuch. Ihm war der Kummer um seinen Neffen (irgendwie sagt mir ein Gefühl, dass du ein Junge gewesen wärst) deutlich anzusehen. Beim Frühstück haben wir viel über dich geredet und auch darüber, was Gott uns durch dich lehrte. Sollen wir vielleicht keine medizinische Unterstützung der Kinderwunschklinik in Anspruch nehmen? Wollte Gott uns mit deinem kurzen Leben zeigen, dass ER und zu SEINER Zeit ein Kind geben kann? Wie viel darf man Gott anklagen und ganz direkt um eine zügige, schnelle, baldige Schwangerschaft bitten? Wie sehr sollte man viel mehr um Geduld, Ruhe und Vertrauen bitten? Inwiefern hat mein Gebet Einfluss auf Gottes Handeln?

Nach vier Stunden mit deinem Onkel war es gut, dass er nach Hause aufbrechen musste. Ich war emotional wieder am Limit, kräftemäßig am Ende und bekam wieder Schmerzen. Donnerstag konnte ich den ersten außerfamiliären Besuch zulassen und mit einer Freundin bei Zimtschnecken über alles reden.

Shlomo, du siehst also, es geht ganz ganz langsam bergauf. Und auch immer wieder ein Stück zurück hinab, aber ingesamt doch ganz langsam bergauf. Das Weinen ist noch da, wird aber weniger. Das Einigeln findet noch statt, aber mit kurzen Unterbrechungen. Die Trauer ist noch da, wird aber zaghaft zu neuer Hoffnung.
Fröhlichkeit schenkt mir in dieser Zeit u. a. dein Geburtstagstisch. SO VIELE Leute nehmen Anteil an deinem kurzen Leben. Du hast Blumen erhalten, ein Buch zum Thema fehlgeborene Kinder, eine Willkommenskarte, ein Bild deines Cousins und viele Karten und Briefe. Wir werden das alles in einer Box aufheben und vielleicht immer zu einem Geburtstag herausholen.
Shlomo S., 12.09.2019, 04:05 Uhr, 2,7cm

Kianga, 29 Jahre alt, Ehefrau zu Daniel, Sternenkindmutter zu Shlomo, hoffnungsvolle Christin und Sozialarbeiterin. Mein Herz schlägt für meinen Glauben und den besten Ehemann der Welt. Hoffentlich auch bald für quirlige Kinder um uns herum.