Vanessa, 28, Lehrerin

Wenn sich alles leer anfühlt

Vanessa nahm der Verlust ihres Babys sehr mit. Auch in der Klinik stößt sie auf wenig Empathie. Dabei wünscht sie sich nur ihre Schwangerschaft zurück.

Ich hatte sechs Monate lang Zeit, mir vorzustellen, wie es wäre, einen positiven Schwangerschaftstest in den Händen zu halten. War es zu Beginn noch eine recht abstrakte Vorstellung, so wurde sie zum Ende, als ich schon ein wenig ungeduldig wurde, immer und immer facettenreicher und konkreter. Und obwohl ich mir diesen Moment so unglaublich genau vorgestellt –und vor allem so sehnlich gewünscht habe, bin ich im ersten Moment einfach nur ungläubig. Gefühlt starre ich 100 Mal den Test an, schaue wieder weg, starre wieder hin. Kann es nicht glauben. Aber da steht es, in kleinen, aber eben doch riesengroßen, überschwänglichen Buchstaben - „schwanger“. Noch ein letzter Blick, bevor ich ins Wohnzimmer tapse und meinen Mann, der gerade auf dem Sofa schläft, mit den Worten „ich bin schwanger“ aufwecke.

So recht können wir es beide nicht glauben. Wir gehen eine Runde im Park spazieren, unser ganzes Leben fühlt sich plötzlich unheimlich groß an. Ganz zarte Vorstellungen, kleine Träume und die erste recht konkrete Suche nach einem Kinderwagen erleben wir an diesem Tag. Es ist ein Freitag. Abends bekommen wir Besuch von Freunden, die über das Wochenende bleiben. Wir behalten alles für uns, ich bin stolz darauf, ein so wertvolles und großes Geheimnis mit meinem Mann teilen zu dürfen.
Am darauffolgenden Montag habe ich einen regulären Krebsvorsorgetermin bei meiner Frauenärztin. Ich gehe komischerweise mit einem mulmigen Gefühl in die Praxis, habe plötzlich Angst, nicht schwanger zu sein. Woher diese Angst kommt, weiß ich selbst nicht. Ich habe keine Blutungen, meine Brüste spannen, alles steht irgendwie auf schwanger… und gleichzeitig: "Kopf".
Auf dem Ultraschallmonitor ist eine winzig kleine Fruchthöhle zu erkennen. „Ganz sicher schwanger“, sagt meine Frauenärztin. Sie fragt mich, ob ich trotzdem in vier Tagen wiederkommen wollen würde. Ich nicke euphorisch. Auf dem Heimweg schwebe ich die Straßen entlang. Ich bin schwanger. Nun wirklich ganz offiziell.

Zum nächsten Termin, der vier Tage später stattfindet, begleitet mich mein Mann. Wir sind aufgeregt. Die Fruchthöhle hat sich zeitgerecht vergrößert, meine Blutwerte für den Mutterpass sind vollständig. Diesen bekomme ich direkt ausgehändigt. Ungläubig halten mein Mann und ich ihn in den Händen. „Da ist wirklich ein Baby unterwegs“, denke ich unentwegt. Ich bin stolz. Stolz auf mich und meinen Mutterpass.

In den nächsten Tagen warte ich wie verrückt auf weitere Schwangerschaftsanzeichen. Ich weiß selbst nicht warum, aber ich fühle mich unsicher.

Ich habe ständig Sorge um meine Schwangerschaft. Angst davor, dass es nicht stimmen könnte. Aber außer schmerzenden Brüsten tut sich nicht viel. Bis ich eines Morgens aufwache und ins Badezimmer stürme. Endlich! Mir ist übel. Rückblickend war dieser Tag, dieser Tag, an dem mir das erste Mal so unglaublich übel war und ich mich unentwegt übergeben musste, wunderschön. Mein Mann und ich wollten eigentlich einen Ausflug machen. Stattdessen vergruben wir uns auf dem Sofa, schauten Serien und gingen ein bisschen in der Nachbarschaft spazieren. Ich fühlte mich so richtig schwanger. War stolz auf meine Übelkeit. Trug meine Schlabbersachen und meinen Zotteldutt mit allergrößtem Schwangerschaftsstolz.

In den folgenden Wochen verbringe ich aufgrund meiner starken Übelkeit immer wieder Zeit bei meiner Frauenärztin. Sehe zum ersten Mal ein winziges Herzchen schlagen, kann es nicht glauben. Glaube es doch, verstaue die Ultraschallbilder vorsichtig wie meinen wertvollsten Schatz im Mutterpass. Mein Mann ist beruflich in Norwegen. Am Flughafen kauft er einen kleinen Greifring, obwohl wir damit eigentlich warten wollten, bis die ersten zwölf Wochen überstanden sind. Er schickt mir ein Foto davon, bevor er ins Flugzeug steigt. Irgendwie ist es zu schön, um wahr zu sein. Ich bin unglaublich dankbar. Für alles.

Gleichzeitig begleitet mich ständig die unsagbare Angst, dass etwas nicht stimmen könnte. Morgens beim Aufstehen überprüfe ich als Erstes, ob meine Brüste noch spannen. Sobald mich einen Tag die Übelkeit verlässt, rutscht mein Herz in die Hose.

In der neunten Woche steht die erste große Vorsorgeuntersuchung an. Einige Tage zuvor verlassen mich jegliche Schwangerschaftssymptome. Ich weine viel, bin mir sicher, dass mein Baby mich verlassen hat. Zum Termin gehe ich allein, mein Mann ist auf der Arbeit. Auf dem Ultraschallmonitor sehe ich einen kleinen Minimenschen, mit winzigen Händen und Füßen und einem kräftig pochenden Herzen. Ich kann nicht wegschauen, kann nicht glauben, mein kleines winziges Baby sehen zu dürfen. Als glücklichster Mensch der Welt marschiere ich zurück in unsere Wohnung und rufe unterwegs meinen Mann an. Verschicke das Ultraschallbild an meine Mama und meinen Papa. „Da ist ja schon alles dran“, schreibt mein Papa mit einem großen Herz dahinter. Wir alle sind euphorisch. Zurück in der Wohnung spaziere ich umher, stelle mir vorsichtig vor, wie ein kleiner Hochstuhl am Küchentisch aussehen würde. Denke über eine Wandfarbe im zukünftigen Kinderzimmer nach. Lasse all die Gedanken zu, die ich zuvor aus Angst vor eine Enttäuschung nicht zulassen konnte. Ich stelle mir meinen Mann vor, wie er unser Baby im Arm hält. Ich stelle mir vor, wie wir gemeinsam mit ersten Sonnenstrahlen im Gesicht morgens im Bett liegen und mit unserem Baby kuscheln. Unserem Kind.

In der zehnten Woche bemerke ich auf der Arbeit leichte Unterleibsschmerzen. Zudem bin ich unglaublich schlapp. Die Mutterbänder, sage ich mir. Trotzdem habe ich irgendwie mal wieder ein ungutes Gefühl, rufe bei meiner Frauenärztin an, deren Sprechstundenhilfe mich auch auf die Mutterbänder verweist. Ich beruhige mich ein wenig. Telefoniere mit meiner Mama, erzähle ihr, dass ich kein großes Ersttrimesterscreening machen möchte. Erzähle davon, dass ich im Gefühl habe, mein Bauch sei ein klitzekleines bisschen gewachsen. Zehnte Woche, sage ich mir unentwegt. Zehnte Woche und es ist noch nichts passiert. Alles wird gut. Alles wird gut. Sage ich mir.

Nachts träume ich plötzlich von einer starken Blutung. Schweißgebadet wache ich auf, flitze ins Badezimmer und sehe kein Blut. Ich bin erleichtert und spüre trotzdem einen schweren Stein im Herzen. Etwas hat sich verändert. In den nächsten Tagen wird der Stein größer und schwerer.

Ich beobachte meinen Körper haargenau, spüre, dass meine Brüste plötzlich wieder weich sind. Spüre ein leichtes Ziehen im Unterleib. Öfters sage ich zu meinem Mann, dass ich mich nicht mehr schwanger fühle. Er nimmt mich ernst, sagt zeitgleich lächelnd, dass ich aber schwanger wäre. So schleppe ich mich mit wachsendem Stein im Herzen von Tag zu Tag. Schließlich halte ich es nicht mehr aus und schneie kurzfristig bei meiner Frauenärztin vorbei. Es ist mir irgendwie fast schon peinlich. Mein Mann kommt direkt von der Arbeit, zusammen sitzen wir im Wartezimmer. Ich kann mich heute noch an alles erinnern, worüber wir in den Minuten vor der Untersuchung gesprochen haben.

Ich sehe es sofort. Schaue auf den Monitor und weiß es. Kein Herzschlag. Kein Herzschlag. Kein Herzschlag. Schreit es in mir.

Im Untersuchungszimmer bricht schließlich meine Welt zusammen. Ich sehe es sofort. Schaue auf den Monitor und weiß es. Kein Herzschlag. Kein Herzschlag. Kein Herzschlag. Schreit es in mir. Warum auch immer liege ich ruhig auf dem Stuhl, breche noch nicht mal in Tränen aus, als meine Frauenärztin sagt, sie sehe leider keinen Herzschlag mehr. Wie in Trance ziehe ich mich an. Nichts dringt zu mir durch. In meinen Ohren pfeift es. Mein Baby ist gestorben. Ich habe es nicht gemerkt. Meine Frauenärztin spricht von einer nun anstehenden Ausschabung, ich nicke. Es kommen keine Tränen. Erst als mein Mann und ich die Praxis verlassen, reißt es mir den Boden unter den Füßen weg.

Alles zerbricht. Ich zerbreche. Wir zerbrechen. So fühlt es sich an. Als würden wir zerbrechen.

Auf Anraten meiner Ärztin fahren wir direkt in die Notaufnahme, in der mir eine resolute und teilnahmslose Ärztin erklärt, auch sie sehe keinen Herzschlag mehr. Da eine Ausschabung kein Notfall sei, solle ich morgen wiederkommen. Vielleicht könnte ich zwischengeschoben werden.

Zurück in unserer Wohnung kann ich kaum atmen. Die Erinnerungen an meine Schwangerschaft schreien mir förmlich aus jedem Raum entgegen. Auf meinem Nachttisch steht ein Fläschchen Vomex gegen die Übelkeit, in der Küche türmen sich Berge von Obst, die Folsäuretabletten liegen griffbereit neben einer Wasserflasche. Im Badezimmer hielt ich den positiven Test in meinen Händen, im Kalender ist feinsäuberlich der nächste Vorsorgetermin eingetragen.

Ich habe mich noch nie so weinen gehört wie in dieser Nacht.

Es folgen zwei schreckliche Tage im Krankenhaus mit vielen Fehlinformationen, unemphatischen Krankenschwestern, zu gut gelaunten Ärzten, zu langen Wartezeiten, aber vor allem Leere. Die Ausschabung war im Endeffekt nicht schlimm.

Schlimm war das Gefühl, aufzuwachen und nicht mehr schwanger zu sein. Einfach so. Für die eigene Trauerverarbeitung definitiv nicht der richtige Weg. Zumindest nicht für mich.

Ein paar Stunden nach dem Eingriff fahren mein Mann und ich ans Meer in unsere Heimat. Dort am Meer verabschieden wir unser kleines Krümelchen. Zünden eine Kerze an und einen Brief, auf dem mein Mann das erste Mal mit dem Wort „Papa“ unterschrieben hat. Schön war es, dieses Wort in seiner Handschrift zu lesen. Und traurig. Vor allem traurig. Wir übernachten in einem Hotel, weil wir nicht zu Hause sein können. Alles fühlt sich fremd an. Mein Körper. Unser Leben. Zwei Tage bleiben wir in unserer Heimat, ohne jemanden zu sehen. Wir weinen. Wir schreien. Wir weinen. Wir gehen spazieren. Schreien. Weinen.

Es folgt wohl die schwerste Zeit in unserem Leben. Eine Zeit, in der wir bedingungslos füreinander da sind und zusammen stehen. Eine Zeit, die uns gezeigt hat, wie viel wir als Paar schaffen können. In kleinen Schritten bewegen wir uns vorwärts. Gehen zehn Schritte zurück und einen vor.

Mein Mann verarbeitet die Fehlgeburt anders als ich. Eine Tatsache, an die ich mich erst gewöhnen und die ich erst akzeptieren muss. Trotzdem entfernen wir uns kein bisschen voneinander.

Wir sind so nah zusammen. Jetzt, drei Monate später, weiß ich manchmal gar nicht, was geholfen hat. Ob etwas geholfen hat. Ich weiß, dass es mir besser geht. Irgendwie. Ich weiß, dass es mir trotzdem oft noch schlecht geht. Und ich vor allem abends, wenn ich im Bett liege, bitterlich weinen muss. Weinen um unser kleines Krümelchen. Um unsere kleine Familie. Weinen auch um mich, auch wenn es irgendwie selbstgerecht klingt. Aber so ist es. Ich weine um mich. Und aus Wut, dass mir so etwas passieren musste. Ich weine, weil es ich unfair finde. Ich weine, weine, weine und irgendwann schlafe ich ein. Wache auf. Gehe zur Arbeit. Gehe schlafen und weine nicht. Das Weinen kommt dann einige Tage später. So ist es. Und ich weiß, dass es in Ordnung ist. Dass es dazugehört. Dass eine Fehlgeburt eine traumatische Erfahrung ist, die ihre Spuren für immer hinterlässt.

Ich weiß, dass ich noch viel Zeit brauchen werde, um abschließen zu können. Und ich weiß, dass ich mir diese Zeit geben werde. Und ich weiß, dass ich stolz auf mich sein kann. Ich glaube, manchmal neigt man dazu, sich selbst zu unterschätzen. Ich hätte zumindest zu keinem Zeitpunkt von mir erwartet, eine solche Situation irgendwie „gestärkt“ überstehen zu können. Aber so fühlt es sich irgendwie an. Letztens war ich endlich mal wieder im Fitnesscenter und habe an einem Kurs teilgenommen. Und während die Musik dröhnte und ich schon spürte, dass mein Körper schwerer und schwerer wurde, da war ich fast schon glücklich. Ich hatte eine Fehlgeburt, dachte ich in diesem Moment.

Ich hatte eine Fehlgeburt und nun bin ich beim Sport und meinem Körper geht es gut und mir geht es auch gut. Ich weiß nicht, warum, aber es war ein so kraftgebender Moment.

Ich wünsche mir sehr, in Zukunft noch mehr solcher Momente erleben zu können. Ich wünsche mir, zuversichtlich nach vorne blicken zu können. Ich wünsche mir, irgendwann ein gesundes Kind, das Baby von meinem Mann und mir, in meinen Armen halten zu dürfen. Und bei den ersten Sonnenstrahlen, die leise durch die Vorhänge blitzen, zwischen Bettdecken und Kissenbergen mit unserem kleinen Baby kuscheln zu dürfen.

Ich bin Vanessa, 28 Jahre alt und Lehrerin. Ich liebe die Natur, insbesondere das Meer und meinen Mann, der immer zu mir hält, über alles. Außerdem bin ich gerne draußen, koche gern und verbringe gern Zeit mit meiner lieben Familie.