Vanessa, 28, Lehrerin

Wenn sich alles leer anfühlt

Vanessa nahm der Verlust ihres Babys sehr mit. Auch in der Klinik stößt sie auf wenig Empathie. Dabei wünscht sie sich nur ihre Schwangerschaft zurück.

So fühlt er sich also an: der Moment, vor dem ich mich seit Beginn meiner Schwangerschaft so gefürchtet habe. Es passiert in der 10. Schwangerschaftswoche. „Ich sehe leider keinen Herzschlag mehr“, höre ich meine Frauenärztin sagen. Ich hab es schon Sekunden zuvor auf dem Ultraschallmonitor gesehen. Alles war still. Keine Bewegungen, kein eifriges Herzklopfen. Noch nicht mal mehr die kleine Gummibärchenform, die ich noch eine Woche zuvor bei der ersten großen Vorsorgeuntersuchung sehen konnte.

Ich höre mich selbst ein „Oh Gott“ murmeln, bevor ich mich wie in Trance anziehe und in das Sprechzimmer zurückkehre. Es ist noch nicht zu mir durchgerungen. Es kommen keine Tränen, als meine Frauenärztin von einer nun anstehenden Ausschabung im Krankenhaus spricht. Bisher nur Leere. Und noch mehr Leere.

Erst als mein Mann und ich die Praxis verlassen, bricht es alles zusammen. Bricht meine ganze Welt zusammen. Die Tränen rollen, ich kann kaum atmen. Kaum denken. Kaum gehen. Viel zu schwer, viel zu elementar unser Verlust.

Der Weg in die Notaufnahme, das dortige Warten, die zweite Ultraschalluntersuchung, nach der mir eine resolute und nüchterne Ärztin erklärt, auch sie sehe keinen Herzschlag mehr, erlebe ich wie durch einen dicken Schleier. Die Natur siebe eben sehr früh aus, wird mir gesagt. Und: was für mich jetzt natürlich eine sehr traurige Angelegenheit wäre, wäre im Allgemeinen aber ganz normaler Alltag.

Eine Ausschabung wäre kein Notfall, wird mir außerdem gesagt. Morgen soll ich wiederkommen. Nüchtern bitte. Dann könne geschaut werden, ob ich vielleicht zwischengeschoben werden könne. Tränenersticktes Nicken. Ob ich noch Fragen hätte. „Warum?“, denke ich. „Warum wir? Warum mein Baby?“

Zurück in unserer Wohnung kann ich kaum atmen. Erinnerungen in jedem Raum. Dort im Badezimmer habe ich den positiven Test in den Händen gehalten. Und auf dem Sofa? Da lag ich mit meinem Eimerchen neben mir, weil ich zeitweise vor Übelkeit nichts bei mir behalten konnte. In der Küche liegt ein Berg von Obst, der Kühlschrank voll mit gesunden Lebensmitteln und pasteurisierten Milchprodukten. Ich habe mich selbst noch nie so weinen gehört wie in dieser Nacht. Ich kann nicht glauben, dass mein Krümmelchen gegangen ist. Einfach so.

Fünf Stunden verbringen mein Mann und ich am nächsten Tag in der gynäkologischen Ambulanz, bevor mir gesagt wird, dass es nun bald losgehe. Im Wartebereich werden mir zwei Tabletten und eine Binde in die Hand gedrückt. „Bitte mit so wenig Wasser wie möglich einnehmen. Ab jetzt können dann auch die Blutungen losgehen“, erklärt mir eine Krankenschwester teilnahmslos. Dass dies der Moment ist, der mir eindeutig und unwiderruflich klar macht, dass ich nun mein Baby verliere, scheint hier niemanden zu interessieren.

Für die OP-Vorbereitung werde ich auf die Säuglingsstation gebracht. Dort verbringen wir viel Zeit mit Warten. Niemand sagt uns, wann es losgehen soll. Niemand fragt, ob ich irgendetwas brauchen würde. Die Hipp-Babyuhr im Zimmer tickt. Irgendwann hängen wir sie ab. Irgendwann wird mir ein Zugang gelegt. Mein Kreislauf macht schlapp. Irgendwann kommen auch die Schmerzen, die die Tabletten verursachen. Und die Blutungen. Irgendwann kommt ein Arzt, gut gelaunt, viel beschäftigt. Heute würde es nichts mehr werden mit der OP, erklärt er mir. Aber nach Hause, nach Hause könne ich jetzt auch nicht mehr. Schließlich hätte ich ja schon die Tabletten genommen.

Ich verbringe eine scheußliche Nacht im Krankenhaus. Trauer und Wut vermischen sich und lassen letztendlich doch nichts als Leere zurück. Am nächsten Tag werde ich gegen 10:00 Uhr operiert. „Geht endlich los!“, ruft mir eine Krankenschwester euphorisch über den Flur hinweg zu, als ich in den Operationssaal geschoben werde. Ja, denke ich. Geht endlich los. Ich reagiere nicht.

All das ist jetzt vier Tage her. Wir haben unser kleines Krümmelchen verabschiedet. An einem Platz am Meer in unserer Heimat. Haben eine Kerze angezündet. Mit einem kleinen Briefchen, auf dem mein Mann das erste Mal mit dem Wort „Papa“ unterschrieben hat. Komisch war es, dieses Wort in seiner Handschrift zu lesen. Und schön. Und traurig. Vor allem traurig.
Und jetzt? Jetzt fühle ich mich leer. Und unvollständig. Ich wünsche mir meine Schwangerschaft zurück. Meine vorsichtige Vorfreude. Meine Vorstellung meiner kleinen Familie. Ich wünsche mir mein Krümmelchen zurück. So unsagbar gerne hätte ich es in meinen Armen gehalten. So unsagbar gerne wäre ich seine Mama gewesen. Und irgendwie war ich das ja auch, sage ich mir. Und bleibe es. Für immer.

Ich bin Vanessa, 28 Jahre alt und Lehrerin. Ich liebe die Natur, insbesondere das Meer und meinen Mann, der immer zu mir hält, über alles. Außerdem bin ich gerne draußen, koche gern und verbringe gern Zeit mit meiner lieben Familie.