Nelli, 28, Wissenschaftlerin

Erfüllung der Statistik

Nelli hatte alles unter der Kontrolle. Schon immer. Umso schwerer fällt es ihr, zu akzeptieren, dass man die Kinderwunschzeit nicht kontrollieren kann.

Ich liebe Kontrolle und Ordnung. Meine Schränke sind sortiert, ich lasse Gegenstände nie länger als nötig an ihrem unrechtmäßigen Platz, ich besorge Geschenke Monate im Voraus und lebe von To-Do-Listen. Ich bin lebensfroh und gelte als die Spaßkanone im Freundeskreis, die immer zuerst an die anderen denkt und dann an sich selbst. Doch meine unbeschwerte Art ist weg, nachdem ich erfahren musste, dass es nichts gibt, was man weniger unter Kontrolle hat als die Natur. Ich gehöre nun zu den 15% die laute Statistik eine Fehgeburt erleiden.

Meine Geschichte beginnt so: Ich hatte mich optimal vorbereitet auf das Projekt Schwangerschaft. Die unregelmäßigen Zyklen bin ich im Sommer 2018 angegangen. Nachdem mich meine alte Ärztin nicht ernst nahm, habe ich zu einem jungen, sehr sympathischen Arzt gewechselt, der meinte „na, da schauen wir doch mal woran das liegt“. Meine Blutwerte wurden untersucht, ich habe fleißig Folsäure und Mönchspfeffer genommen, habe meine Temperatur jeden Morgen pünktlich um 6 Uhr gemessen (auch am Wochenende), trank abwechselnd Himbeerblätter- & Frauenmanteltee und kontrollierte mit Ovulationstests meinen Eisprung. Ich war besessen darauf, meinen Zyklus genauestens zu analysieren. Und siehe da, meine Zyklen pendelten sich ein. Zufrieden habe ich mir bewiesen, wie man mit der nötigen Disziplin doch alles in den Griff bekommt, da sollte doch die Schwangerschaft nach der Hochzeit im Juli 2019 kein Problem sein.

Pünktlich einen Tag nach unserer wundervollen Hochzeitsfeier bekomme ich meine Regel: perfekt, der erste Zyklustag beginnt. Doch 4 Wochen später setzt die nächste Regel ein. Ich bin völlig aus der Bahn geworfen: „Wie konnte das sein? Das Timing war perfekt, ich habe keinen Alkohol getrunken, mich gesund ernährt, meine Tabletten genommen!“. Zum ersten mal in meinem Leben lief etwas außer Plan, auf das ich keinen Einfluss hatte (abgesehen von dem schlechten Wetter an unserer Hochzeit, das ich auch erst einmal verdauen musste).

Klar, rational gesehen ist diese Reaktion völlig unbegründet, so warten auch gesunde Paare bis zu einem Jahr auf eine Schwangerschaft, da die Wahrscheinlichkeit auf eine erfolgreiche Befruchtung nur 30% pro Zyklus beträgt. Jegliche Statistik schien jedoch nicht auf meinen Bekanntenkreis zuzutreffen: mindestens bei fünf Pärchen klappte es auf Anhieb, alle anderen brauchten maximal drei Versuche, kranke Kinder oder Fehlgeburten existierten nicht, wieso also sollte das bei uns anders sein?

Ich kontrolliere mich noch stärker: Kaffee ist nun verboten, sowie jeglicher Süßstoff und es wird auf regelmäßigen Sport geachtet. Vor allem aber zweifle ich sofort an meinem Mann, er hat trotz sportlicher Figur Diabetes Typ 1, Heuschnupfen, sowie einen erhöhten Blutdruck: Da würde es mich nicht wundern, wenn auch bei den Spermien etwas nicht stimmt. Wir besorgen uns einen Test aus dem Internet der das Spermiogramm analysiert. Das Ergebnis ist, dass es kein Ergebnis gibt. Der Test zeigt "Negativ" an: die Anzahl der Spermien scheint nicht zu genügen. Als Kontroll-Freak schicke ich ihn zum Urologen, der ein erneutes Spermiogramm machen lässt. Mit dem niederschmetternden Ergebnis "OAT III". Zu wenige, zu unbewegliche, zu wenig normalgeformte Spermien. Kein Wunder, dass es zweimal nicht geklappt hat, eine natürliche Schwangerschaft ist ja praktisch unmöglich. Nachdem ich einen Weinkrampf in der Küche habe, empfinde ich später fast ein bisschen Genugtuung, so wurde meine Angst und Besorgnis, dass irgendetwas nicht stimmt, bestätigt. Ich habe mal wieder Recht.

Nun geht die Kontrolle über auf meinen Mann: neben Zusatzpräparaten und Vitaminen gibt es mehr Sport, keine engen Unterhosen, kein Handy mehr in Gesäßnähe. Wir analysieren diverse Forschungsberichte, die uns auf Macapulver und Borretschöl-Kapseln bringen. Weiterhin setzt er eine Sorte Bluthochdrucktabletten ab, die den Ruf haben, sich negativ auf Spermien auszuwirken.

Ich melde uns in der Kinderwunschklinik an, besorge Fachliteratur zum Thema künstliche Befruchtung – die Gefühle wechseln binnen drei Monate von Wolke 7 nach der Hochzeit zu Wut, Verzweiflung und Hilflosigkeit. Die Hochzeit kommt mir ewig weit weg vor.

Wir wissen nicht, ob eine der Maßnahmen dazu beitrug oder aber die Tatsache, dass das zweite Spermiogramm professionell in der Kinderwunschklinik gemacht wurde: Es verbessert sich etwas und nun war das Hauptproblem die zu langsamen Spermien. Ein erster Hoffnungsschimmer.

Meine Motivation auf Zweisamkeit an den fruchtbaren Tagen ist bereits auf einen Nullpunkt gesunken. Noch genauer rechne ich den perfekten Moment aus, kann ihn auf 2 Tage eingrenzen. Wirkliche Hoffnung habe ich jedoch nicht. So schone ich mich auch nicht, trinke wieder Kaffee und Alkohol. Das Brustspannen kenne ich von den Tagen vor der Regel: das hatte nie etwas zu heißen bei mir. Doch dieses mal bleibt die Regel aus. Bestimmt kommt sie später und ich trage nun wieder das Leid der unregelmäßig, langen Zyklen mit mir.

An einem Wochenende sind wir auf dem ersten Geburtstag meines Patenkindes. Mich trifft der Schock, als ich die Wohnung betrete: mindestens zehn Kleinkinder krabbeln auf dem Boden, lustig schnackende Mütter versammeln sich um Spielzeug, die Väter stehen gelassen mit einer Flasche Bier auf dem Balkon. Ich schlucke erst mal, doch zum ersten mal keimt der Gedanke in mir auf, dass wir das vielleicht auch bald haben. Von meinen Tagen ist schließlich immer noch nichts zu sehen.

Einen Tag später bin ich krank: Ohrenschmerzen, Schnupfen, Abgeschlagenheit. Die Krankheitstage in den letzten Jahren kann ich an einer Hand abzählen. Ist das etwa ein Zeichen? Fährt mein Immunsystem runter, um ein befruchtetes Ei willkommen zu heißen? Der erste Schwangerschaftstest ist negativ. Ich durchforste sämtliche Forenbeiträge und Berichte und gebe die Hoffnung noch nicht ganz auf. Am nächsten Morgen ist der Test positiv. Ich kann es nicht glauben und wecke meinen Mann. Anstelle der großen Freude sind wir bedeckt: vielleicht zeigt der Test falsch an, vielleicht passiert noch etwas bis zur 12. Woche. Man kennt ja die Statistik…

Neben der Angst kommt jedoch auch pures Glück und Erleichterung dazu: Bleibt uns der Weg in die Kinderwunschklinik doch erspart? Sparen wir all die Zeit, Nerven und auch das Geld, weil wir wie jedes andere Paar ganz normal ein Kind bekommen?
Sollte alles klappen, würde es ein Juni-Kind: Wie sehr habe ich mir immer gewünscht im Sommer Geburtstag zu haben und nicht im Januar, wenn es kalt und dunkel ist. Vorsichtig schaue ich mich nach Wohnungen in unserer Heimatstadt um, um nahe bei den Eltern zu wohnen. Nach der Elternzeit könnte ich zur Arbeit pendeln, ich hätte ja Betreuung durch die Großeltern. Unsere Heimatstadt ist ländlicher, wir könnten ein kleines Häuschen bauen und dort als kleine Familie mit Hund leben…

Ich überlege lange, ob ich mit zur 3-tägigen Messe nach München fahre, das könnte ja schon stressig werden, wo ich doch eh bis Jahresende noch so viele Dienstreisen habe und erst in der siebten Woche bin. Ich fahre. Und kontrolliere im Stundentakt, ob auch ja meine Brüste noch spannen: das tun sie und je unangenehmer die Berührung ist, desto glücklicher bin ich. Übel ist mir aber nicht und Unterleibsziehen habe ich auch nicht, wobei das nichts zu heißen hat, da ja viele Frauen wenig Anzeichen haben, sage ich mir.

Am Abreisetag helfe ich den Stand abzubauen und trage einige Kisten. Hoffentlich ist das nicht schädlich? Im Auto auf der Rückfahrt spüre ich ein Pockern im Unterleib. Vielleicht dehnen sich nun endlich die Gebärmutterbänder denke ich. Leichte Angst ist dennoch da, auch als das Pockern nachts zu Hause noch bleibt.

Der nächste Morgen zeige das Unmögliche: hellrotes Blut. Ich weiß sofort, was das heißt. Wir fahren um sieben Uhr zum Frauenarzt. Er sagt, da kommt noch mehr Blut, aber mehr als abwarten können wir nicht. Die Fruchthöhle ist auch leer. Ich soll regelmäßig zum Bluttest kommen und werde eine Woche krankgeschrieben. Magnesium soll ich nehmen und still liegen. Ich bewege mich an diesem Tag minimal, zur Toilette und zurück. Appetit habe ich nicht. Als die Blutung stärker wird, fahren wir abends ins Krankenhaus. Die Ärzte nehmen sich viel Zeit, doch die Fruchthöhle scheint schon zusammengefallen zu sein, man sieht nichts mehr. Wir fahren nach Hause und ich bin fassungslos. Erst in den folgenden Tagen realisiere ich, was geschehen ist: mein Kind ist weg. Genau genommen hat es wahrscheinlich nicht mal ein Kind gegeben, nur in meinen Gedanken. Der Weg führt mich wieder zum Frauenarzt und in die Kinderwunschklinik. Ich will die Genetik und die Blutgerinnung überprüfen lassen, in der letzten Hoffnung ein Stück Kontrolle zurück zu gewinnen, in einer Situation, in der man so gut wie nichts unter Kontrolle hat.

Wahrscheinlich habe ich Glück und es geht alles von allein ab. Am Sonntag habe ich die kleine Fruchthöhle im Slip, ich zeige sie meinem Mann und zum ersten mal muss auch er weinen. Wir liegen uns in den Armen, aber ungeschehen macht es das Ganze auch nicht. Ich versuche Abschied zu nehmen, lege die Fruchthöhle in eine Schachtel, zünde eine Kerze an. Das ist gerade einmal vier Tage her, wo ich diese Zeile schreibe und trotzdem kommt es mir viel länger vor.

Anrufe habe ich bisher nicht beantwortet, ich will nur mit Ärzten sprechen: Sie und unser Hund sind die einzigen die zur mir durchdringen. Meine Freundin schreibt mir, sie ist im vierten Monat schwanger. Es muss schön sein, zu wissen, dass sich sein Kind weiterentwickelt und wächst und nicht einfach mittendrin aufhört. Die Angst kennt jede Frau, aber irgendjemand muss ja die 15% Statistik ausmachen. Und nun kenne ich auch jemanden persönlich mit diesem Schicksal: mich.

Ich schlafe und weine viel, einmal bin ich wütend, danach habe ich Hebammen angeschrieben. Auch nach einer Fehlgeburt hat man das Recht auf eine gewisse Zeit Betreuung durch eine Hebamme. Ich erhalte keine Antwort. Ist wahrscheinlich auch nicht verwunderlich, wo es bei mir ja eigentlich nichts mehr zu betreuen gibt und sich die Hebammen eh schon vor Arbeit mit all den schwangeren Frauen kaum retten können. Auch die Psychoberatung unserer Universitätsklinik kann mir nur den Satz mit auf den Weg geben, dass die Zeit es schon richten wird.

Vielleicht tut sie das, aber vergessen werde ich es nicht. Es wird immer mein erstes Kind bleiben, auch wenn das viele nicht so sehen. Die Erde dreht sich weiter, nur für mich nun anders als vorher. Bald muss ich wieder zur Arbeit, auf dem Krankenschein stand die Diagnose. Ich werde offen damit umgehen, eventuell ist es einfacher so. Ich bewundere Frauen, die schnell zu sich zurückfinden, selbst nach Totgeburten oder mehreren Fehlgeburten.

Ich hätte nicht gedacht, dass die Kinderwunschzeit die bisher schlimmste und unglücklichste Zeit meines Lebens ist: wieso hat man davon noch nie etwas gehört? Was mir nun bleibt ist die Angst, dass alles noch einmal zu durchleben, und die Frage, wieso man selbst betroffen ist. Wie lange wird sich der Weg hinziehen und gibt es überhaupt ein Happy End? Auch wenn meine Geschichte objektiv noch nicht lang ist, kommt sie mir unendlich lang vor. Unter Kontrolle haben werde ich auf jeden Fall nichts.

Aber laut Statistik haben ja viele Frauen auch nach Fehlgeburten noch gesunde Kinder… Laut Statistik aber einige auch nicht. Zu welcher Statistik werde ich beitragen?

Ich heiße Nelli, bin 28 Jahre alt und lebe mit meinem Mann und Hund in Göttingen. Ich arbeite als Sensorikforscherin in einem Marktforchungsinstitut und war bisher recht glücklich mit meinem Leben. Ich liebe backen und reisen, wir unternehmen und lachen viel mit Freunden. Mein Mann und ich sind seit der Schulzeit, 12 Jahre, ein Paar und nun auch verheiratet. Es fehlt nur noch ein Kind. Aber dass die Kinderwunschzeit alles andere als eine freudige Zeit ist, habe ich in meiner Geschichte beschrieben.