Sarah Elly, 35, Diplompädagogin

Ich erinnere mich an Max

Sarah Elly war in der 26. Woche, als sie Max nicht mehr spürte. Einen Tag später brachte sie ihn still zur Welt. Für ihren Sohn hat sie diesen Text geschrieben.

Zwei Monate nach der Geburt sind mein Freund und ich einer angeleiteten Selbsthilfegruppe beigetreten, die sich zwei Mal im Monat trifft. Dort hat jeder die Möglichkeit, nach dem sich die Gruppe nach einem halben Jahr besser kennengelernt hat, sein Kind „vorzustellen“ und es noch einmal in die Mitte zu holen. Mit Musik, mit einem Brief, einem Gedicht. Zu diesem Anlass habe ich folgenden Text geschrieben, mit meinen Erinnerungen an die Freude, die Schwangerschaft und den Verlust von unserem Sohn.

Ich erinnere mich an den Tag, an dem ich den positiven Schwangerschaftstest in den Händen hielt. Ich machte nach einer paar Stunden direkt noch einen, da ich es nicht glauben konnte, dass wir nun nach 8 Monaten erfolgreich waren. Ich war an dem Abend mit einer Freundin verabredet. Obwohl ich die Nachricht meinem Freund eigentlich zuerst und persönlich überbringen wollte, konnte ich nicht abwarten. Und als die Freundin mich fragte, ob es denn schon Neuigkeiten gibt, sprudelte es aus mir heraus und wir lagen uns weinend in den Armen. Vor Freude und vor Aufregung.

Ich erinnere mich an den Tag, an dem die Übelkeit immer doller wurde. Ich hatte noch eine Gruppe Kinder zu betreuen und als ich wieder zurück an meinen Schreibtisch kam, sagte ich zu meiner Kollegin, dass ich nach Hause muss. Sie wusste noch nichts von unserem Glück, denn ich war erst in Woche 8. Mir war sehr schlecht. Von dem Tag an blieb ich sechs Wochen zu Hause und bewegte mich zwischen Klo, Küche und Bett.

Regelmäßig ging ich zu meiner Frauenärztin, um andere Medikamente gegen die Übelkeit auszuprobieren, aber nichts half. Ich dachte immer, wenn es mir so schlecht geht, dann geht es unserem Baby um so besser. Und ich dachte immer Max wird ein Mädchen. Wegen der Übelkeit. „Es wird ein Mädchen, wenn dir so schlecht ist“, hatte ich oft gehört und mich drauf eingestellt. Im Nachhinein tut es mir sehr leid, dass ich mir insgeheim lieber ein Mädchen gewünscht hatte, und dass die Nachricht, dass wir einen kleinen Max bekommen, mich etwas enttäuscht hatte.

Ich erinnere mich an die Untersuchungen im Pränatalzentrum. Gefühlt waren wir jede Woche bei einer Untersuchung. Meine Frauenärztin wollte, dass wir eine zweite Meinung einholen, denn ungefähr in Woche 18 wurde festgestellt, dass er in seiner Entwicklung etwa 2 Wochen zurück lag. Gleichzeitig hieß es immer, es wäre alles in Ordnung und wir sollten uns keine Sorgen machen. Es gibt eben auch kleine Babys. Der Grund für seine Entwicklungsverzögerung konnte nie ermittelt werden und ich bin nach jeder Untersuchung mit noch mehr Ungewissheit und Sorge nach Hause gefahren.

Ich erinnere mich an den Tag, an dem Max nachts gegangen ist. Ich bin morgens aufgestanden und habe eigentlich schon früh gemerkt, dass irgendwas anders war. Ich wollte es aber nicht wahrhaben. Ich beruhigte mich, ging zur Arbeit und erst am Nachmittag, als ich mit einer Freundin im Café saß, sprach ich aus, was ich nicht wahrhaben wollte: „Ich merke ihn seit heute morgen nicht mehr“. Auch von meiner Freundin wurde ich beruhigt. Als ich am späten Nachmittag seine Bewegungen immer noch nicht merkte, telefonierte ich mit meiner Hebamme. Mein Freund und ich beschlossen danach, ins Krankenhaus zu gehen. Bis zum Schluss war ich der festen Überzeugung, dass es ihm gut geht.

Ich erinnere mich an den Tag der Geburt. Abends gegen 22 Uhr war Max nach 12 Stunden Wehen endlich da. Die Hebamme legte ihn mir auf meinen Oberkörper. Ich war noch voller Schmerzmittel, und im Nachhinein war dieser Moment zu kurz gewesen. Ich hätte ihn gerne länger bei mir gehabt. Unsere liebe Hebamme legte Max dann auf die Brust von meinem Freund. Auch meine Mutter war dabei und hielt ihn in ihren Händen. Die Hebamme brachte einen Schlafsack und eine Mütze und zog ihn an. Wir öffneten das Fenster. Es sollte der letzte Kälteeinbruch vor dem heißen Sommer sein. Plötzlich fing es an, zu schneien. Die Hebamme sagte, dass wir nun seine Seele gehen lassen. Ich stellte mir vor wie sie raus aus dem Fenster fliegt. Und nun sehe ich Max überall. Er ist in dem kleinen Spatz, der ein Stück auf meiner Radtour neben mir herfliegt, im Schnee, der fällt, und in dem Windrad in unserem Garten, das sich dreht. Und es dreht sich fast täglich.

Ich fahre sehr gerne und viel Fahrrad und das mit meinem tollen Tourenrad "Karl". Oft geht es auch auf kleine Tour in ein Café um die Ecke, wo ich mich mit Freundinnen treffe. Ich bin Fan von Udo Lindenberg, besonders von seinen älteren Liedern. Zeit mit meinem Freund zu verbringen, fremde Orte gemeinsam zu erkunden oder Spielenachmittage zu veranstalten, sind mir die schönsten Dinge. Der Verlust hat uns beide noch enger verbunden und wir wünschen uns, dass Max bald ein Geschwisterchen bekommt.