Miriam, 35, Lehrerin

Samuel

Miriam hat schon eine Tochter, verliert dann aber in kürzester Zeit zwei Babies. Das erste, ihren Samuel, musste sie vaginal auf die Welt bringen. Vergessen wird sie ihn nie.

“Das passiert ja so vielen Frauen.“ Ich kann diesen Satz nicht mehr hören. Er hilft überhaupt nicht. Als ob ein gebrochenes Bein weniger weh tun würde nur weil das doch so vielen Menschen auch passiert. Und wenn ein Baby viel zu früh verstirbt, dann bricht es einem das Herz.

Vor etwas weniger als einem Jahr wagten mein Mann und ich es ein zweites Mal. Kurz nach dem zweiten Geburtstag unserer großartigen Tochter ließen wir es darauf ankommen, obwohl die schwere Geburt meiner Tochter für mich ein absolut erschütterndes Erlebnis war, mit dem ich mich auch nach wie vor auseinandersetzen musste. Dennoch, ich fand den Mut und wurde tatsächlich gleich im ersten Zyklus wieder schwanger. Die Schwangerschaft war wie die erste keine leichte. Mir war sehr schlecht, ich war unheimlich müde, hatte häufig Kopfschmerzen und so weiter. Zudem merkte ich, wie die Geburt meiner Tochter mir starke Angst vor einer weiteren Geburt machte. Doch all das konnte bei weitem nicht die Liebe übertönen, die ich von Anfang an für unser zweites Baby im Herzen trug.

Die ersten zwölf Wochen vergingen und ich war so erleichtert in der 14. SSW ein kräftig schlagendes Herzchen und ein gut gewachsenes Baby auf dem Ultraschall zu sehen, das dort fröhlich vor sich hin strampelte. Wir begannen ernsthafte Überlegungen anzustreben, wie wir unsere Dreizimmerwohnung noch etwas umgestalten würden, um Platz zu schaffen für unser nächstes Baby. Noch immer hatte ich mit starker Schwangerschaftsübelkeit zu kämpfen, doch das verwunderte mich nicht weiter, darauf war ich aus der ersten Schwangerschaft eingestellt.

In der 18. SSW war die nächste Vorsorgeuntersuchung angesetzt. Seit einigen Tagen fing die Übelkeit an nachzulassen, worüber ich erleichtert war. So weiß ich noch wie ich mich an dem Morgen seit längerem wieder etwas kräftiger fühlte und mit der Vorfreude vermutlich heute das Geschlecht unseres Babys zu erfahren die Treppe zur Haustür geradezu leichtfüßig hinuntertanzte. Beim Arzt kam ich pünktlich an die Reihe. Erstmalig konnte der Ultraschall heute auf dem Bauch gemacht werden. Der Arzt wollte sogar ein Video mitlaufen lassen, worum ich ihn nicht gebeten hatte, aber etwas dagegen einzuwenden hatte ich natürlich nicht.

Und dann, nach nur wenigen Sekunden der Schock: Ich konnte keinen Herzschlag und keine Kindsbewegungen sehen. Sofort fing ich bitterlich an zu weinen. Nach einigem Suchen bestätigte der sichtlich betroffene Arzt, was ich sofort erkannt hatte: Mein Baby war in meinem Bauch gestorben – und nach der letzten Ultraschalluntersuchung auch kaum noch gewachsen. Ich war absolut verzweifelt. Mein Mann, der während der Untersuchung ein Vorstellungsgespräch hatte und den ich deshalb erst 2,5 Stunden später anrufen konnte, wollte es erst gar nicht glauben.

Ich wurde ins Krankenhaus geschickt. Ich hatte im selben Krankenhaus entbinden wollen, in dem ich auch meine Tochter auf die Welt gebracht hatte. Dort wurde mir nun gesagt, dass es keinen Grund zur Eile gäbe, dass ich das Baby aber in jedem Fall vaginal würde entbinden müssen und dass sie üblicherweise die Geburt mit Cytotec einleiten, ich dieses aber nicht nehmen müsse. Mir war sofort klar, dass ich die Geburt nicht künstlich einleiten wollte, sondern, soweit mir dies psychisch möglich war, abwarten wollte, bis mein Körper die Wehen von alleine startete. Überhaupt hatte ich mir, als ich mich noch auf die große zweite Geburt eingestellt hatte, bereits vorgenommen, dieses Mal viel selbstbestimmter in die Geburt zu gehen, da ich eines gelernt hatte: Auch die besten Geburtshelfer können nicht sehen, was in meinem Kopf vor sich geht. Und ich wollte mich auch erst einmal in Ruhe von meinem Baby im Bauch verabschieden, es noch weiter streicheln, ihm „Gute Nacht“ und „Guten Morgen“ sagen. Gleichzeitig hoffte ich innig, dass die Wehen recht bald von alleine starten würden, wofür auch mehrere Freunde, denen ich an diesem ersten Tag schrieb, anfingen zu beten. Und so, Gott sei Dank, setzten die Wehen zwei Tage später ein. Bis zur Geburt vergingen noch weitere 1,5 Tage, die sich zu Weilen anfühlten wie eine Ewigkeit, aber ich entschied bei jedem Schritt, was ich wollte und was sich für mich richtig anfühlte. So nahm ich beispielsweise nach dem Einsetzen der Wehen doch noch Cytotec, weil ich wusste mein Körper hatte nun eigenständig begonnen, die Wehen zu erzeugen.

Am Sonntag, dem 14.April, kam abends unser winzig kleiner Sohn Samuel auf die Welt. 10 cm klein, 65 g leicht, und doch schon so perfekt. Mit fünf Fingerchen an jeder Hand, einem bezaubernden Gesichtchen, kleinen Rippen, die unter seinem Brustkorb klar zu sehen waren. Die Sternenkindfotografin von dein-sternenkind.eu, die unseren Samuel ehrenamtlich fotografierte, machte uns unheimlich wertvolle Fotos, die wir uns immer wieder anschauen.

Wie bei meiner ersten Geburt kam auch dieses Mal die Plazenta nicht von allein und ich blutete sehr stark, sodass ich kurz nach der Geburt in den OP gefahren wurde. Das war der schlimmste Moment meiner stillen Geburt.

Samuel hat mich sehr verändert. Meine Liebe zu ihm ist so unglaublich groß und die Trauer ebenso. Für vieles, was mir einmal wichtig war, habe ich keine Kraft mehr (noch nicht?). Aber wir trafen gemeinsam viele gute Entscheidungen: Wir haben Samuel mit einer wirklich schönen Trauerfeier und unseren guten Freunden und Geschwistern auf einem wunderschönen Sternenkinderfriedhof beerdigt. Sogar die Orgel ist für ihn erklungen, was für mein Herz sehr wertvoll war. Wir haben eine Geburtsanzeige verschickt, seine Schatulle zu dritt bemalt, eine Kerze gestaltet und ein Fotoalbum. Unser Töchterchen weiß, dass sie einen kleinen Bruder hat. Sie hat ihn ganz fest in ihrem Herzen.

Vier Monate nach Samuels Geburt starteten wir einen erneuten Versuch und ich wurde wieder sofort schwanger. Die ersten Wochen dieser Schwangerschaft waren emotional sehr anstrengend, zumal das Herzchen etwas zu spät zu sehen und das Baby etwas zu klein war. Aber, eine Woche später (in der 9. SSW) war es proportional gut gewachsen und mir war wieder deutlich übel usw. So fing ich ganz vorsichtig an zu hoffen, dass unser drittes Baby bei uns auf der Erde leben würde. Die Übelkeit und Kopfschmerzen machten mir auch dieses Mal sehr zu schaffen. Mein Mann machte mir immer wieder Mut, dass starke Schwangerschaftsübelkeit das Fehlgeburtsrisiko deutlich reduziert. Und dann, zwei Wochen später bei der nächsten Kontrolle, wurde es schreckliche Gewissheit: Auch dieses Herzchen hatte wieder aufgehört zu schlagen. Ich war (und bin) am Boden zerstört und habe an dem ersten Tag all meine Wut und Verzweiflung nur noch aus mir herausschreien können.

Da sich nicht andeutete, dass die Blutungen zeitnah von alleine starten würden und mir außerdem weiterhin sehr schlecht war, entschied ich mich dieses Mal für eine Ausschabung, die drei Tage später im selben Klinikum durchgeführt wurde, in dem ich nun alle meine drei Kinder bekommen habe. Ich denke, das war für mich die richtige Entscheidung. Das ist nun 3 Wochen her. Auch dieses Baby haben wir in Samuels Grab beerdigt (ja, zu jedem Zeitpunkt der Schwangerschaft ist es erlaubt, das „Schwangerschaftsmaterial“ nach einer Ausschabung mit nach Hause zu nehmen!), dieses Mal allerdings nur zu dritt mit einem sehr netten Friedhofsmitarbeiter und meiner Geige. Auch für diesen Baby werde ich ein Fotoalbum gestalten, die Kerze ist schon fertig und auch dieses Mal haben wir gemeinsam ein kleines Holzdöschen angemalt. Ich kann aus vollem Herzen sagen: „Es war gut.“ Und doch, die Trauer wird dadurch nicht kleiner. Sie braucht soviel Kraft, Raum und Zeit. Es fällt sehr schwer, fröhliche Momente mit meiner süßen, wunderbaren Tochter zu erleben, die nun bald drei Jahre alt wird und ebenfalls traurig ist. Was mir bleibt, ist nur darauf zu hoffen, dass es irgendwann leichter wird und die Lebensfreude zurückkommen wird. Aber es bleibt ein täglicher Kampf darauf zu vertrauen.

Hallo, ich bin Miriam, 35 Jahre alt, Lehrerin, liebe klassische Musik, lange Spaziergänge, Kinderlachen, Großstadtgetümmel und Meeresrauschen und eine gute Tasse Kaffee. Das ist meine Geschichte.