Sarah, 27, Sozialarbeiterin

Bericht über das verlorene Baby

Sarah hatte zum Glück eine sehr empathische Frauenärztin, als ihre Fehlgeburt festgestellt wurde. Sie entschied sich für eine Kleine Geburt zuhause und ist trotz der körperlichen Anstrengungen sehr froh über diesen Moment mit ihrem Kind.

Eigentlich lief alles so gut. Im Oktober letzten Jahres heirateten wir überglücklich und ganz entspannt gingen wir die Kinderplanung an – prompt hielt ich den positiven Schwangerschaftstest in den Händen!

Ab und zu hatte ich Blutungen, aber meine Frauenärztin versicherte mir, dass alles in Ordnung sei. Das Herz schlug überraschend zeitig und ich wusste gar nicht wohin mit meinen überwältigten Emotionen! Blutungen können ja so viele Gründe haben, sagt man. Das mag stimmen, nur war es bei mir eben nicht so. Den nächsten Ultraschalltermin konnte ich gar nicht erwarten und ich hoffte, dass alles gut werden würde.

Gebannt schaue ich zwischen dem Bildschirm und dem Gesicht der Ärztin hin und her. Ich habe zu wenig Erfahrung und finde den Herzschlag eh nicht. Sie schweigt viel zu lang, sucht und zoomt, misst und überlegt. Allmählich beginne ich, die schlechte Nachricht zu ahnen. Schließlich murmelt sie, dass sie tatsächlich keinen Herzschlag mehr finden kann

Ich starre auf den Bildschirm, auf das kleine Baby, wo man doch schon Ärmchen erkennen kann. Ich starre und kann nichts sagen, nicht weinen, ich denke auch nichts in diesem Moment. Das kann nicht sein! Noch einmal schaut sie, dann bittet sie mich vom Stuhl herunter. Sie hat Tränen in den Augen und drückt mich. So mitfühlend ist sie und will es scheinbar auch nicht realisieren – so wie ich. Wie ferngesteuert ziehe ich mich an und setze mich auf einen Stuhl. Die Ärztin erklärt kurz, dass sich das Baby manchmal nicht richtig einnistet und nicht ordentlich ernährt wird, oder dass Chromosomen falsch geteilt werden und es dann nicht überleben könnte. Meine Ärztin fragt mich, welches Krankenhaus ich für die Ausschabung möchte. Gerade so kann ich die Kraft aufbringen und entscheiden, dass ich keine Ausschabung möchte. Ich möchte eine natürliche Kleine Geburt. Sie berührt mich nochmal ermutigend an der Schulter und ich wanke hinaus.

Alle Freude scheint in diesem Moment aus mir zu weichen. Im Hausflur lehne ich meinen Kopf an die kühle Wand und lasse den Tränen freien Lauf. Das kann nicht wahr sein. Das Baby muss leben! Wie konnte das passieren? Wieso mein Baby, was habe ich falsch gemacht? …

Ich möchte die Sekunden zurückdrehen und nichts von alledem erleben. Zu schwer scheint mir die Last. Tränenüberströmt setze ich mich zu meinem Mann ins Auto. Zum Glück ist er da!

Es folgten sehr herausfordernde und intensive Tage mit einem nahezu unerträglichen Auf und Ab der Gefühle und Gedanken. Wir erzählten es unseren Familien, die alle sehr anteilnahmen. Wir glaubten so sehr an ein Wunder, dass das Herzlein wieder zu schlagen beginnen würde, und beteten mit viel Unterstützung von anderen. Leider trat das erhoffte Wunder nicht ein. Eine Woche später, in der 11. SSW, begann die Kleine Geburt.

Mein Wecker klingelt: Zeit, auf Arbeit zu gehen! Als ich ins Bad die Treppe hinunter gehe, ist mir schnell klar, dass ich in diesem Zustand und mit dem Kreislauf keinesfalls allein Zug fahren und arbeiten gehen kann. Zurück im Bett schreibe ich meiner Arbeitskollegin und sage ab. Mein Bauch krampft so sehr, dass ich mich wundere, wie ich schlafen konnte. Ich drehe mich hin und her, sicher, dass ich nicht noch einmal einschlafen werde. Es gelingt mir dann aber doch.

Zwei Stunden später wache ich erneut auf. Das Aufstehen fällt mir schwer, ich muss mich stützen. Auf dem Klo erschrecke ich dann: Das Blut läuft in Strömen aus mir heraus, darunter auch ein großer Klumpen. Es will gar nicht aufhören und ich sacke innerlich zusammen. Das ist es jetzt wohl: Die Kleine Geburt geht los. Ich gehe in die Küche, um mir einen Pfefferminztee zu machen. Vielleicht hilft er meinem Bauch, alles herauszupressen. Gerade, als der Wasserkocher angeschaltet ist, spüre ich, wie mein Kreislauf zusammenklappt.

Es wird dunkel um mich herum, mir wird übel und ich habe gerade noch Zeit, mich auf den Boden zu legen. Dort liege ich wohl eine Weile, bis ich langsam wieder richtig zu Bewusstsein komme.

Mehr und mehr spüre ich die Schweißperlen auf meiner Haut und die kühle Luft, die zum Fenster hereinkommt. Sie tut unendlich gut! Ich denke daran, dass mir Cola für diesen Moment empfohlen wurde. Aber die ist am anderen Ende des Zimmers und ich mag Cola ja eigentlich eh nicht. Ich bleibe noch ein wenig liegen und genieße den kühlen Luftzug. Dann stehe ich langsam auf und stütze mich an die Wand. Ich rufe meinen Mann einige Male sehr schwach. Als er kommt, nimmt er mich in den Arm und spürt, dass ich schwitze. Er begleitet mich zum Sofa und holt ein Nudelsieb: Damit wollen wir versuchen, das Baby aufzufangen. Ich gehe gleich noch einmal aufs Klo und wieder strömt es in erschreckenden Mengen aus mir heraus. In diesem Moment wird das Baby geboren, was wir aber erst später entdecken werden.

Nach einer ausgiebigen Erholungsphase auf dem Sofa geht es mir schon wieder wesentlich besser. Der Kreislauf stabilisiert sich, die Blutungen werden seltener und weniger stark. Nach einer Stunde etwa ist das Schlimmste überstanden. Wir frühstücken und ich habe mit einem Mal richtig Hunger. Anschließend finden wir das Baby und sind so dankbar, dass es recht eindeutig zu erkennen ist: Der Kopf, die Arme, und sind da vielleicht sogar die Augen? Es ist ein bewegender Moment und ich spüre tiefen Frieden in mir. Das kleine Wesen hat zwei Wochen lang ein klopfendes Herz gehabt. Es liegt hier vor seinen Eltern, die es unbeschreiblich lieben. So gern wir es kennengelernt hätten, so tröstlich ist es doch zu wissen, dass das hier nur die Hülle ist, dass das Baby selbst inzwischen in Gottes Armen liegt. Mein Mann baut einen kleinen Sarg aus einer Holztruhe, in die wir das Baby legen. Morgen wollen wir es beerdigen.

Die anschließende Nacht ist schrecklich. Während tagsüber mein Körper unter Höchstleistung gearbeitet hat und kein Platz für Gefühle war, beginnt abends im Bett mein Herz langsam zu realisieren, was heute eigentlich passiert ist. Zunächst liege ich geschockt da, starre ins Leere und kann mich mit dem Erlebten nicht identifizieren. Es kommt mir unwirklich und zu schrecklich vor. Dann wallt ein unerträgliches Gefühl auf. Es zerreißt mir das Herz, ich will schreien und wegrennen, mich in Luft auflösen und mein Leben mit dem meines Babys tauschen. Fast erlösend ist es, als dann die Tränen strömen. Unendliche Traurigkeit umhüllt mich und lässt mich noch lange diesen Tag beweinen.

Heute beerdigen wir das Baby. Es ist ein nicht in Worte zu fassendes Gefühl, an einem so winzigen Grab zu stehen und ein Kind zu begraben, das man nicht kennengelernt hat. Wie hätte es ausgesehen, was hat es von mir vererbt bekommen? Es hatte ja bereits eine Augenfarbe! Dennoch stehen mein Mann und ich nicht verzweifelt hier.

In dem Brief, den ich meinem Baby geschrieben habe, nenne ich es meinen kleinen Held. Es hat nur kurz gelebt – Aber in seinen 45 Tagen Leben hat es eine so bewegende Geschichte geschrieben! Es hat so viele Menschen ganz nahe zu Gott gezogen, darauf hingewiesen, worum es wirklich geht und es war unendlich geliebt, von so vielen Menschen. Und damit ist es mir zum Vorbild geworden.

Nun ist es nicht mehr hier, es geht ihm richtig gut bei unserem Vater. Von Ihm bekommt es einen Namen und dort wird es auf uns warten. Im Himmel werden wir unser Kind kennenlernen – Was für eine Aussicht! Auch, wenn wir es nicht immer verstehen, warum Gott kein Wunder geschenkt hat: Gott ist treu.

Jetzt, ein halbes Jahr später, bin ich wieder schwanger. Die erste Zeit war sehr herausfordernd, aber nun bin ich ruhiger und kann das heranwachsende Leben in mir genießen und mich so richtig darauf freuen!

Die meisten Passagen entstammen meinem Blog, der während dieser Zeit entstanden ist. Schaut gern mal vorbei unter www.wunder-volles-leben.de

Ich bin 27 Jahre alt, frisch verheiratet und schreibe gern. Ich habe ein ganz normales Leben. Wenn man aber genau hinsieht, ist es voller Wunder.