Sophia, 29, Produktmanagerin

Die größten Geheimnisse behält das Leben für sich

Nach ihrer Fehlgeburt in der zehnten Woche hört Sophia oft, dass jede dritte Schwangerschaft so frühzeitig endet. Die Trauer nimmt ein solcher Satz jedoch in keinster Weise.

3 Tage ist es jetzt her. Der Frauenarzt bewegt nervös den Ultraschallkopf auf meinem Bauch herum. Er sagt nichts. Ich weiß sofort, was los ist. Ich starre auf den Bildschirm. Seit der letzten Kontrolluntersuchung ist mein Baby schon ziemlich gewachsen, finde ich. Noch vor drei Wochen sah es eher aus wie ein kleiner Kreis. Mit einem pulsierenden kleinen Pünktchen drin, dem Herzschlag. Mir wurde ein Mutterpass ausgestellt. HA+ wurde dort notiert. Herzaktion positiv. Heute sieht es eher aus wie ein kleines Gummibärchen. Nur eben ohne diesen pulsierenden Punkt. Ohne Herzschlag. HA-. Herzaktion negativ.

Er würde noch einen Vaginalultraschall machen, vielleicht sähe er ja da was, sagt mein Frauenarzt. Nicht nötig, denke ich mir. Ich hatte es gespürt. Ich hatte gespürt, dass mein Baby nicht mehr lebt, als hätte jemand die Verbindung zwischen uns beiden einfach getrennt. Schon vor einigen Tagen war ich nachts schweißgebadet aufgewacht und merkte, dass irgendwas anders war. Dieses Gefühl in meinem Bauch, das Gefühl, wenn ich die Hand auf meinen Bauch legte, es war einfach weg. Die Brüste spannten plötzlich nicht mehr so sehr, die Müdigkeit war wie weggeblasen, keine Kurzatmigkeit mehr, kein flaues Gefühl im Magen, keine Gelüste nach Toastbrot mit Marmelade, Mango-Lassi oder Johannisbeer-Schorle. Tage hatte ich damit verbracht, nach „nachlassende Symptome 10. SSW“ und ähnlich triggernden Schlagworten zu googeln, um mich irgendwie zu beruhigen. Man solle sich nicht verrückt machen, heißt es. Das könne schon mal sein, aber mit dem Baby wäre sicher alles in Ordnung. Warum auch nicht? Ja, warum nicht, das fragte ich mich auch und das frage ich mich auch heute noch. Aber ich spürte, dass etwas nicht stimmte. Dass eben nicht alles in Ordnung war.

Der Vaginalultraschall bestätigt, was ich schon längst weiß. Das Baby lebt nicht mehr. Schon seit über einer Woche liegt es tot in meinem Bauch und außer meinem Gefühl war da nichts gewesen, das darauf hindeutete. Keine Blutungen, keine Krämpfe, nichts. Mein Baby hat mich einfach so still wieder verlassen, wie es gekommen war. Gerade einmal acht Wochen hat es mich begleitet und dennoch schien es mir schon so nah. Was wir denn jetzt machen, fragt mich mein Frauenarzt, wir könnten das jetzt nicht so lassen. Es müsse eine Ausschabung gemacht werden (Später werden sie im Krankenhaus sagen, dass sie das „Schwangerschaftsmaterial“ absaugen. Abortabrasio. Ich hasse diese nüchternen und kalt klingenden Fachbegriffe.). Ich müsse mir ein Krankenhaus aussuchen und dort einen Termin vereinbaren. Ein Notfall sei das aber nicht, also würde da übers Wochenende nichts passieren.

Ich verlasse die Praxis wie in Trance. Eine Stunde muss ich mit der Bahn heimfahren. Eine Stunde lang so tun, als wäre alles in Ordnung, Fassung bewahren, obwohl in mir drin gerade ein Sturm von unfassbarem Ausmaß wütet. Als ich zuhause ankomme, breche ich zusammen und fange so bitterlich an zu weinen, wie ich mich nicht erinnern kann, das schon einmal getan zu haben.

Es war genau das eingetroffen, wovor ich mich von Anfang an gefürchtet hatte. Ab dem Moment, als ich den positiven Schwangerschaftstest in der Hand hielt, hatte ich mir Sorgen gemacht, dass ich es nicht über die ersten 12 Wochen schaffen könnte. Ich achtete penibelst auf alles, was ich aß, ging jeden Tag eine Runde spazieren und ließ mich sogar krank schreiben, um den Stress auf der Arbeit zu vermeiden und so meinem Baby nicht zu schaden. Hat alles nichts gebracht. Das Baby ist trotzdem gegangen. Es hat nicht sollen sein.

Die Ausschabung fand heute statt. Mein Bauch ist leer, mein Herz auch. Mein Gummibärchen ist nun im Himmel, da bin ich sicher. Als ich die Ärztin bei der Entlassung frage, was denn nun mit meinem Baby passiere (der Gedanke, es würde achtlos in den Müll geschmissen werden, zerreißt mich innerlich), schaut sie mich zunächst ungläubig an. Irgendwie kommt mir das jetzt so vor, als wäre es vollkommen absurd wegen meines Babys zu trauern. Als würde ich mich jetzt gerade darüber beschweren, dass ich mir einen Schnupfen eingefangen habe. Immerhin, ein Sammelgrab gibt es für die Sternenkinder. Nächste Trauerfeier im November. Wow. Da wäre ich im fünften Monat gewesen… „Sie müssen bedenken, dass jede 3. Schwangerschaft so endet“, sagt sie noch. Ich weiß nicht, wie oft ich diesen Satz in den letzten Tagen gehört habe. Geholfen hat er mir nicht. Wie soll einem diese Aussage den Schmerz nehmen? Ah okay, na wenn das so ist, ist es nicht so schlimm, dass mein Baby gestorben ist!?

Ich weiß, dass der Schmerz irgendwann nachlassen wird. Dass ich irgendwann nicht mehr jedes Mal anfangen werde zu weinen, wenn ich an mein Gummibärchen denke oder mir die Ultraschallbilder ansehe. Dass ich lernen werde, damit umzugehen. Lernen werde, zu akzeptieren, dass nicht alles in meiner Macht liegt, dass das Leben eben nun einmal nicht fair ist. Dass ich über bestimmte Dinge keine Kontrolle habe, auch wenn ich die doch so gerne hätte…

Was bleibt, ist die Angst. Angst, nicht mehr schwanger zu werden. Angst, schwanger zu werden und mich Tag für Tag um das Baby zu sorgen. Angst, dass ich Schuld bin, das irgendetwas bei mir nicht stimmt und das Baby deshalb gestorben ist. Angst, dass mein Körper eine Schwangerschaft gar nicht gesund austragen kann. Angst, so etwas noch einmal erleben zu müssen.

Am 03.03.2020 wäre der Entbindungstermin gewesen. Ein schönes Datum, wie ich finde. Ich hätte mein Baby gerne kennen gelernt.